Mein FILMSTARTS
The Raid 2
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
The Raid 2
Von
Mit seinem brachialen, in seiner Wahlheimat Indonesien gedrehten Martial-Arts-Kracher „The Raid“ hat der Waliser Gareth Evans 2011 den innovativsten Actionfilm des angebrochenen Millenniums rausgehauen: Eine intensivere Leinwanderfahrung als diese 100 Minuten, in denen sich der junge Rekrut Rama nahezu ohne Verschnaufpause durch die Flure eines von Syndikat-Schergen besetzten Hochhauses in Jakarta prügelt, kann man sich kaum vorstellen. Dabei ist die Idee, die gesamte Handlung in einem einzigen Gebäude anzusiedeln, nur aus der Not heraus entstanden: Ursprünglich hatte Evans nämlich ein auch räumlich ausuferndes Gangster-Epos verfasst, für dieses aber einfach nicht das nötige Budget zusammenbekommen. Nun ist die Filmgeschichte voll von Projekten, bei denen man sich auch Jahrzehnte später noch fragt, wie sie wohl ohne aufgezwungene finanzielle oder technische Kompromisse ausgesehen hätten, aber dieses Mal bekommen wir tatsächlich eine Antwort: Nach dem Erfolg von „The Raid“ fiel das Geldeinsammeln plötzlich sehr viel leichter und so konnte Evans seine ursprüngliche Vision als „The Raid 2“ nun doch noch in die Tat umsetzen: Dabei pulverisiert der Filmemacher nicht nur erneut die Grenzen dessen, was bisher als physisch machbar erachtet wurde, er merzt auch den einzigen Makel des Vorgängers aus und präsentiert im zweiten Anlauf neben einer weltrekordverdächtigen Anzahl an „What the Fuck“-Momenten auch eine mitreißende Story.

Noch in derselben Nacht der Geschehnisse aus „The Raid“ wird Rama (Iko Uwais) für seine nächste Mission angeheuert: Der Polizei-Rekrut soll einen Politiker-Sprössling zusammenschlagen, um sich anschließend nach seiner Verurteilung im Knast das Vertrauen von Uco (Arifin Putra), dem Sohn des mächtigen Syndikat-Bosses Bangun (Tio Pakusodewo), zu erschleichen. Statt wie geplant ein paar Monate bekommt der junge Familienvater jedoch gleich zwei Jahre aufgebrummt - aber nicht einmal das lässt ihn an seiner Mission zweifeln: Nach seiner Freilassung nimmt Rema wie geplant eine Stellung in Banguns Organisation ein. Nun muss er mit der ständigen Furcht leben, aufzufliegen und bekommt es obendrein mit scharenweise konkurrierenden Gangstern und korrupten Polizisten zu tun…


Den üblichen Hollywood-Spielregeln folgend hätte man nach dem begeisterten Aufruhr um „The Raid“ eigentlich darauf wetten können, dass sich die Traumfabrik Gareth Evans so schnell wie möglich einverleiben würde. Aber das Regietalent hat sich lieber zunächst einmal sein Herzensprojekt „The Raid 2“ vorgeknöpft. Erst danach will er Hollywood erobern und mit dem Trilogie-Abschluss „The Raid 3“ ein wenig warten. Auf den zweiten Blick ist die Entscheidung, erst „The Raid 2“ zu realisieren, allerdings gar nicht mehr so überraschend, schließlich wäre es dem Filmemacher schlicht nicht möglich, seine besessen-akribisch Arbeitsweise in den USA fortzusetzen: Training, Choreographie und Proben für die Martial-Arts-Sequenzen in „The Raid 2“ haben satte 18 Monate in Anspruch genommen – für Hollywood-Verhältnisse ein fast undenkbarer (und unbezahlbarer) Aufwand!

Von einer Gefängnishofschlägerei in tiefem Schlamm mit gut und gerne 100 Beteiligten über ein Sushi-Restaurant-Gerangel mit gut durchgegarten Gesichtshälften bis zu den finalen, offensichtlich an die Dramaturgie von Videospielen angelehnten Die-Namen-sind-Programm-Boss-Fights gegen Hammer Girl (Julie Estelle) und Baseball Bat Man (Very Tri Yulisman) – Evans hat seine zweieinhalb Stunden bis zum Anschlag nicht nur mit unvergesslich-brillanten Action-Sequenzen vollgestopft, er hat aufgrund der ohnehin schon stolzen Lauflänge sogar noch welche herausschneiden müssen. Beim Härtegrad macht Evans dagegen einmal mehr keinerlei Kompromisse - womit er in Hollywood kaum durchkommen würde: In „The Raid 2“ spritzen mehr Blut und Gedärme als in vielen expliziten Gore-Streifen – trotzdem wirkt die Brutalität nie selbstzweckhaft (inklusive eines Zwangs-Pornodrehs, bei dem aufgelesene Anhalter von großbusigen Frauen mit XXL-Umschnalldildos traktiert werden), sondern in der kalten Geschäftswelt des Gangstersyndikats geradezu zwangsläufig.

Auch wenn die so noch nie gesehenen Martial-Arts-Sequenzen mit ihrer unglaublichen Dynamik, Spannung und Ausdrucksstärke natürlich das Hauptargument für einen Kinobesuch bleiben, bezieht sich das nach der Sundance-Premiere um die Welt gegangene Pressezitat „Der ‚The Dark Knight‘ des Actionkinos!“ in erster Linie auf die Story des Films: Denn nach der bewusst simplen (und trotzdem etwas überladenen) Handlung des Vorgängers entwirft Evans, der erneut auch das Drehbuch verfasste, nun einen geradezu epischen Mafiaplot, in dem jeder jeden hintergehen und jeder jederzeit als Bauernopfer enden kann. Ein Vergleich mit der unerreichten „Infernal Affairs“-Trilogie wäre aufgrund des deutlichen Action-Fokus von „The Raid 2“ zwar übertrieben, aber es ist trotzdem verdammt beeindruckend, welche gesellschaftlichen Abgründe sich hier zwischen den Fight-Sequenzen auftun: Der Tourismusbehörde seiner Wahlheimat hat Evans mit seinem Film zumindest keinen Gefallen getan.

Fazit: Besser kann man Action nicht inszenieren – und der Rest ist auch verdammt gut.
Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
  • Die neuesten FILMSTARTS-Kritiken
  • Die besten Filme aller Zeiten: Usermeinung
  • Die besten Filme aller Zeiten: Pressemeinung

Kommentare

  • Fa Zur H?lle

    Auf so eine Kritik hab ich gewartet. Erst die genialen Trailer und jetzt das. Wenn das nicht der Actionfilm des Jahres wird weiß ich auch nicht weiter.

  • Nikoprot

    Ich bin mir immer noch unsicher, ob ich mir den anschauen sollte. Einerseits sind die Kritiken durch die Bank weg sensationell, andererseits konnte ich dem ersten Teil absolut nichts abgewinnen...

  • mercedesjan

    Die sollen endlich den deutschen Starttermin preisgeben!!
    Ich fand den ersten nicht schlecht aber auch net mehr, aber nach dem Trailer und dem was hier geschrieben wird, denk ich das Teil 2 genau mein Ding ist...Zumal ich die Deleted Scene "Gang War" schon gefeiert habe...

  • ChiliPalmer

    Dito, fand den ersten auch nicht überragend (ich hätte 3 Sterne vergeben)...

  • ChiliPalmer

    Erstmal Hut ab für die fast spoilerfrei Kritik... Den zweiten Absatz hab ich natürlich nicht gelesen, der Rest ist von einigen unwichtigen Informationen spoilerfrei...

    Kommen wir jetzt zur Kritik an sich... Ich hoffe der ist wirklich so gut wie beschrieben, ich habe nämlich das Gefühl, dass hier wieder mächtig Sympathiesterne vergeben wurden... Klar, dass man mit einem Film aus Indonesien etwas rücksichtsvoller umgeht, aber den Vergleich zu Hollywood- oder Asia-Produktionen würde ich dennoch ziehen... Ein Besipiel: Die Kampfchoreographie des ersten Teils wurde in den Himmel gelobt, leider konnte ich das für mich nicht bestätigen, ich habe besseres schon von Donnie Yen oder Jet Li gesehen...

    Trotz der 4,5 Sterne gehe ich vorsichtig an den Film heran und erwarte mal nichts weltbewegendes... Umso besser wenn er es doch ist...

  • niman7

    Wow 4,5 Sterne! Dann muss ja wirklich was dran sein. Ich würde mich trotzdem freuen wenn dieses Regietalent nicht den Hollywood-Weg einschlägt sondern sich selbst treu bleibt.

  • SonnyC

    Finde den Trailer ehrlich gesagt nicht soo überragend und ich hätte dem ersten auch 4 Sterne gegeben. Habe mir aber, filmstartserprobt, auch nur den ersten Absatz gegeben. Hoffe entsprechend auf eine wirklich durchdachte Story. Wo diese bei all der Schlägerei hinpasst, wird sich zeigen.

  • TresChic

    The Raid I ist der beste Martial Arts Film der letzten 15 Jahre, glaubt mir ich kenne ALLE, daher einfach ausleihen wenn den jemand noch nicht gesehen hat.

  • Nikoprot

    Hab ihn nur einmal gesehen, damals zum Kinostart. Sind in meiner Erinnerung nur 2 Sterne für mich. :/

  • on-tilt-dude

    Hab den Film schon gesehen. Einer der besten Martial Arts Filme die je gedreht wurden, eventuell sogar der Beste. Viel besser als der erste Teil, denn diesmal kommt auch eine spannende Story hinzu. Von mir bekommt der Film 5/5 Sternen.

  • Der Eine vom Dorf

    Damit hatte ich ja überhaupt nicht gerechnet. Jetzt bin ich interessiert - der erste Teil hat mir gut gefallen.

  • Fain5

    Tja dann guckt ihn halt nicht. Alle Kritiken bringen nichts, wenn ihr mit solchen Filmen nichts anfangen könnt.

  • Skywalker

    Und Ong Bak war damals nicht neues und innovatives?

  • Skywalker

    Gestern noch den ersten geguckt. Spaßiger, gut choreographierter Film. Mal sehen, wann der zweite kommt.

  • Venom

    Geht mir ähnlich. Und ich schau eigentlich gerne Eastern bzw. so Prügel Action. Aber der Film hat mich irgendwie nicht gepackt. Werd den zweiten trotzdem mal anschauen bei Gelegenheit.

  • Venom

    Den fand ich z.B. auch deutlich besser als den ersten Raid.

  • ecki82

    Also ich sage mal so viel. Dagegen war der Erste Teil Scheiße;) Absolut Unfu..ing fassbar!!!

  • screener

    Oberkracher!

  • Sidekick

    Außerdem spielt die asiatische Version von Bruce Campell mit.

  • PaddyBear

    Sehr sehenswerter Actionfilm mit einer guten Story, fantastischen Fight Szenen und einer meisterhaften Inszenierung. 4/5

  • Schnafffan

    Ich bin diesem Film nur wegen einer Sache gram:
    Ich werde kaum einen "Action"film mehr sehen können, ohne gelangweilt mit den Augen zu rollen.

    "The Raid 2" ist so unfassbar meisterlich inszeniert, dass 95 % aller Konkurrenzprodukte (ob nun aus der Vergangenheit oder aus dem gegenwärtigen Hollywood, auch Asien) ausschauen wie dilettantische Kinderkränzchen. "The Raid 2" ist seiner Zeit mindestens (!) 10 Jahre voraus, es wird eine gefühlte Ewigkeit dauern, bis da etwas vergleichbares kommt. Der einzige, der das vollbringen kann, ist Gareth Evans.

    Deshalb: Danke dir, John Woo, du hast das Actionkino um Meilensteine bereichert, aber der König dieses Genres ist nun ein gewisser Waliser.

    Viel mehr muss ich nicht mehr hinzufügen, das Wichtigste steht in der guten Kritik.
    Auch von mir 4,5 Sterne.

  • Fain5

    "Die Story mit 2,5 h viel zu lang und zu überladen. eigentlich weiss man gar nicht wer gegen wen kämpft." Doch, weiß man.

  • Fain5

    Ich finde er hat eher was von Matt Dillon gepaart mit Bruce Campell.

Kommentare anzeigen
Back to Top