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Life, Animated
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Life, Animated
Von
Wie weit verbreitet und tief verwurzelt die Faszination Disney tatsächlich ist, sehen wir immer wieder an unserer Abrufzahlen auf FILMSTARTS: Hat ein Beitrag auch nur entfernt mit dem Mäusestudio zu tun, geht der Traffic regelmäßig durch die Decke – neben ästhetisch ansprechenden Specials wie „So sähen Disney-Prinzessinnen im wahren Leben aus“ oder augenzwinkernden Mysterien wie „Das Geheimnis der Opernhandschuhe in Disney-Filmen“ klicken Fans selbst dann noch wie verrückt, wenn jemand mehr schlecht als recht Disney-Prinzessinnen aus Würstchen, Käse, Senf und Ketchup als Hotdogs nachbaut. Aber für einige bedeuten Disney-Filme noch viel mehr als nur eine wohlige Kindheitserinnerung, zum Beispiel für die Familie Suskind, der Aladdin, Arielle & Co. ihren an eine für sie nicht zugängliche (Gedanken-)Welt verlorengeglaubten Sohn zurückgegeben haben: In seiner schnurstracks zu Herzen gehenden, aber dabei nie emotional manipulativen Dokumentation „Life, Animated“ erzählt Roger Ross Williams die Geschichte von Owen Suskind, einem autistischen Jungen, dem erst animierte Disney-Figuren ermöglicht haben, sich einen Reim auf die für ihn so verwirrende Welt um ihn herum zu machen.

Als Owen Suskind im Alter von drei Jahren plötzlich Schwierigkeiten beim Schlafen und Gehen bekommt und nur noch in unverständlichem Kauderwelsch spricht, stellen die Ärzte bei ihm eine tiefgreifende Entwicklungsstörung fest - selbst wenn er das Sprechen doch noch wiedererlernen sollte, werde er wohl sein Leben lang auf Hilfe von anderen angewiesen bleiben. Erst Jahre später beginnen Owens Eltern allmählich, sich mit dieser niederschmetternden Diagnose abzufinden, doch dann gibt es plötzlich doch neue Hoffnung: Mehr durch Zufall findet seine Familie heraus, dass Owen alle Dialoge aus all den Disney-Animationsfilmen, die er sich immer und immer wieder auf Video anschaut, auswendig kennt. Zudem kann er Verhaltensweisen und Ereignisse aus der animierten in die reale Welt übertragen, was ihm dabei hilft, die Gesellschaft um sich herum zu verstehen und mit ihr – zunächst vor allem in Eins-zu-Eins-Disney-Dialogen – zu kommunizieren…



Die dokumentarische Nacherzählung dieses Disney-Wunders, das Familienvater und Pulitzer-Preisträger Ron Suskind bereits 2014 in seinem Bestseller „Life, Animated: A Story Of Sidekicks, Heroes, And Autism“ verarbeitet hat, erscheint fast genauso märchenhaft wie die Animations-Klassiker, die sich Owen in Dauerschleife ansieht (die Macher tun zum Glück nie so, als wäre das jetzt eine mögliche Therapie für eine Vielzahl an Autisten): Wenn der etwa 8-jährige Owen schließlich seine erste Dialogzeile aus „Arielle, die Meerjungfrau“ zitiert, kann man kaum anders, als vor Glück loszuheulen. Aber richtig stark wird „Life, Animated“ dann, wenn Roger Ross Williams über die Buchvorlage hinausgeht: Owen ist zum Zeitpunkt des Drehs bereits 23 Jahre alt und steht vor großen Veränderungen. In wenigen Wochen wird er seinen Schulabschluss machen und in seine erste eigene Wohnung ziehen – aber während sich Kindheit und Jugend mit Hilfe von Disney-Vorbildern noch ganz gut meistern lassen, ergeben sich im Erwachsenenalter plötzlich vollkommen neue Probleme. Sex zum Beispiel lässt sich anhand von „Peter Pan“ oder „Der König der Löwen“ nicht so einfach erklären – mehr als mal geknutscht wird in Disney-Filmen eben nicht.

Absolut herzzerreißend wird es, als Owen von seiner mehrjährigen Freundin verlassen wird – schließlich bleiben Disney-Helden, haben sie sich erst einmal verliebt, stets zusammen und leben glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage. Aber auch abseits der großen Herausforderungen und Rückschläge liefert dieser Teil der Dokumentation tiefe Einblicke in Owens Seelenleben, das uns sonst wohl vollkommen verschlossen geblieben wäre: Er hat nämlich selbst einen Comic mit dem Titel „The Land Of The Lost Sidekicks“ gezeichnet (der für „Life, Animated“ von professionellen Künstlern auch zu einem Animations-Kurzfilm verarbeitet wurde), in dem zur Abwechslung mal nicht die Helden, sondern die Nebenfiguren (wie Timon aus „Der König der Löwen“ oder Sebastian aus „Arielle, die Meerjungfrau“) im Zentrum stehen. Offensichtlich sieht Owen sich selbst auch als Sidekick in dieser Gesellschaft – und „Life, Animated“ hilft definitiv dabei, das nötige Verständnis und die nötige Empathie zu wecken, um ihn und andere Menschen mit Autismus in unsere Mitte zurückzuholen.

Fazit: „Life, Animated“ wurde vollkommen zu Recht als Bester Dokumentarfilm für den Oscar nominiert: Er ist zutiefst berührend und dabei doch nie kitschig oder manipulativ.

Hier geht’s noch zu unserem passenden Special: Alle Disney-Animationsfilme gerankt – vom schlechtesten bis zum besten!
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Kommentare

  • Helmut S.
    Mir hat der Film auch recht gut gefallen. Fand ihn sehr berührend und authentisch. Was mich aber interessieren würde, und ich weiß nicht, ob das hier jemand beantworten kann: was für eine Schuldbildung hat Owen eigentlich? Das kommt im Film nicht so klar raus. Einmal ist von einer Schule für Menschen mit besonderen Bedürfnissen, also wohl eine Art Sonderschule die Rede, in der er dann auch gemobbt wird. Dann sieht man ihn aber bei einer Abschlussfeier eines Colleges, zumindest sieht das so aus. Das wäre doch wohl mindestens "mittlere Reife" oder Matura, wenn man es mit unserem Schulsystem vergleicht. Das widerspricht aber dann doch wieder dem beruflichen Werdegang Owens. Man sieht etwa, wie er sich bei einem Kino als Hilfskraft bewirbt. Der mit ihm ein Gespräch führende Manager des Kinos fragt ihn dann auch noch, ob er auch kassieren könne. was Owen verneint. Und wenig später sieht man ihn dann Karten abreißen. also doch eher ein Job, den wohl keiner mit einem College-Abschluss oder einer Matura machen würde. Wie passt das zusammen? Kann mich darüber jemand aufklären?
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