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Verstehen Sie die Béliers?
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Verstehen Sie die Béliers?
Von Asokan Nirmalarajah
Nirgendwo wird derzeit so viel und herzhaft gelacht wie bei den Franzosen. Und das meist über das Aufeinandertreffen zwischen der gutbürgerlichen, weißen Mittelschicht und unterschiedlichen Minderheiten. Erst sorgte der dunkelhäutige Omar Sy als hyperaktives, charmantes Ghetto-Gewächs für Trubel in elitären Pariser Kreisen in den „Schwarz-Weiß“-Buddy-Filmen „Ziemlich beste Freunde“ und „Ein MordsTeam“. Dann setzte sich mit Philippe de Chauverons „Monsieur Claude und seine Töchter“ ein politisch unkorrektes Lustspiel über eigenwillige Culture-Clash-Paarungen, mit denen ethnische, religiöse und ökonomische Grenzen durchkreuzt werden, über Wochen an die Spitze der französischen Kinocharts. Dicht an die Fersen dieses Megahits hat sich im Dezember 2014 die Feelgood-Komödie „Verstehen Sie die Béliers?“ von Éric Lartigau („Nachtblende“) geheftet, in der trotz viel Charme und Esprit nicht nur mit Taubstummen gelacht wird, sondern leider auch teilweise über sie.
 
Die Béliers sind im Grunde eine ganz normale Bauernfamilie. Vater Rodolphe (François Damiens) verbringt den Tag bei den Kühen in der Molkerei. Mutter Gigi (Karin Viard) sorgt sich um die Käseerstellung, die Kinder und den Haushalt. Die 16jährige Tochter Paula (Louane Emera) hilft mit dem zwölfjährigen Bruder Quentin (Luca Gelberg) den Eltern am Käsestand auf dem Wochenmarkt aus. Was die Familie besonders macht, ist der Umstand, dass alle außer Paula taubstumm und auf deren Übersetzungshilfe angewiesen sind, um sich im Alltag der Hörenden zu behaupten. Die Eltern bürden Paula dabei viel Verantwortung auf, derer sich die Heranwachsende zunehmend entziehen will. Da befördert Paulas Schwärmerei für den Schulneuzugang aus Paris, den gelockten Gabriel (Ilian Bergala), sie ungewollt in den Schulchor, wo ihr ungeahntes Gesangstalent das kalte Herz des Chorleiters Thomasson (Eric Elmosnino) erwärmt. Dieser drängt sie fortan dazu, nicht nur ein Duett mit Gabriel zu singen, sondern auch zu einem wichtigen Vorsingen nach Paris zu fahren. Doch wie soll Paula das ihrer Familie erklären?


Humor, so die landläufige These, ist oft eng an die Sitten und Traditionen eines Volkes gebunden, sodass er über nationale Grenzen hinweg längst nicht immer funktioniert. Gerade das Lachen mit und vor allem über Minderheiten, das in einigen jüngeren Komödien aus Frankreich forciert wird, verdarb schon manch einem nicht-französischen Kinozuschauer den Spaß. Auch Éric Lartigaus witzig inszenierte und ergreifend gespielte Familienkomödie „La Famille Bélier“ (so der etwas weniger plumpe Originaltitel) dürfte mit ihrer klamaukhaften Darstellung einer überdrehten taubstummen Familie durchaus für Gesprächsstoff sorgen. Das ist vor allem der Entscheidung der Macher geschuldet, die taubstummen Béliers streckenweise als skurrile Freaks auftreten zu lassen, die mit ihrem abwegigen Verhalten der „normalen“ Paula immer wieder den letzten Nerv rauben. Vor allem Karin Viard („Delicatessen“) als wild gestikulierende, schamlose und lüsterne Familienmutter dreht dabei voll auf. Als handle es sich hier um eine überdrehte Parodie sexbesessener Franzosen, können die Eltern nicht die Finger voneinander lassen und auch Paulas kleiner Bruder erweist sich als frühreifer Lustmolch.

Wen diese etwas derberen und wenig zimperlichen Aspekte nicht übermäßig stören, der kann sich wie bereits über fünf Millionen französische Kinobesucher über eine unterhaltsam ausgeschmückte Coming-of-Age-Geschichte freuen, die von einer durchweg positiven, lebensfrohen Grundstimmung durchzogen ist. Dazu kommen einladende, warme Bilder vom ländlichen Frankreich, schöne Songs und eine insgesamt hervorragende, engagierte Besetzung, die von der charismatischen Louane Emera angeführt wird. Die Halbfinalistin aus der zweiten Staffel des französischen „The Voice“ bringt ihr eindrucksvolles Gesangsorgan voll zur Geltung, empfiehlt sich aber auch als Schauspieltalent – nicht zufällig wurde sie für diese Rolle mit dem César für die Beste Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet. Wenn Paula am Ende ihren fassungslosen Eltern Michel Sardous „Je vole“ vorträgt, dann ist das einfach nur herzzerreißend schön.  

Fazit: Kurzweilige und gefühlvolle, allerdings nicht ganz vorurteilsfreie Familienunterhaltung mit viel Schwung und guter Laune.
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