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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
The Square
Von
In seinem international abgefeierten Drama „Höhere Gewalt“ reichte Ruben Östlund eine instinktive Kurzschlusshandlung, nämlich die Flucht eines Vaters vor einer vermeintlich auf ihn zurasenden Lawine, während er Frau und Kind in der Gefahrenzone sitzenlässt, um das komplette Familienkonstrukt in Frage zu stellen. In seinem nächsten Film geht der schwedische Regisseur nun noch einen Schritt weiter und seziert statt einer Familie gleich eine ganze Gesellschaft: In der bissig-ätzenden Satire „The Square“ wirft der studierte Grafikdesigner nämlich die nur scheinbar simple Frage auf, an welchem Punkt die Unmenschlichkeit so groß wird, dass man einfach nicht mehr wegsehen kann. Obwohl Östlund dabei einem konkreten Versuchsaufbau folgt, ist der beim Filmfestival in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnete „The Square“ trotzdem kein dröges Petrischalenkino geworden – denn der Regisseur hat sein strenges Leinwandexperiment mit einer spektakelhaften Inszenierung, launigen Einlagen und jeder Menge beißendem Humor aufgelockert.

Christian Nielsen (Claes Bang), der Chefkurator des Stockholmer X-Royal-Museums, bereitet gerade eine neue, aufsehenerregende Ausstellung vor, mit einer Art interaktiver Installation: „The Square“ ist ein vier Mal vier Meter großer Platz, der als „Schutzzone für Vertrauen und Fürsorge“ dienen soll und in dem „jeder gleiche Rechte und Pflichten hat“. Kurz: Wer in diesem Raum Hilfe benötigt, soll sie ohne Vorbehalte und Bedingungen bekommen. Doch bevor die Medienkampagne zur Ausstellung richtig anlaufen kann, muss der geschiedene Kunstexperte erst noch ein paar Probleme lösen: Als Trickdiebe ihn auf offener Straße ausnehmen, entwickelt Christian einen perfiden Plan, um seine Wertsachen zurückzubekommen. Zudem verläuft seine Affäre mit der amerikanischen Kunstjournalistin Anne (Elisabeth Moss) nicht so, wie er sich das vorstellt. Und dann ist auch noch Kunst-Superstar Julian (Dominic West) in der Stadt, um den sich Christian ebenfalls kümmern muss, während die PR-Aktionen für „The Square“ mit Volldampf in die falsche Richtung rauschen …

The Square Trailer (2) DF

 


Filme basieren längst nicht mehr nur auf Büchern, Comics oder Fernsehserien, sondern inzwischen etwa auch auf Brettspielen („Battleship“) oder Freizeitparkattraktionen („Fluch der Karibik“). Ein Spielfilm nach einer Kunstinstallation ist trotzdem eine echte Seltenheit: Das Projekt „The Square“ gibt es nämlich tatsächlich – zusammen mit dem Filmproduzenten Kalle Boman kreierte Ruben Östlund das sozialpsychologische Installationsexperiment 2015 im Design-Museum Vandalorium im schwedischen Värnamo. Nun hat Östlund die Idee des vier Mal vier Meter großes Safespace in Form des Films „The Square“ zu einer opulenten Kunst-Satire erweitert - eine Reflexion über Macht und Missbrauch, Medien und Manipulation, Menschlichkeit und ihre Abwesenheit.

Einen losen roten Faden bildet dabei die aus dem Ruder laufende Promotion-Kampagne des egoistischen Kunstkurator-Lebemanns Christian, der gleich an diversen Fronten Brände zu löschen versucht (während er nebenher auch noch ein besserer Mensch werden will, wobei diese Ambition doch sehr aufgesetzt und funktional wirkt – als würde der Regisseur noch eine Gegenprobe für sein Experiment brauchen). Parallel dazu läuft noch eine zweite Handlungsebene mit, die deutlich humoriger ist. Hier beschäftigt sich Christian mit den Folgen des Diebstahls und gerät durch sein kindisches Verhalten in immer größere moralische Not. Solche  Wechsel im Tonfall und die generell sehr ereignisreiche Handlung sorgen dafür, dass der Film über weite Strecken sehr kurzweilig ist, trotzdem kommt es bei stolzen 142 Minuten Spielzeit zu einigen Längen. Denn immer wieder schweift Östlund ab (im späten Subplot um Christians Töchter etwa) und tritt bestimmte Motive allzu breit aus, wenn er einen menschlichen Abgrund nach dem anderen offenlegt.

Ruben Östlund zeigt uns die Herausforderungen des modernen Museumsmanagements, dabei nimmt er insbesondere die zynischen Medien anständig auf die satirischen Hörner (jede Banalität wird zum Skandal hochgejazzt, um Aufmerksamkeit zu generieren), auch den Kunstbetrieb selbst fasst er nicht gerade mit Samthandschuhen an – vor allem der wunderbar abgehobene Kunst-Superstar Julian (Dominic West, „The Wire“) wird zur Zielscheibe einiger treffender ironischer Seitenhiebe. In einer herrlich lustigen Szene rammt ein Putzmann mit seinem Gefährt versehentlich eine eigenwillige Steinhäufchen-Installation, was das gesamte Improvisationstalent des Museumspersonals herausfordert und zugleich natürlich an den realen Vorfall erinnert, als 2011 eine Reinigungskraft die „Fettecke“ von Joseph Beuys wegwischte.  

Museumsmarketing mutet auf dem Papier nicht unbedingt wie ein aufregendes Filmthema an, aber „The Square“ ist von einer faden Kunstbusinessbetrachtung weit entfernt. Gleich mehrere herausragende Sequenzen erweisen sich vielmehr als echte Leinwandereignisse: Der absolute Höhepunkt ist dabei eine Gala mit einer „Raubtierperformance“, in der die Motion-Capture-Größe Terry Notary (King Kong aus „Kong: Skull Island“, Rocket aus der „Planet der Affen“-Trilogie) die Gäste des Dinners als Affe erst brüskiert und dann zu Tode ängstigt – eine rauschhaft wahnsinnige, extrem ungemütliche Abwandlung des berühmten Stanford-Experiments. Während einem an dieser Stelle das anfängliche Lachen schnell im Halse stecken bleibt, ist eine Post-One-Night-Stand-Szene zwischen Hauptdarsteller Claes Bang („En Soap“) und „Mad Men“-Star Elisabeth Moss („Top Of The Lake“) einfach nur köstlich – nach dem Sex gibt es einen höchst amüsanten Streit darüber, wer denn nun Christians vollgewichstes Kondom entsorgen darf. Überhaupt ist Moss ein willkommen-schräges Element – sie verkörpert mit ihrem unterschwelligen Feminismus eine ständige Bedrohung für Christians Männlichkeit, was Östlund auch dadurch unterstreicht, dass er ihr irgendwann auch noch ohne jede Erklärung einen realen Affen in die Wohnung setzt.
 
Fazit: Ruben Östlunds launig-unterhaltsame Gesellschaftssatire „The Square“ ist ein ebenso originelles wie kluges, wenn auch etwas langgeratenes Kunstsatire-Spektakel. 

Wir haben „The Square“ im Rahmen der 70. Filmfestspiele in Cannes 2017 gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb gezeigt wird.

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