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    Die Tribute von Panem 4 - Mockingjay Teil 2
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Die Tribute von Panem 4 - Mockingjay Teil 2
    Von Andreas Staben
    Das muss man den Produzenten der „Tribute von Panem“-Reihe lassen: Sie versuchen gar nicht erst großartig, ihre Entscheidung, das abschließende Buch von Suzanne Collins‘ Romantrilogie in zwei Teilen zu verfilmen, als etwas anderes als eine Maßnahme zur Umsatzsteigerung erscheinen zu lassen. Was sich wirtschaftlich auf jeden Fall bezahlt machen wird (die ersten drei Filme haben zusammen weltweit deutlich über 2 Milliarden Dollar eingespielt), erweist sich erzählerisch als nicht unproblematisch – und das nicht etwa, weil der Zuschauer zu Beginn des abschließenden Kriegsdramas „Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 2“ mitten hineingeworfen wird in die Handlung und in das längst etablierte Reihenuniversum, ohne dass auf etwaige Neulinge Rücksicht genommen wird. Vielmehr macht sich beim Blick auf die gesamten 137 Minuten von „Mockingjay Teil 2“ insbesondere für Nicht-Kenner der Bücher eine dramaturgische Schieflage bemerkbar: Nachdem die bekannten Konflikte ausführlich zugespitzt und mit neuen Akzenten versehen wurden, ist die entscheidende halbe Stunde kurz vor dem Ende mit ihren schockierenden Wendungen zwar besonders aufregend, aber sie wirkt zugleich auch etwas gehetzt; über die moralischen Untiefen, die sich dort auftun, gehen Regisseur Francis Lawrence und seine Autoren allzu rasch hinweg. So steht zum Schluss der insgesamt über neun Stunden langen Saga ein etwas zwiespältiger Eindruck, den auch die durchaus überzeugenden Darsteller, das düstere Design und effektvoll inszenierte Actionsequenzen nicht ganz übertünchen können.

    Nach der Befreiung der im Kapitol gefangenen Hungerspiele-Sieger durch die Rebellen ist aus dem Aufstand endgültig ein Bürgerkrieg geworden, den die von Alma Coin (Julianne Moore) angeführten Revolutionäre nur gewinnen können, wenn sie Präsident Snows (Donald Sutherland) militärische Kommandozentrale und Waffenvorräte in Distrikt 2 erobern oder lahmlegen. Nachdem sich Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) von der Attacke durch ihren von Snows Leuten gehirngewaschenen Fast-Ehemann und Co-Tributen Peeta Mellark (Josh Hutcherson) erholt hat, soll sie als Gesicht der Rebellion helfen, die regierungstreue Bevölkerung des Distrikts auf ihre Seite zu ziehen. Dabei kommt es zu einem Zwischenfall, den Snow propagandistisch ausnutzt. Bald ist Katniss entschlossen, den Präsidenten persönlich umzubringen und landet schließlich in den mit tödlichen Fallen übersäten Straßen des Kapitols. Zu der kleinen Elitetruppe an ihrer Seite gehören Gale Hawthorne (Liam Hemsworth), der frisch verheiratete Finnick Odair (Sam Claflin), ein paar weitere Soldaten, Cressidas (Natalie Dormer) TV-Crew - und der nach wie vor unberechenbare Peeta …


    Die Macher sind bei ihrer pessimistischen Zukunftsvision konsequent vorgegangen und haben die positiven und hoffnungsvollen Töne immer mehr in den Hintergrund rücken lassen. In „Die Tribute von Panem“ und „Catching Fire“ wurde nicht nur mitreißende Arena-Action geboten, sondern man hat auch zunehmend ätzende mediensatirische Töne angeschlagen und die faschistischen Züge des Kapitol-Regimes angeprangert, ehe in „Mockingjay Teil 1“ ein gnadenloser Propagandakrieg entfesselt wurde. Diese Auseinandersetzung eskaliert nun in Teil 2, wobei die Grenzen zwischen den Gegnern Snow und Coin endgültig verschwimmen. Wenn die Rebellen die Strategie für ihren Angriff auf Distrikt 2 besprechen, dann steht schnell die Tötung von Zivilisten im Raum, der Zweck soll die Mittel heiligen, aber er wird damit nur entwertet. Die Unterschiede zwischen Richtig und Falsch, Wahrheit und Lüge, Realität und Täuschung sind in „Mockingjay Teil 2“ fast komplett aufgelöst. Während Gales moralischer Kompass ins kriegerische Extrem ausschlägt, hat Peeta durch die Gehirnwäsche jegliche Orientierung verloren. Immer wieder fragt er Katniss, ob seine Gefühle und Erinnerungen real sind. Und auch die Heldin selbst wird von Zweifeln geplagt, sträubt sich gegen ihre Instrumentalisierung und gegen die ihr zugedachte (Ver-)Führungsrolle. Diese an sich sehr spannenden Konflikte wurden und werden zwar geschickt etabliert, aber danach meist mehr abgehakt als vertieft und auserzählt.

    Selbst im Liebesdreieck zwischen Katniss, Peeta und Gale gibt es kaum Platz für die Unvernunft der Gefühle, seine Auflösung ist so zwangsläufig, dass ihr die Wirkungsmacht fehlt. Und ähnliches gilt für die Schicksale vieler Nebenfiguren: Dass Philip Seymour Hoffmans entscheidende Rolle als Ex-Spielleiter und Strippenzieher Plutarch Heavensbee kein ihrer Wichtigkeit entsprechendes Gewicht bekommt, ist mutmaßlich auf den frühen Tod des Schauspielers vor Abschluss seiner Arbeit zurückzuführen, aber auch Jeffrey Wright („Casino Royale“) als Beetee, Jena Malone („Sucker Punch“) als Johanna, Sam Claflin („Love, Rosie“) als Finnick und andere bekommen kaum Entfaltungsmöglichkeiten. Es bleiben nur Donald Sutherland („M.A.S.H.“), der als unverbesserlicher Präsident Snow viel aus seinen kurzen Auftritten herausholt und Julianne Moore („Still Alice“), die uns in ihren knappen Szenen immerhin spüren lässt, dass ihre Figur sich von der einstmals spröden Überzeugungstäterin zur clever-eigensüchtigen Machtpolitikerin gewandelt hat. Und es ist einmal mehr Jennifer Lawrence vorbehalten, das Publikum durch die trostlose Welt von Panem zu lotsen und bei der Stange zu halten. Dieser Aufgabe entledigt sie sich souverän wie immer, aber wenn Katniss am Ende wieder einmal alles auf den Kopf stellt, dann kann auch Lawrence nicht im Alleingang für die dramatische Fallhöhe sorgen, die der Moment verdient hätte.

    Im Showdown müssen uns die an Hitlers Pläne für die Reichshauptstadt Germania erinnernde monströse Architektur und das dazu passende faschistoide Zeremoniell genügen, um alle Fragen zu Katniss‘ Handlungsweise zu beantworten. Stärker als in den vorigen Filmen der Reihe bleibt die Spannung diesmal äußerlich, in dieser Hinsicht wird gerade im Vergleich zum eher ruhigen ersten „Mockingjay“-Kapitel allerdings eine Menge geboten. Auch aus dem Entscheidungskampf im Bürgerkrieg wird dabei von den gegnerischen Parteien auf perfide Weise ein Medienspektakel gemacht (es ist nicht zufällig die Rede von den „76. Hungerspielen“): Snow lockt die Rebellen ins Kapitol und lässt die Straßen mit sogenannten Kapseln übersäen, tödlichen Fallen, die den vorrückenden Feinden Einhalt gebieten und nebenbei für nützliche Fernsehunterhaltung sorgen sollen. Besonders eindrucksvoll ist dabei eine Sequenz, in der die Gruppe um Katniss in einem Hinterhalt unter einer lawinenartigen Welle Öl begraben zu werden droht. Sie ist der Höhepunkt in einem durchweg spannenden Parcours, der für Ortskundige noch den zusätzlichen Reiz des Wiedererkennens der Berliner Drehorte bietet. Und wenn es aus dem Straßendschungel in die Kanalisation geht, dann wird dort mit einer fiesen Mutantenattacke für weitere Aufregung gesorgt. Das vorherrschende Gefühl von ständiger Gefahr – das auch dadurch befeuert wird, dass auch bekannte Gesichter nicht sicher sind – ist vielleicht die größte Stärke des Films. Aus dem Albtraum wird niemand entlassen.   

    Fazit: Der abschließende Film der „Tribute von Panem“-Reihe bietet viele der gewohnten Qualitäten, bleibt insgesamt aber hinter den anderen Teilen zurück.
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