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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Baal
Von Sascha Westphal
Ein einziges Mal wurde „Baal“, Volker Schlöndorffs 1969 in München entstandene Verfilmung von Bertolt Brechts erstem Theaterstück, im Fernsehen ausgestrahlt. Am 7. Januar 1970 zeigte die ARD die vom Hessischen und Bayerischen Rundfunk koproduzierte Adaption zur besten Sendezeit im Ersten Programm. Zu den teilweise extrem verstörten und vor allem empörten Zuschauern gehörte auch Helene Weigel. Die Brecht-Witwe hatte den Film im damaligen Ost-Berlin im West-Fernsehen gesehen und sofort alles darangesetzt, jede weitere Ausstrahlung zu unterbinden. Volker Schlöndorffs Interpretation des Stücks und Rainer Werner Fassbinders Verkörperung des genialischen Poeten Baal, der sich nicht nur der bürgerlichen Gesellschaft verweigert und entzieht, passten nicht in das von Weigel beschworene Bild Brechts. Auch in späteren Jahren wichen die Brecht-Erben trotz aller Bemühungen von Schlöndorff und dem Verleger Siegfried Unseld nicht von dem Verbot ab. Erst 2013, also 43 Jahre später, ist es Juliane Lorenz und der Rainer Werner Fassbinder Foundation gelungen, das Verbot aufheben zu lassen. Nun gilt es, diese radikale Literaturverfilmung, die einer Zeitreise zurück in die ausgehenden 60er Jahre gleicht und doch ganz frisch und modern ist, erstmals wirklich zu entdecken.

Der Geschäftsmann Mech (Günther Neutze) gibt in seiner Wohnung eine Dinner-Party für den Dichter Baal (Rainer Werner Fassbinder). Die Gesellschaft will den jungen Künstler für sich vereinnahmen, ihn mit luxuriösen Speisen verführen und ihn so zugleich auch bändigen. Er soll einer der ihren werden, und sie möglichst noch unterhalten. Es läuft also alles so, wie es immer läuft. Das leere Gerede der Geschäftsleute und der Feuilletonisten, die amüsierten Blicke der Ehefrauen und die Fremdheit des Poeten, der nicht mitspielen will. Baal bleibt Baal. Die Party wird zum Eklat. Der Flirt der bürgerlichen Gesellschaft mit dem ruhelosen Anarchisten ist so schnell vorbei, wie er begonnen hat. Fortan kann Baal wieder wie zuvor durch sein Leben treiben, kann Schulmädchen in seinem Dachzimmer empfangen, Frauen verführen und zerstören oder mit seinem Freund Ekart (Sigi Graue) durch Felder und Wälder streifen.


Eigentlich ist Volker Schlöndorff ganz eng an Brechts erstem Stück drangeblieben. „Der Choral vom großen Baal“, den Klaus Doldinger („Das Boot“) mit seiner eigens für den Film komponierten Musik in einen schleppenden, von Schmerz und Obsession durchtränkten Blues verwandelt hat, gibt dabei Stimmung und Ton vor. Szene reiht sich an Szene, Station an Station. Auch wenn einige Figuren mehrmals in Erscheinung treten, fällt es doch schwer von einer Handlung zu sprechen. Schlöndorff und sein Ensemble, das größtenteils aus Mitgliedern von Fassbinders „Antiteater“ besteht, fangen Situationen und Zustände ein. Die Bilder wie die Dialoge beschwören Haltungen und Emotionen.

Den längst nicht nur poetischen Rausch Baals, die Hörigkeit seiner Geliebten, die Treue seines Freundes Ekart, alles gerinnt zu Stimmungsbildern, zu oft delirierenden Zeugnissen einer Gegenwelt, in der die bürgerlichen Konventionen außer Kraft gesetzt sind. Volker Schlöndorff und sein Kameramann Dietrich Lohmann („Deep Impact“) fangen Baals Welt, seinen ziellosen Taumel in einer Serie von fast impressionistischen Szenen und Einstellungen ein. Die Landstraßen und Autobahnen  im Münchner Umland, das Dachzimmer, die dunklen Kneipen, düster-deprimierende Orte. Das Deutschland des Jahres 1969 ist ein desolates Land, vom 68er Aufbruch ist nichts zu spüren. In den Salons herrschen die alten Ressentiments, in den Schenken die alte Dumpfheit.

Der Blick zurück auf „Baal“ ist aber nicht nur ein bitterer Blick auf eine vergangene Zeit, eine Epoche, die so oft nostalgisch verklärt wurde. Schlöndorffs Filmballade führt einen auch noch einmal zurück zu den Wurzeln Rainer Werner Fassbinders. Viele seiner Weggefährten treten in kleinen, teils sogar winzigen Rollen auf, Irm Hermann und Günther Kaufmann, Hanna Schygulla und Peer Raben. Neben „Liebe ist kälter als der Tod“ und „Katzelmacher“, Fassbinders ersten eigenen Regiearbeiten, die auch 1969 entstanden sind, ist „Baal“ Teil dieses einzigartigen kreativen Rausches, dieses Ausbruch aus der Enge des deutschen Kinos wie auch der deutschen Gesellschaft. Fassbinder hat sich dabei den Brechtschen Baal ganz zu eigen gemacht. Natürlich hat dieser anarchistische Poet etwas von einem Selbstporträt. Der Gedanke, in Baals kaputten Beziehungen, in seiner zerstörerischen Lebenswut ein Spiegelbild von Fassbinders Beziehungen zu seiner Entourage zu sehen, drängt sich praktisch auf. Aber letztlich geht der Film weit über solche autobiographischen Ansätze hinaus. Seine Radikalität, sein durch und durch anarchistischer Gestus, sprengt herkömmliche Kategorien. Wie Brechts Stück sind auch Schlöndorffs Film und Fassbinders Performance Befreiungsschläge.

Fazit: Volker Schlöndorffs nach mehr als 40 Jahren endlich von dem Bann, mit dem sie einst Helene Weigel belegt hatte, befreite Brecht-Verfilmung ist eine wahre Entdeckung. Vielleicht sogar eine Sensation. Diese filmische Momentaufnahme aus dem Jahr 1969 zeugt von einer Freiheit und einem Willen, eigene künstlerische Wege zu gehen, die wahrscheinlich schon immer selten im deutschen Kino waren. Und sie sind es auch, die „Baal“ seiner Entstehungszeit entreißen. Er hat nichts von Aktualität und Dringlichkeit verloren. Damals wurde er unterdrückt, heute sollte er eine ganze Generation von Filmemachern beeinflussen.

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