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    Excision
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Excision
    Von Robert Cherkowski
    Auch wenn die Vereinigten Staaten die größte Pornoindustrie der Welt haben, herrscht gerade im religiös geprägten „Heartland" eine rigide Sexualmoral. Besonders die Jugend ist gezwungen, irgendwo zwischen den Leistungsvorgaben der Pornographie und der scheinheiligen Sauberkeit bürgerlicher Doppelmoral einen Platz im Leben zu finden. Das Dilemma spiegelt sich auch im Genre-Kino: Während jugendlicher Geschlechtsverkehr im Mainstream-Horrorfilm heute noch meist gleichbedeutend mit dem baldigen Tod ist, wird in den Underground- oder Arthouse-Varianten das Thema Sexualität oft auf deutlich differenziertere Weise behandelt. Einer dieser Glücksfälle liegt nun mit Richard Bates Jr.'s Horror-Satire „Excision" vor. Auch wenn es dabei nicht immer subtil zu Werke geht und so manchem Vorbild allzu offensichtlich Tribut gezollt wird, handelt es sich hier doch um einen gelungenen Horror-Film über das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Teenager in amerikanischen Vororten.

    So weiß die Gartenzäune auch sein mögen, so penibel der Rasen auch gestutzt ist: Das Leben in Suburbia kann die Hölle sein. Die exzentrische, ein wenig eigenbrötlerische Teenagerin Pauline (AnnaLynne McCord) leidet unter der Prüderie, dem Konformismus der Schule und ihrer biederen Mutter, die ihr permanent das Gefühl gibt, dass etwas mit ihr nicht stimmt. Das Leben zu genießen fällt jedoch schwer, wenn die gleichaltrige Damenwelt aus mageren Cheerleadern zu bestehen scheint und die Herren der Schöpfung nur lüstern-stumpfe Arschlöcher sind. Mehr und mehr verliert sich Pauline in blutig sexualisierten Visionen, in denen es vor aufgeschnittenen, blutenden Körpern nur so wimmelt. Als sich Paulines persönlichen Fetische und die Realität nicht weiter miteinander vereinbaren lassen, bahnt sich eine Katastrophe an.

    Mit „Excision" nimmt Regisseur Richard Bates Jr. selbstbewusst zwischen den Stühlen von Horror und Arthouse-Kino Platz und dreht beiden Gattungen eine lange Nase. Wer eine schrille Satire auf amerikanische Prüderie und den Umgang mit erwachender jugendlicher Sexualität vergleichbar mit „Ghost World", „Willkommen im Tollhaus" oder „The Virgin Suicides" erwartet, dem wird schon die Eingangssequenz zuviel sein. Nicht zum einzigen Mal wird in den Kopf der Heldin geblickt, wo sich blutige, sexuell aufgeladene Wunschträume abspielen. In überaus deutlichen Bildern und mit expressivem Sounddesign inszeniert Bates krasse kleine Schockvisionen, die so manchen Feingeist abschrecken werden. Das ist starker Tobak auf direktem Konfrontationskurs mit den Sehgewohnheiten der Publikumsmehrheit. Den Gore- und Genre-Fan dagegen könnte die langsame, elliptische Erzählweise irritieren und einen prätentiösen „Kunstfilm" wittern lassen – dabei hält Bates den Film weitgehend in der goldenen Mitte zwischen Genre-Vergnügen und künstlerischem Anspruch.

    Ausnahmsweise bringt der Mittelweg diesmal nicht den Tod, sondern führt den willigen Zuschauer auf einen perfiden Ritt in die irre Welt ästhetisch anspruchsvoller Provokation. Allein die Besetzung von Schock-Regisseur John Waters („Hairspray") als örtlicher Pfarrer, „Uhrwerk Orange"-Star Malcolm McDowell als Lehrer und Ex-Porno-Queen Traci Lords als Paulines verspießte Mutter, macht deutlich, dass man diesen Blick auf die Jugend der Nation nicht unbedingt allzu ernst nehmen sollte. Dass diese kleinen Gastauftritte den schauspielerisch besten Eindruck, während die junge Garde um Hauptdarstellerin AnnaLynne McCord („90210") eher durch Charisma auffällt, ist dabei nur eine Randnotiz.

    Mehr als die Darstellerleistungen sind der konsequent durchgehaltene Look, der schwarze Humor und die Lust am Experiment hervorzuheben. Die starren Perspektiven, in denen große Teile von „Excision" gefilmt sind, erwecken bisweilen Erinnerungen an Werke des neuen griechischen Kinos wie „Dogtooth" oder „Attenberg", aber auch an Klassiker wie „Katzelmacher" von Rainer Werner Fassbinder. Auch wenn Richard Bates diese Vorbilder nie erreicht – dafür bedient er sich insgesamt dann doch einer etwas zu plumpen Symbolik – trifft er mit seiner Horror-Satire doch meistens ins Schwarze.

    Fazit: Auch wenn hier nicht jeder Giftpfeil in Richtung Spießertum und Sexualmoral sein Ziel findet, ist die Trefferquote in Richard Bates Jr.‘s visuell verspielter Horror-Satire erstaunlich groß: ambitioniertes Nischenprogramm für Hartgesottene.
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