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The Witch
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
The Witch
Von
Hätte es im Neuengland des 17. Jahrhunderts Psychotherapeuten gegeben, sie hätten sich vermutlich dumm und dämlich verdient. Wenn der Sohn schon vor dem Frühstück runterbeten muss, dass er in Frevel geboren wurde und Adams Erbsünde mit sich rumschleppt, dann kann das einfach nicht gesund sein. Die titelgebende Hexe in Robert Eggers‘ „The Witch“ mag Besitz von Tieren ergreifen, Knaben mit ihren üppigen Reizen in ihre Hütte locken und wehrlose Babys stehlen – aber die intensivste Szene des Films ist trotzdem eine andere: Wenn der junge Caleb (Harvey Scrimshaw) noch auf den Sterbebett zu Gott findet, ist das ein wahnsinnig intensiver Moment irgendwo zwischen „Der Exorzist“ und „Martyrs“, der gerade deshalb so verstört, weil die pure Glückseligkeit in den Worten des Jungen in einem so scharfen Kontrast zu seinem sich unnatürlich aufbäumenden kleinen Körper steht. „The Witch“ wurde seit seiner gefeierten Premiere auf dem Sundance Film Festival 2015 mit Kritikerlob regelrecht überschüttet, zugleich aber vom regulären US-Kinopublikum mit einer miserablen Cinemascore-Durchschnittsbewertung abgestraft – beides ist gleichermaßen verständlich.

Neuengland um 1630: Weil er auf einer absolut reinen Auslegung der christlichen Lehre besteht, wird der englische Siedler William (Ralph Ineson) mitsamt seiner Frau Katherine (Kate Dickie) und seinen fünf Kindern wegen „hochmütiger Arroganz“ von einer christlichen Plantage verstoßen. Als die nun isolierte Familie eine eigene Farm am Rand eines großen Waldes errichtet, kommt es zunehmend zu unerklärlichen Ereignissen: Nachdem der ältesten Tochter Thomasin (Anya Taylor-Joy) beim Spielen ein Baby abhandenkommt (wahrscheinlich war es ein Wolf, vielleicht aber auch eine Hexe), wenden sich die strenggläubigen Familienmitglieder trostsuchend im Gebet an Gott. Allerdings führt ihr (Aber-)Glaube auch dazu, dass sie sich gegenseitig immer mehr verdächtigen, an der Misere schuld zu sein und mit dunklen Mächten im Bunde zu stehen…


Drive“ wird von uns und Filmfans im Internet gleichermaßen als bahnbrechendes Meisterwerk abgefeiert – und zugleich hat der Neo-Noir mit Ryan Gosling in den USA eine der schlechtesten Zuschauerwertungen aller Zeiten eingefahren, ganz einfach deshalb, weil er als etwas beworben wurde, das er nicht ist: nämlich als typischer Actionfilm. Bei „The Witch“ liegt die Sache ähnlich. Der US-Verleih zielte mit seiner Werbung vor allem auf das gruselhungrige Publikum von Erfolgsfilmen wie „Conjuring“ oder „Paranormal Activity“ - und fuhr auf diese Weise zwar viel Geld, aber nur wenig Zustimmung ein: Statt der üblichen Jump Scares (also schneller Schnitt + lauter Ton = kurzer Schreck) setzt Langfilmdebütant Robert Eggers auf eine subtil-spröde, langsam immer ungemütlicher werdende Atmosphäre, die sich weniger aus den übernatürlichen Vorkommnissen, als vielmehr aus den hardcore-christlichen Figuren und ihrer wahnhaften Paranoia speist. Selten hat ein Film so hervorragend rübergebracht, wie angsteinflößend es eigentlich sein muss, wenn man tatsächlich wörtlich an all das glaubt, was da in der Bibel steht.

Ein weiteres Missverständnis ist offenbar (zumindest lässt sich das aus vielen Userkommentaren zum Film herauslesen), dass viele Zuschauer eine Art Rätsel erwartet haben, ob es nun tatsächlich eine Hexe gibt oder nicht. Aber wie schon der englische Untertitel des Films aussagt, handelt es sich hier um „eine neuenglische Volkssage“ – und solche klassischen Märchen warten nun mal selten mit großartigen Twists auf: Selbst wenn „The Witch“ bis zum Schluss absolut unvorhersehbar bleibt, ist doch von Anfang an klar, dass die Hexe hier sehr wohl real existiert. Ziemlich überraschend ist hingegen, dass die mit dem Teufel persönlich unter einer Decke steckende Hexe nicht das größte Übel zu sein scheint: Die beunruhigenden Dialoge der Familienmitglieder über Glaube, Gott, Zweifel, schwarze Magie, Erbsünde und Schuld sind größtenteils direkt aus realen Tagebucheinträgen und historischen Gerichtsakten übernommen – und erreichen so eine wahrhaft erschreckende Authentizität (also am besten im Original mit deutschen Untertiteln gucken).  

Auch visuell ist der schnörkellos-stimmungsvolle „The Witch“ ein wahres Fest, speziell für Freunde des Renaissance-Malers Albrecht Dürer (1471-1528): Regisseur Robert Eggers selbst ist bekennender Fan des Nürnberger Meisters und zitiert in „The Witch“ nicht nur gekonnt Dürers naturalistischen Stil, sondern übernimmt zudem auch direkt einige von dessen bekanntesten Motiven: So erinnert Vater William in seinem ganzen äußeren Erscheinungsbild extrem an die Selbstporträts Dürers und der legendäre Feldhase des Malers taucht im Film auch immer wieder auf – als surreales Symbol à la David Lynch kündigt er das nahende Unheil an.

Fazit: Für den effektiven Gruselfix zwischendurch wartet man lieber noch einen Monat auf den Kinostart von „Conjuring 2“. Aber wer seinen Horror gerne auch mit einer Extra-Prise Anspruch genießt, der ist bei dem ebenso abgrundtief verstörenden wie wunderschön fotografierten „The Witch“ genau richtig!

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Kommentare

  • Jimmy V.
    Ich warte schon so lange darauf diesen Film endlich zu sehen. Hoffentlich ist es bald soweit.
  • FAm Dusk Till Dawn
    "Statt der üblichen Jump Scares setzt Langfilmdebütant Robert Eggers auf eine subtil-spröde, langsam immer ungemütlicher werdende Atmosphäre"Hallelujah!!!! Was will man mehr?
  • Der Eine vom Dorf
    Du sagst es. Die Beschreibung der Atmosphäre erinnert mich stark an "It Follows", den ich ohne Übertreibung für einen der besten Gruselfilme der letzten Jahre halte.
  • sky_erosion
    Das ist er, keine Frage. Es gibt ja viel Schrott bei Horrorfilmen, aber jedes Jahr hat zumindest ein Highlight zu bieten: dieses Jahr The Witch, dem ich sogar volle Punktzahl geben würde, letztes It Follows, davor The Babadook. Alles Meisterwerke. Und mit The Invitation (VOD am Freitag) kam jetzt schon ein zweiter guter dieses Jahr raus. Es geht also immer noch.
  • reyomatic
    Mein Problem mit The Witch: die vielen Vorschusslorbeeren, die ich im Vorfeld aufgegriffen hatte, ließen mich einen gruseligen, spannenden und vielleicht auch verstörenden Gruselfilm erwarten.The Witch ist jedoch sehr speziell, hat tolle Schauspieler, ist aber ziemlich sperrig und besitzt leider kaum Gruselpotential. Es ist eher ein böses Arthouse-Märchen und Familiendrama der damaligen, dunklen Zeit.The Witch wird sicherlich seine Liebhaber finden, mich haben vor allem die religösen Dialoge, die sicherlich sehr authentisch sind, auf die Dauer genervt. Ein paar einzelne Szenen erzeugen auch etwas Spannung und vor allem Atmosphäre, hat aber leider nicht gereicht, um mich in die Geschichte ziehen zu können.
  • Jimmy V.
    Wie auch unten schon an sky_erosion:Ich verstehe das Lob für "It follows" überhaupt nicht. Der Film hat nette Momente und teilweise eine gute Atmosphäre. Doch nur weil er anscheinend ironisch mit dem klassischen Horrorfilm-Merkmal "Wer Sex hat, stirbt" spielt, macht das noch keinen guten Film. Ich finde eher, dass "Auf dich gehen Leute direkt zu" zwar schon ein paar Augenblicke sehr gruselig sein kann, aber man sich dann doch denkt: Das ist eine ziemlich lasche Entschuldigung dafür sich nicht um ein bestimmtes Monster- oder Heroendesign zu bemühen.
  • Jimmy V.
    Ich verstehe das Lob für "It follows" überhaupt nicht. Der Film hat nette Momente und teilweise eine gute Atmosphäre. Doch nur weil er anscheinend ironisch mit dem klassischen Horrorfilm-Merkmal "Wer Sex hat, stirbt" spielt, macht das noch keinen guten Film. Ich finde eher, dass "Auf dich gehen Leute direkt zu" zwar schon ein paar Augenblicke sehr gruselig sein kann, aber man sich dann doch denkt: Das ist eine ziemlich lasche Entschuldigung dafür sich nicht um ein bestimmtes Monster- oder Heroendesign zu bemühen.
  • Fain5
    Also ich weiß nicht ob da im ersten Absatz nicht schon wieder zu viel gespoilert wird Herr Peteresen! Ansonsten freu ich mich total drauf, denn der Trailer suggeriert hier keineswegs Jump Scares und schnelle Schnitte sondern viel viel Atmosphäre.
  • Fain5
    Von dem war ich auch extrem positiv überrascht. Wie ich jedesmal zusammen gezuckt bin wenn im Hintergrund jemand vorbei lied :D
  • Fain5
    Ach sieh doch nicht alles so eng. Mich hat der Film echt gut unterhalten und in seinen besten Momenten an Shining und Donnie Darko erinnert.
  • FAm Dusk Till Dawn
    " Es ist eher ein böses Arthouse-Märchen und Familiendrama der damaligen, dunklen Zeit."Das klingt schonmal gut :-) Merci jedenfalls für deine Kritik. Darf ich fragen wo du ihn gesehen hast?
  • Jimmy V.
    Ich sehe es nicht so eng. Ich sage auch nicht, dass "It follows" jetzt schlecht wäre. Aber ich finde ihn letztlich doch nur irgendwie durchschnittlich; ein Horrorfilm für zwischendurch, der durchaus Potenzial für Größeres gehabt hätte, doch gerade am wichtigsten scheitert: dem eigentlichen Horror. Verlässt sich zu sehr auf eine gute Idee.
  • Fain5
    Also da bin ich anderer Meinung
  • Der Eine vom Dorf
    The Babadook fand ich ebenfalls sehr sehr gut. Aber an It Follows kam er für mich nicht ganz heran. The Invitation sagt mir vom Titel her auch irgendwie etwas.
  • Fain5
    Ähm ich kann mich nicht erinnern, dass im Trailer gezeigt wird, was am Ende des Films passiert.
  • reyomatic
    The Witch läuft zur Zeit auf den Fantasy Film Fest Nights. Wenn man nicht mit den falschen Erwartungen an den Film ran geht wie ich, wirkt er vermutlich deutlich besser. Ich würde ihn nur 4 oder 5/10 Punkten geben.Ein Vergleich mit It Follows z. B. passt gar nicht. Denn wie gesagt, The Witch ist in meinen Augen kein Horrorfilm. Und den hatte ich leider erwartet.
  • Fain5
    Ach Quatsch nicht das Ende des Films, das Ende des Jungen ;)
  • sky_erosion
    The Invitation ist ein kleiner Indie-Film, der letzte Woche per VOD in Amerika erschienen ist, war aber vorher auf kleinen Festivals zu sehen.Richtig geil letztes Jahr war auch The Gift, aber der geht mehr Richtung Psycho als Horror.
  • Der Eine vom Dorf
    Danke für den Hinweis. Soeben ist die Bestellung beider Filme rausgegangen. Habe tatsächlich schon von beiden Filmen gelesen, ihnen aber dann keine weitere Beachtung geschenkt. Bis jetzt. ;-)
  • Der Eine vom Dorf
    Habe soeben The Invitation gesehen (kam gestern per Post). Hast nicht zu viel versprochen. Krass!
  • sky_erosion
    Freut mich, dass der Tipp gut ankam :)
  • Der Eine vom Dorf
    Ganz starkes Finale. So was sieht man selten. Danke vielmals! :-)
  • Fain5
    So hab ihn gestern gesehen und bin enttäuscht. Der Film verschenkt so viel Potenzial. Er hat super Schauspieler eine tolle Story und genug Atmosphäre nur leider ist er eins nicht: gruselig. Die besten Szenen gab es im Trailer danach kamen gerade mal zwei neue Szenen die insgesamt aber zu selten sind um jemandem, wie groß angepriesen, "das Blut in den Adern gefrieren zu lassen". Ich habe mich sehr auf den Film gefreut und nun frage ich mich mal wieder warum FS hier 4 Sterne zückt.
  • Edward;
    The Witch hat mir sehr gut gefallen. Der Film vereint vielschichtige Charaktere, handwerkliche Raffinesse und eine dichte Atmosphäre mit einem unverbrauchten Setting und erfrischendem Grusel. Der Film ist konsequent in seiner Handlung und läßt viele Deutungsweisen zu. Top!
  • Jimmy V.
    Ich habe ihn auch neulich gesehen und bin begeistert. Schreibe jetzt gleich eine Kritik.
  • Der Eine vom Dorf
    Typisch. Mir hat er folglich auch gefallen. :-D (lediglich bei "It Follows" sind wir anderer Meinung) Selten hat mich ein Film auch am nächsten Tag noch so beschäftigt. Das Tolle ist ja vor allem, dass er sich auf verschiedene Weisen deuten lässt. Ich denke, die Hexe war nicht real, sondern nur Darstellung der Versuchung der ältesten Tochter.
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