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    Café Belgica
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Café Belgica
    Von Gregor Torinus
    Belgien ist nicht nur das Land der Pralinen und der Waffeln, der Pommes frites und der Trappistenbiere, der Flamen und Wallonen, sondern auch die Heimat einiger ziemlich skurriler und eigenwilliger Filme. Einer der hervorstechendsten Titel ist dabei zweifellos Felix van Groeningens „Die Beschissenheit der Dinge“ über eine Familie ausgemachter Proleten und Loser, mit dem der Regisseur aus dem flämischen Gent ein nicht gerade schmeichelhaftes Bild der belgischen Gesellschaft gezeichnet hat. Nach einem Abstecher in vergleichsweise gesetzte Arthouse-Gefilde mit dem todtraurigen Drama „The Broken Circle“, kehrt van Groeningen mit „Café Belgica“ zu seinen ureigenen Wurzeln zurück. Der mit dem Begriff Tragikomödie unzureichend beschriebene hemmungslos leidenschaftliche Film um zwei ungleiche Brüder, die eine Musikkneipe aufmachen, ist inspiriert vom echten Café Charlatan, einer Institution im Kulturleben der Stadt Gent, die einst von Felix van Groeningens Vater betrieben wurde.

    Jo (Stef Aerts) ist Mitte 20, recht schmächtig, auf einem Auge blind und ein Künstlertyp, sein Bruder Frank (Tom Vermeir) ist etwas älter, kräftig, ein rastloser Macher – und Familienvater. Als Jo im Zentrum von Gent das abgetakelte „Café Belgica“ übernimmt, wittert Frank ein neues Abenteuer und steigt mit in das Geschäft ein. Es dauert nicht lang und der Laden brummt wie verrückt. Vom Erfolg befeuert bauen die Brüder die kleine Kneipe nach und nach zu einem mehrstöckigen Klub inklusive eines großen Konzertsaals aus. Im Café Belgica treffen sich die Originale der Stadt und feiern, als ob es kein Morgen gäbe - und die beiden Brüder feiern kräftig mit. Dabei taucht insbesondere Frank immer tiefer in eine Parallelwelt aus Sex, Drugs and Rock’n’Roll ab und vernachlässigt beginnt darüber immer stärker seine Familie ...


    „Café Belgica“ rockt wie der wilde Teufel! So ein ungehemmtes Treiben hat man schon lange nicht mehr derart ungefiltert auf der großen Leinwand gesehen. Man meint den Geruch von Bier und Schweiß förmlich zu riechen, während eine Horde von Individualisten, Exzentrikern und kaputten Typen die Wände der titelgebenden Kneipe zum Beben bringen. Dabei ist es nicht so, dass es hier keine Regeln gäbe: So soll das Personal beispielsweise ausschließlich im nicht-öffentlichen Bereich koksen - was jedoch schwer durchzusetzen ist. Frank pudert sich jedenfalls die Nase, was das Zeug hält und vernascht dabei so viele Groupies, dass der eher ruhige Jo zunehmend genervt ist. Doch Zurückhaltung ist für die Feierwütigen ein Fremdwort: Hier werden selbst dann noch im Büro Linien gezogen, wenn vorne gerade die Polizei hereinplatzt … Das Leben der beiden Brüder ist ein einziger Exzess - und als Zuschauer steckt man gleichsam mittendrin. Dafür nimmt der Filmemacher auch gelegentliche dramaturgische und erzählerische Holprigkeiten in Kauf.

    Auch wenn es hier weniger tragisch und zugleich ungleich ungezügelter zugeht als in Felix van Groeningens oscarnominiertem Vorgänger „The Broken Circle“, ist den beiden Filmen doch eine unmittelbare Emotionalität gemeinsam, die auch mit der jeweils entscheidenden Rolle der Musik zu tun hat. So ist „Café Belgica“ ein ganz anderes, aber kaum weniger intensives Kinoerlebnis als das tragische Drama von 2012. Alleine das wilde Treiben auf der Bühne ist bereits den Kinobesuch wert: Da fährt zur Eröffnung beispielsweise eine ganze Parade an durchgeknallten Blasmusikern auf, deren Trompeten von hämmernden Technobeats unterfüttert werden: Es macht Riesenspaß das anzuschauen – und es klingt außerdem noch hervorragend: das berühmte Genter DJ-Duo Soulwax hat in einjähriger Arbeit einen stilistisch vielseitigen, mitreißenden Soundtrack für den Film komponiert. Doch „Café Belgica“ ist nicht „nur“ ein toller Musikfilm, sondern auch noch ein gelungenes Charakterdrama mit brillanten Leistungen von Stef Aerts und vor allem Tom Vermeir, der hier als Theaterdarsteller ein beeindruckend natürlich wirkendes Filmdebüt gibt.
     
    Fazit: „Café Belgica“ ist ein Film voller skurriler Protagonisten und ein einziger Rausch aus Sex, Drogen und verdammt guter Musik - inklusive anschließender Katerstimmung!

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