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    Wo ist Kyra?
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Wo ist Kyra?

    Das fulminante Comeback von Michelle Pfeiffer

    Von Thomas Lassonczyk

    Als Janet Van Dyne gehört Michelle Pfeiffer neben Robert Downey Jr., Chris Evans und Scarlett Johansson zum Ensemble von „Avengers 4: Endgame“, dem größten und erfolgreichsten Blockbuster des Jahres. Dabei liegt Pfeiffers erfolgreichste Zeit liegt eigentlich schon lange zurück. In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren zählte sie zu den angesagtesten Hollywoodstars überhaupt. Damals katapultierte sie sich mit ihrer Rolle als Catwoman in „Batmans Rückkehr“ endgültig in den Popkultur-Olymp und wurde für ihre Rollen in „Gefährliche Liebschaften“, „Die fabelhaften Baker Boys“ und „Love Field“ jeweils für den Oscar nominiert. Aber nicht nur am Box Office hat sich Pfeiffer zuletzt erfolgreich zurückgemeldet. Mit „Wo ist Kyra?“, der mit zweijähriger Verspätung nun auch noch in die deutschen Kinos kommt, liefert die inzwischen 61-jährige Kalifornierin, die wie kaum eine andere sinnliche Schönheit und schauspielerisches Talent auf sich vereint, noch einmal eine der herausragenden Performances ihrer Karriere ab.

    Ihr Comeback als nuancierte Charakterdarstellerin hat Pfeiffer dabei auch dem aus Nigerias Hauptstadt Lagos stammenden Fotografen und Regisseur Andrew Dosunmu zu verdanken. Der übertrug ihr die Titelrolle in seinem unter die Haut gehenden Drama, das als klassische Independent-Produktion fernab der großen Studios realisiert wurde. In dem düsteren Porträt einer verlorenen Seele spielt Pfeiffer die in die Jahre gekommene Kyra, die sich aufopferungsvoll um ihre schwerkranke Mutter kümmert. Als diese stirbt, verliert Kyra den letzten Halt, den sie in ihrem sowieso schon kümmerlichen Dasein noch hatte. Denn ihre Ehe ist längst kaputt, auf dem Arbeitsmarkt ist in ihrem Alter selbst ein Aushilfsjob kaum zu ergattern und zudem droht wegen Mietrückständen die Zwangsräumung. Ein seltener Lichtblick ist die Liaison mit dem wesentlich jüngeren Doug (Kiefer Sutherland), der genauso einsam und gescheitert ist wie sie. Doch als der herausbekommt, dass Kyra sich als ihre Mutter verkleidet, um bei der Bank weiter an die Rente der Verstorbenen heranzukommen, bekommt die fragile Beziehung schon den ersten heftigen Knacks weg…

    Michelle Pfeiffer meldet sich in Bestform zurück ...

    Mit „Wo ist Kyra?“ liefert Michelle Pfeiffer, die ihr Antlitz meist hinter einem hochgesteckten Kragen und einem dicken Schal verbirgt, eine formidable One-Woman-Show ab. Man fiebert in jeder Minute mit, wenn sie verzweifelt versucht, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen. Und tut es auch dann noch, wenn längst klar ist, dass es für Kyra wohl keine Hoffnung mehr gibt. Unterstützt wird sie dabei von Kiefer Sutherland, denn auch wenn es sich hier um ein kammerspielartig-konzentriertes Zwei-Personen-Stück handelt, erweist sich der Star aus Serien-Hits wie „24“ und „Designated Survivor“ als ganzer Gentleman und überlässt seiner Partnerin großzügig die Leinwand.

    Es gibt kaum vordergründige Action in „Wo ist Kyra?“, das Drama, die Spannung, der Thrill findet im Innenleben der Protagonisten statt und wird durch Gesten und Mienenspiel nach außen getragen. Auch die Kamera steht meistens still, Dosunmu und sein exzellenter Kameramann Bradford Young arbeiten nicht mit aufwendigen Fahrten, sondern mit präzisen Standbildern und Tableaus. Sie verzichten weitgehend auf künstliches Licht und setzen doch auf starke Kontraste, hell und dunkel, Licht und Schatten, schwarz und weiß. So sind die handelnden Personen nur schemenhaft oder scherenschnittartig zu erkennen, was die beklemmende Atmosphäre nur noch verstärkt. Auch auf Gegenschüsse wird verzichtet, die Kamera verharrt vielmehr auf einer Person. Und während der Betrachter die andere Stimme aus dem Off hört, spiegelt sich im Gesicht die Reaktion darauf wider.

    ... und Kiefer Sutherland überlässt ihr großzügig die Bühne.

    Die Tristesse und Ausweglosigkeit von Kyras Situation wird insbesondere in zwei Sequenzen deutlich. Zum einem bei der Trauerfeier für ihre Mutter, an der neben ihr noch exakt zwei (!) weitere Personen (ihr Ex-Mann und der Concierge des Hauses) teilnehmen. Zum anderen bei einem Besuch der Familie ihres Verflossenen, den sie in ihrer Not um ein paar Dollar anpumpt. Regisseur Dosunmu, als Fotograf international höchst erfolgreich, hat sich mit Filmen wie „Restless City“ oder „Mother Of George“ bisher vor allem beim Publikum des Sundance Film Festival einen Namen gemacht. Auch in Deutschland waren seine Werke bisher „nur“ auf dem Filmfest München zu sehen. Mit seinem Plädoyer für Menschen der älteren Generation, die ohne eigenes Verschulden in eine soziale Schieflage geraten sind, könnte sich das nun ändern, nicht zuletzt auch dank der durch den Marvel-Hype unverhofft wiederbelebten Star-Power von Michelle Pfeiffer.

    Fazit: Das in düsteren Bildern gehaltene Gesellschaftsdrama um eine ältere Frau, deren sozialer Abstieg unaufhaltbar scheint, lebt vor allem von der unkonventionellen Kameraführung und Lichtsetzung sowie einer brillanten One-Woman-Show der begnadeten Michelle Pfeiffer.

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