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Libre de vivre
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Libre de vivre
Von Lars-Christian Daniels
Die polnische Physikerin und Chemikerin Marie Sklodowska Curie, die den Großteil ihres Lebens in Frankreich verbrachte, ist eine der einflussreichsten Naturwissenschaftlerinnen der Geschichte. Curie ist schließlich nicht nur die einzige Frau, die mehr als einen Nobelpreis erhalten hat, sondern gemeinsam mit Linus Carl Pauling auch die einzige Person, die jemals mit zwei Nobelpreisen in unterschiedlichen Fachgebieten ausgezeichnet wurde. Die Forscherin entdeckte mit ihrem Ehemann Pierre zu Beginn des 20. Jahrhunderts die chemischen Elemente Radium und Polonium und in Zusammenarbeit mit dem französischen Physiker Henri Becquerel die Radioaktivität. Nach dem Schwarz-Weiß-Biopic „Madame Curie“ (1943) mit Greer Garson und der Tragikomödie „Marie Curie – Forscherin mit Leidenschaft“ (1997) mit Isabelle Huppert schafft es nun zum dritten Mal ein Film über das Leben der 1936 verstorbenen Wissenschaftlerin auf die große Leinwand: Die französische Regisseurin Marie Noëlle beleuchtet in der europäischen Co-Produktion „Marie Curie“ den Höhepunkt von Curies Schaffenszeit, der neben wissenschaftlichen Erfolgen auch von Anfeindungen aus der Männerwelt und öffentlichen Diffamierungen geprägt war.

Paris im Jahr 1903: Die nach Frankreich emigrierte polnische Wissenschaftlerin Marie Curie (Karolina Gruszka) erhält gemeinsam mit ihrem Mann Pierre (Charles Berlin) den Nobelpreis für Physik. Für das Ehepaar ist die begehrte Auszeichnung die Belohnung für viele Jahre harter Arbeit, doch die Freude darüber währt nicht lange: Pierre wird von einer Pferdekutsche angefahren und stirbt an den Folgen einer schweren Kopfverletzung. Marie ist geschockt, lässt sich von diesem Schicksalsschlag aber nicht aus der Bahn werfen: Obwohl sie gerade erst ihre Tochter Irene (in jungen Jahren: Sasha Crapanzano, später: Rose Montron) zur Welt gebracht hat, stürzt sich die Physikerin und Chemikerin wieder in die Arbeit und wird dafür mit einem Lehrstuhl an der Pariser Universität belohnt. Ihren männlichen Kollegen ist ihr steigendes Renommee allerdings ein Dorn im Auge. Die Gelegenheit, die ungeliebte Wissenschaftlerin öffentlich bloßzustellen, ergibt sich kurz bevor ihr zum zweiten Mal der Nobelpreis verliehen werden soll: Curie verliebt sich in den verheirateten Forscher Paul Langevin (Arieh Worthalter) und löst damit einen Skandal aus...



Mit dem Biopic „Die Frau des Anarchisten“ und dem Historiendrama „Ludwig II.“ hat Regisseurin Marie Noëlle in den vergangenen Jahren bereits bewiesen, dass sie sich auf die Verfilmung von historischen Stoffen versteht. Auch bei der Arbeit an „Marie Curie“ nahm es die französische Filmemacherin mit den Details sehr genau: Bei ihrem Drehbuch, das sie gemeinsam mit Andrea Stoll („Familienfest“) geschrieben hat, stützt sie sich auf Briefwechsel, Tagebucheinträge und Zeitungsartikel. Zudem ließ sie Originalgerätschaften aus dem frühen 20. Jahrhundert anliefern, um die Kulissen so authentisch wie möglich auszustatten. Die Requisiten drohen allerdings schon in einer der ersten Szenen in Mitleidenschaft gezogen zu werden: Mitten im Labor platzt der hochschwangeren Marie Curie die Fruchtblase, denn die junge Frau ließ sich einfach nicht davon abhalten, trotz nahender Geburt bis zur letzten Minute weiter zu forschen. Curie ist eben eine echte „Macherin“ – eine vor Ehrgeiz nur so strotzende Entdeckerin, die sich in der Männerwelt durchboxt und damit nicht nur für weibliche Zuschauer zur Identifikationsfigur wird.

Es wäre ein Leichtes gewesen, ein einseitiges Loblied auf die erfolgreiche Wissenschaftlerin zu singen, doch erleben wir Curie hier eher als Sympathieträgerin mit Ecken und Kanten: Noëlle rückt das Wesen und die Gefühlswelt ihrer Hauptfigur in den Mittelpunkt und beschränkt sich bei ihrer Erzählung auf die achtjährige Zeitspanne zwischen dem Gewinn der beiden Nobelpreise. „Marie Curie“ ist damit kein klassisches Biopic, sondern eher eine Mischung aus historischem Porträt und romantischem Drama: Statt die einzelnen Stationen im Leben der Physikerin chronologisch abzuhaken und alles in den übergeordneten historischen Kontext zu rücken, nähert sich Noëlle ihrer Protagonistin von innen und schildert die Auswirkungen von Curies Schaffen auf Familie, Kinder und Kollegen. Als sich die Wissenschaftlerin schließlich in die folgenschwere Affäre stürzt, wandelt sich der Film sogar vorübergehend zur Romanze – und weil Paul Langevins Ehefrau Jeanne (Marie Denarnaud) bald Wind von der Sache bekommt, kommt ab diesem Zeitpunkt auch spürbar Schwung in die bis dato recht spannungsarme Geschichte. Antriebsfeder der Handlung ist ansonsten der Kampf gegen die männlichen Widerstände in der von Vorurteilen und Sexismus geprägten Welt der Physiker und Chemiker.

Wirklich mitreißend ist „Marie Curie“ aber nicht: Vieles im Film ist nett anzusehen und bisweilen sogar leicht kitschig, doch die ganz große emotionale Wucht entwickeln die zwischenmenschlichen Konflikte selten. An den beiden Hauptdarstellern liegt das allerdings nicht: Karolina Gruszka („Zyvie Belarus!“), die in internationalen Filmproduktionen wie dieser bisher kaum in Erscheinung getreten ist, meistert ihre facettenreiche Hauptrolle souverän und harmoniert dabei prächtig mit ihrem Leinwandpartner Arieh Worthalter („Bastille Day“). André Wilms („Le Havre“) schüttelt seine eher eindimensionale Rolle als Schwiegervater Eugène mühelos aus dem Ärmel. Ein Sonderlob verdient sich Kameramann Michal Englert („True Crimes“): Der Filmemacher taucht die Geschichte in sinnliche, stimmungsvolle Bilder, wenngleich er es damit an einer Stelle übertreibt: Wenn sich seine Kamera Zentimeter für Zentimeter am makellosen Körper der nackt auf dem Bett liegenden Hauptdarstellerin entlangtastet, mag das zwar dem Auge des Betrachters schmeicheln, liefert erzählerisch aber keinen erkennbaren Mehrwert.

Fazit: „Marie Curie“ ist ein stark besetzter, präzise recherchierter und toll fotografierter Film, der aber emotional nur selten wirklich mitreißt.

Wir haben „Marie Curie“ im Rahmen des Filmfest Hamburg gesehen.
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