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November Criminals
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
November Criminals
Von
Je komplexer eine literarische Vorlage ist, desto anspruchsvoller gestaltet sich auch die Aufgabe einer Drehbuchadaption. Bei „The November Criminals“, dem gefeierten Romandebüt des Journalisten Sam Munson, erweist sich schon die schiere Themenvielfalt als besondere Herausforderung: Über den zentralen Plot hinaus geht es dort unter anderem um Zahlensymbolik im Judentum und um Antisemitismus ebenso wie um lateinische Grammatik, verfehlte liberale Politik und den Umgang mit eigener Schuld. Die beiden Briten Steven Knight („Allied: Vertraute Fremde“) und Sacha Gervasi („Hitchcock“), der auch Regie geführt hat, lassen viele der Themen des Romans in ihrem Drehbuch zwar zumindest anklingen, allerdings gelingt es ihnen nicht, sie zu einer packenden Erzählung zu verdichten. Vielmehr stehen in ihrem Thriller-Drama-Mix „November Criminals“ zahlreiche Handlungselemente und Motive allzu lose nebeneinander.

Ein halbes Jahr nach dem tragischen Tod seiner Mutter hat der eigenwillige Teenager Addison (Ansel Elgort) seinen Highschool-Abschluss in der Tasche und seine Bewerbung fürs College abgeschickt. Doch seine Freude darüber währt nur kurz: Sein Kumpel Kevin Broadus (Jared Kemp) an wird an seinem Arbeitsplatz in einem Coffee Shop erschossen. Als die Ermittlungen der Polizei für Addisons Geschmack zu schleppend vorangehen, beginnt er zusammen mit seiner Freundin Phoebe (Chloë Grace Moretz) auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Damit zieht er den Unmut der Polizei und seines Umfelds auf sich - und gerät bald ins kriminelle Milieu von Drogendealern…


Die verstockte Geek-Figur des Addison wirkt wie aus der Zeit gefallen: Der 18-Jährige fährt einen alten roten BMW, hält mit einem Camcorder wichtige Situationen in seinem Leben auf Video fest und besitzt kein Handy, aber einen Pager, über den er angepiept werden kann, weswegen er immer wieder von Klassenkameraden belächelt wird. Woher seine ausgeprägte Retro-Vorliebe fürs vordigitale Zeitalter kommt, wird allerdings nicht erklärt. Sie erscheint vielmehr als bloße modische Marotte und trägt kaum vertiefend zur Figurenzeichnung bei. Während Regisseur Sacha Gervasi sich in seinem Biopic „Hitchcock“ noch Zeit genommen hat für ein vielschichtiges Psychogramm des Meisterregisseurs, hetzt er hier förmlich durch ein oberflächliches Szenario und so bleibt seine Hauptfigur merkwürdig verschlossen, ohne dabei allerdings geheimnisvoll zu wirken.

Der Thriller-Plot um die Hintergründe des Mordes im Coffee Shop ist für sich genommen leidlich spannend, doch er wird durch Addisons oft recht unmotiviert eingeschobenen Alltagsprobleme und –konflikte immer wieder ausgebremst, zumal diese das Unverbindlich-Episodische nur selten abschütteln können. Letzteres gilt etwa für Addisons Besuch bei den Eltern des ermordeten Kevin, aber auch die durchgehende Friends-with-Benefits-Beziehung zu seiner Jugendfreundin Phoebe, die noch vor dem College ihre Unschuld verlieren möchte, bleibt unklar und unterkühlt – obwohl die Chemie zwischen „Baby Driver“ Ansel Elgort und Chloë Grace Moretz („Kick-Ass“) durchaus passt. Darüber hinaus bleibt die Darstellung von Addisons Verhältnis zu seinem Vater (David Strathairn, „Good Night, and Good Luck“) in vagen Andeutungen zur gemeinsamen Verlusterfahrung stecken, wobei die Darsteller immerhin klarmachen, dass das Schweigen zwischen ihnen mehr einem unbeholfenen Nebeneinander zweier fremdelnder Trauernder als dem wortlosen Einverständnis von Sich-Nahestehenden entspricht.

Wenn Phoebes Lobbyisten-Mutter (Catherine Keener, „Capote“) die nicht sehr engagierte Polizeiarbeit gutheißt, einfach weil sich das so gehört, und ihrer Tochter den Umgang mit dem kritischen Sonderling Addison verbietet, dann blitzt beim Porträt dieser Upper-Middleclass-Figur ein Hauch von Gesellschaftskritik auf, aber auch da bleibt der Film letztlich an der Oberfläche. In recht gefälligen Bildern und begleitet von einem stimmigen Mix aus aktuellem Pop und Retro-Hits reihen sich hier mal mehr und mal weniger unterhaltsame Episoden aneinander, die Elemente von Teenie-Romanze, Coming-of-Age-Geschichte und Thriller gehen fließend ineinander über, verbinden sich aber nie zu einer Einheit und so kochen von wenigen Momenten abgesehen auch die Emotionen auf Sparflamme.

Fazit: In „November Criminals“ wird die ungleich komplexere Romanvorlage von Sam Munson um einen Teenager auf Mördersuche zu einem flachen Genre-Mix ohne jeglichen Tiefgang verwässert.
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