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    Bevor der Winter kommt
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Bevor der Winter kommt
    Von Ulf Lepelmeier
    Der erfolgreiche Romancier Philippe Claudel bewies gleich mit seinem Debütfilm „So viele Jahre liebe ich dich“ großes Fingerspitzengefühl bei der Zeichnung komplexer Figuren. Nach dem intimen Drama, das seine Intensität durch das subtile Spiel von Kristin Scott Thomas gewann, sind Regisseur und Hauptdarstellerin in „Bevor der Winter kommt“ erneut vereint. Doch durch die nicht durchweg überzeugende Verknüpfung von Ehedrama und mysteriöser Thrillerhandlung wirkt Claudels Film bisweilen allzu unbestimmt und verliert manches seiner eigentlich immensen Kraft.

    in einem Café wird der Neurochirurg Paul Natkinson (Daniel Auteuil) von der jungen Kellnerin Lou (Leïla Bekhti) angesprochen: Als Kind habe er ihr durch eine Operation das Leben gerettet, wofür sie ihm immer noch dankbar sei. Der etwas verdutzte 60-Jährige erinnert sich allerdings nicht an diese Operation und reagiert eher distanziert auf die Worte der hübschen Frau. Einige Tage später erhält der beruflich stark eingespannte Paul erstmals einen Strauß roter Rosen. Fortan werden Rosen nicht nur in sein Büro geschickt, sondern auch von Blumenboten bei ihm zu Hause abgegeben oder auf seinem Auto platziert. Sowohl Paul als auch seine Frau Lucie (Kristin Scott Thomas) fragen sich, was diese anonymen Blumengrüße zu bedeuten haben. Dann verliert der 60-Jährige bei einer komplizierten Operation die Konzentration und wird für einige Zeit freigestellt, um sich zu erholen. Ohne wirkliche Aufgabe wird ihm bewusst, wie fremd er und seine Frau Lucie sich geworden sind. So sucht er nun den Kontakt zu Lou. Schon bald erfährt Lucie von der möglichen Affäre ihres Mannes mit der Marokkanerin...


    Auf kleine Details bedacht und immer wieder mit Metaphern spielend, beschäftigt sich Claudel in seinem edel bebilderten, aber etwas unterkühlten Drama neben der durch eine angebliche Affäre ins Straucheln geratenden Beziehung, mit der Frage, was von einem Leben letztlich bleibt und ob das Festhalten an vertrauten, eingefahrenen Strukturen nicht zwangsläufig in Unzufriedenheit mündet. Dabei weist „Bevor der Winter kommt“ einige Parallelen zu Michael Hanekes „Caché“ auf: Angefangen von der Besetzung der Hauptfigur mit Charakterdarsteller Daniel Auteuil, über die Rosensendungen, die wie in „Caché“ die VHS-Kassetten ohne Absender eintreffen und einen Eingriff in das Leben eines Paares darstellen, dessen Beziehung durch fehlende Kommunikation immer stärker in Mitleidenschaft gezogen wird, bis zur Thematisierung der französischen Kolonialvergangenheit.

    Doch die permanente Spannung, die Hanekes Werk auszeichnete, erreicht „Bevor der Winter kommt“ nicht. Trotz der überlegten Einbindung von Thrillerelementen, will das Mysterium um die schöne Lou, die sich Paul gegenüber genauso charmant wie geheimnisvoll verhält, nicht wirklich zünden. Letztlich mündet die Geschichte in einer überhasteten Auflösung, die nicht ganz zu dem sonstigen Spiel mit Andeutungen passt. Die Schilderung zwischenmenschlicher Feinheiten, wie auch die ambivalente Beziehung zwischen Paul und der von Leïla Bekhti („Point Blank - Bedrohung im Schatten“) überzeugend verkörperten mysteriösen Marokkanerin können dagegen überzeugen. So ist Claudels Beziehungsdrama dann am stärksten, wenn die schauspielerische Klasse von Kristin Scott Thomas und Daniel Auteuil zum Tragen kommt und sich durch die feinfühlige Inszenierungsweise Gefühlsnuancen offenbaren. In einer Szene am Anfang des Films schaltet etwa der ewig beschäftigte Paul nach einem gemeinsamen Abendessen mit Lucie Musik ein, um seine Frau zu einem verträumten Tanz zu bitten. Allein durch Mimik und Körpersprache erzählt die Szene alles über die Situation ihrer Beziehung: Sie kreisen umeinander als wollten sie die Innigkeit und Liebe von einst zurückgewinnen, aber können die sich in den Jahren herausgebildete Distanz nicht mehr durchbrechen.

    Claudel zeichnet in seinem Film das eingefahrene Leben eines Paares, das sich bewusst wird, immer nur funktioniert und im Sinne der gesellschaftlichen Konventionen gehandelt, dabei aber nie eigene Lebenswünsche entwickelt oder den eingeschlagenen Pfad jemals in Frage gestellt zu haben. Immer wieder beteuert Paul seine Liebe zu Lucie, doch der Tonfall ihrer gemeinsamen Konversationen schwankt nur noch zwischen beiläufiger Vertrautheit und Zynismus, während eine tiefergehende Unterhaltung schon lange nicht mehr stattfindet. Auch für die sich beständig allein fühlende und sich um Haus und Garten kümmernde Lucie, ist die scheinbare Affäre ihres Mannes letztlich nur der finale Auslöser, um ihr Leben und ihre bisherige Entscheidung für ein Dasein im Hintergrund des erfolgreichen Neurochirurgen in Frage zu stellen. So ist „Bevor der Winter kommt“ vor allem als Drama einer festgefahrenen Ehe ein sehenswerter Film.

    Fazit: Wohldurchdacht und allegorienreich schildert Philippe Claudel mit zwei exzellenten Hauptdarstellern eine eingefahrene Ehe. Doch während die Schilderung der Beziehungskrise hervorragend gelingt, kann der Handlungsstrang um die geheimnisvolle Marokkanerin nicht überzeugen, so dass „Bevor der Winter kommt“ etwas unentschlossen zwischen den Genres mäandert.
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