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    Tatort: Im Schmerz geboren
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Tatort: Im Schmerz geboren
    Von Lars-Christian Daniels
    Wer einen „Tatort“ mit LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) einschaltet, sollte mittlerweile wissen, dass ihn kein gewöhnlicher Sonntagabendkrimi erwartet. Vielmehr haben sich die Verantwortlichen vom Hessischen Rundfunk offenbar das Ziel gesetzt, mit den Fällen aus Wiesbaden die Grenzen der Krimireihe auszutesten: Regisseur Justus von Dohnányi beispielsweise stellte seiner surreal angehauchten Krimigroteske „Tatort: Das Dorf“ einen an die Edgar-Wallace-Filme erinnernden Vorspann voran und servierte Murot das eigene Gehirn auf einem Silbertablett. Ein großer Teil des „Tatort“-Publikums konnte mit diesem mutigen Experiment wenig anfangen: Während die Filmkritiker den später für den Grimme-Preis nominierten Genremix in den Himmel lobten, lief bei der ARD das Beschwerdetelefon heiß. Es folgte der deutlich bodenständigere Wiesbadener „Tatort: Schwindelfrei“, aber wer deshalb glaubte, man habe beim HR vorerst genug von polarisierenden Radikal-Krimis, erlebt beim vierten Murot-Fall sein blaues Wunder: Regisseur Florian Schwarz und Drehbuchautor Michael Proehl pulverisieren mit ihrem „Tatort: Im Schmerz geboren“ alles bisher in der Krimireihe Dagewesene – und das nicht nur aufgrund der Rekordzahl von 47 Leichen. Der mit Dutzenden Zitaten aus Theater, Kino, Musik und Kunst durchsetzte Film ist ein TV-Ereignis: eine der besten und außergewöhnlichsten „Tatort“-Folgen aller Zeiten.

    An einem verlassenen Bahnhof in Wiesbaden steigt Richard Harloff (Ulrich Matthes) aus dem Zug. Er wird bereits von drei bewaffneten Männern erwartet: Es sind die Söhne von Schrottplatz-Unternehmer Alexander Bosco (Alexander Held), der noch eine Rechnung mit ihm offen hat. Ehe Harloff in Bedrängnis gerät, liegen die Angreifer aber erschossen auf dem Boden. Wer ist der Killer? Harloff selbst wird durch die Bilder einer Überwachungskamera entlastet. Doch LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) und seine Assistentin Magda Wächter (Barbara Philipp) ahnen, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Harloff ist für Murot nämlich kein Unbekannter – er ist sein ehemals bester Freund, mit dem er vor 30 Jahren die Polizeischule besuchte. Einst teilten sich die beiden sogar dieselbe Frau, bevor Harloff wegen eines Drogendelikts vom Dienst suspendiert wurde und sich mit der gemeinsamen Geliebten nach Bolivien absetzte. In den folgenden Jahrzehnten stieg der deutsche Exilant in Südamerika zu einem einflussreichen Gangsterboss auf – und ist nun offenbar in seine hessische Heimat zurückgekehrt, um zusammen mit seinem Sohn David (Golo Euler) Rache an denen zu üben, die ihn einst vertrieben. Murot tut alles, um die sich anbahnende Mordserie zu stoppen – doch der clevere Harloff scheint ihm immer einen Schritt voraus zu sein...


    Selten startete ein „Tatort“ mit so vielen Vorschusslorbeeren: Die Jury des Filmfests München bedachte die 920. Ausgabe der Krimireihe mit dem Bernd-Burgemeister-Fernsehpreis und beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen gewann der Krimi neben dem Publikumspreis auch den Medienkulturpreis für einen Film, „der vorbildhaft ist für den Erhalt einer Medienkultur in Deutschland, der es unabhängig von Einschaltquoten um Qualitätsfernsehen im Bereich des Fernsehspiels geht“ Die Zuschauerzahl dürfte sich beim eher konservativ eingestellten Publikum in der Tat schon nach wenigen Minuten reduzieren: Statt des gewohnten Leichenfunds zum Auftakt und abgegriffenen Verhören nach dem Wo-waren-Sie-gestern-Abend-Prinzip kriegt der Betrachter einen Erzähler auf einer Theaterbühne (Alexander Held in einer Doppelrolle) zu sehen, der die „vierte Wand“ durchbricht und direkt zum Publikum spricht. Auch in der Folge wird die Krimihandlung immer wieder durch Einschübe des Erzählers aus dem Off unterbrochen – das verleiht der Geschichte etwas Magisches und gibt ihr fast den Anstrich einer Sage. Und manchmal friert Regisseur Schwarz die Szenerie sogar für einen Augenblick ein, um sie kunstvoll zum Teil eines filmischen Gemäldes zu verarbeiten.

    Doch im 920. Tatort“ finden sich nicht nur unzählige Shakespeare-Anleihen, Verweise auf Werke der bildenden Kunst und Zitate klassischer Musik von Beethoven bis Holst – schon in der zweiten Sequenz wird der Krimi vorübergehend zum stimmungsvollen Italo-Western. Der Showdown auf dem verlassenen Bahnhof ist eine wunderbar überzeichnete Hommage an Sergio Leones Meisterwerk „Spiel mir das Lied vom Tod“, dessen Anfangsminuten mit den wartenden Cowboys zu den berühmtesten Sequenzen der Filmgeschichte zählen. Selbst die sengende Hitze und das Geräusch der summenden Fliege, das die zähe Stille durchbricht, greifen die Filmemacher direkt auf und lassen Murots Kollegen Schneider (Shenja Lacher) die Videoaufnahmen später augenzwinkernd kommentieren („Sieht aus wie ein Duell in ‘nem billigen Western.“). Die Dreiecksbeziehung zwischen Felix Murot, Richard Harloff und der gemeinsamen Geliebten Mariella Valdez hingegen ist das „Tatort“-Pendant zum französischen Liebesfilmklassiker „Jules und Jim“ von François Truffaut (Murot: „Harloff und ich haben diesen Film mindestens zehn Mal im Kino gesehen!“), und auch Kenner von Zack Snyder und Quentin Tarantino dürften bei vielen Szenen ein Déjà-vu erleben. Dank farbenfroh eingefärbter Freeze Frames werden sogar Erinnerungen an die Kung-Fu-Film-Welle der 70er Jahre geweckt.

    Der „Tatort: Im Schmerz geboren“ ist also schon rein stilistisch und visuell ein Höhepunkt der vielgescholtenen öffentlich-rechtlichen Fernsehunterhaltung – doch laufen die eng befreundeten Filmemacher Florian Schwarz und Michael Proehl, die bereits den überragenden Frankfurter „Tatort: Weil sie böse sind“ gemeinsam konzipierten, bei ihrem Parforce-Ritt durch die Genres nie Gefahr, ihre Geschichte angesichts der hübschen Verpackung zu vernachlässigen. Sie warten vielmehr mit vielen abgründigen Twists und bitterbösen Dialogen auf – die groteske Mischung aus romantischem Liebesdrama, brutalem Rachethriller und wendungsreichem Gangster-Epos reißt von Beginn an mit. Wer am Ende nur die Leichen zählt, hat den Film schlichtweg nicht verstanden: Der Großteil der 47 Toten wird binnen weniger Minuten angehäuft (zu klassischen Walzerklängen, versteht sich), aber anders als beim bisherigen Leichenrekord im Hamburger „Tatort: Kopfgeld“ (mit Til Schweiger und Fahri Yardim) artet der Krimi nie zum substanzlosen Actiongewitter aus. Um die jeweils richtige dramatische Wirkung zu erzielen, wird hier nichts dem Zufall überlassen. So hat man für den Klassik-Soundtrack nicht etwa auf vorhandene Aufnahmen zurückgegriffen, sondern das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks hat die mal majestätischen, mal energischen Klänge extra für diesen Film passend eingespielt.

    Die Besetzung ist ebenfalls leinwandtauglich: Der überragende Ulrich Matthes („Winterschläfer“) brilliert als wortgewandter Gangsterboss in jeder einzelnen Szene und könnte problemlos mit den Über-Bösewichten aus der James Bond-Reihe mithalten. Sein Spiel ist unglaublich vereinnahmend, schon allein seine  durchdringenden Blicke, mit denen er bereits als Joseph Goebbels in Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“ beeindruckte, lassen ihn wie der fleischgewordene Teufel im hellen Sommeranzug wirken. Alexander Held („Sophie Scholl – Die letzten Tage“) schüttelt seine ironisch angehauchte Schlüsselrolle locker aus dem Ärmel, während Ulrich Tukur („Exit Marrakech“) seinen tumorfreien LKA-Ermittler angenehm menschlich gibt und das Spektakel in der Realität erdet. Und Barbara Philipp („Fenster zum Sommer“) erhält bei ihrem vierten Auftritt als Assistentin Magda Wächter endlich die Gelegenheit, sich nachhaltig in den Vordergrund zu spielen. Man darf gespannt sein, wie es nach dieser wohl noch lange diskutierten „Tatort“-Folge in Wiesbaden weitergeht: Wächter (man beachte ihren Nachnamen) begegnet Murot nach der 90-minütigen Krimi-Orgie unter neuen Voraussetzungen, und eine Rückkehr in das gewohnte „Tatort“-Schema scheint so gut wie ausgeschlossen. Die Grenzen sind jedenfalls eindrucksvoll gesprengt.

    Fazit: Der „Tatort: Im Schmerz geboren“ ist mehr als ein Krimi. Er ist Kunst. Er ist Kino. Er ist klasse!
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