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Ride
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Ride
Von
Dass man nicht zu einem Fremden ins Auto steigen soll, wurde wohl jedem von uns schon als Kind immer wieder eingetrichtert. Aber es kann genauso gefährlich sein, einen Fremden zu sich ins Auto einsteigen zu lassen: So entpuppt sich der Anhalter Rutger Hauer in „Hitcher, der Highwaykiller“ als Serienmörder und der Taxigast Tom Cruise in „Collateral“ als Auftragsmörder. In dem Psycho-Thriller „Ride“ bekommt es nun ein Uber-Fahrer mit einem Gast zu tun, der sich nach und nach als gemeingefährlicher Erpresser herausstellt. Dabei entspinnt sich ein zeitweise sehr intensives Katz-und-Maus-Spiel, das vor allem davon lebt, dass der Gast seine Geiseln mit wunderbar simplen Mitteln zur Kooperation zwingt. Allerdings mangelt es dem Regisseur und Drehbuchautor Jeremy Ungar, der mit „Ride“ sein Langfilmdebüt abliefert, noch am letzten Funken Finesse, weshalb einige der potentiellen Stärken der vielversprechenden Prämisse leider zwischendrin auf der Strecke bleiben.

Nacht für Nacht kutschiert Uber-Chauffeur James (Jessie T. Usher) seine Fahrgäste durch Los Angeles – dabei immer hoffend, dass er von seinen Kunden neben dem Honorar auch noch eine nette 5-Sterne-Wertung abstaubt. Aber auch Fahrer bewerten ihre Gäste – und weil Bruno (Will Brill) von den Kollegen bisher immer mit der Höchstpunktzahl bedacht wurde, macht sich James auch so gar keine Sorgen, als der redselige Typ zu ihm ins Auto steigt. Selbst als Bruno für die Erledigung von Sonderwünschen mit einem saftigen Trinkgeld lockt, geht Jeremy sofort darauf ein. Zunächst soll er eine Zufallsbekanntschaft Jessica (Bella Thorne) aus einem Club abholen. Aber als das Trio komplett ist, zückt Bruno plötzlich eine Waffe und droht damit, diese auch zu benutzen, sollten James und Jessica nicht ganz genau tun, was er von ihnen verlangt…



„Ride“ steht und fällt mit der einnehmenden Präsenz des vermeintlich so charmanten und in Wirklichkeit absolut skrupellosen Bruno. Das Besondere: Der Erpresser ist zwar bewaffnet und scheut auch in einer frühen Szene nicht davor zurück, Gewalt gegenüber seinen Geiseln anzuwenden. Zugleich ist aber lange Zeit überhaupt nicht greifbar, woher das Gefühl der Bedrohung bei ihm überhaupt genau herrührt. Der Antagonist bleibt bis zum ausufernden Showdown weitestgehend ruhig und erhebt nur selten die Stimme. Wenn er Anweisungen gibt, sind diese so konkret und voller Nachdruck, dass James und Jessica genau das tun, was von ihnen verlangt wird – und zwar ohne über eine Flucht oder eine Diskussion auch nur nachzudenken. Es gibt sogar mehrere Gelegenheiten für die beiden, Hilfe zu verständigen oder sich anderweitig zu befreien. Aber während man Figuren in Genrefilmen hier normalerweise schnell eine gewisse Dummheit attestieren würde, ist es bei einem so gewissenhaft und eindringlich agierenden Kontrahenten erstaunlich glaubhaft, dass niemand versucht, sich aus der Geiselsituation zu befreien. Bruno ist definitiv der größte Pluspunkt des Films.

The OA“-Star Will Brill verkörpert den schwer zu durchschauenden Schurken mit voller Inbrunst, während es seinen Co-Stars Jessie T. Usher („Independence Day: Wiederkehr“) und Bella Thorne („DUFF - Hast du keine, bist du eine“) nie so ganz gelingt, aus der sicherlich auch ihrer Rolle als Geisel geschuldeten Passivität auszubrechen. So haben sie auch eine gewisse Mitschuld daran, dass bis zum Schluss der Eindruck bleibt, dass dieser „Ride“ durchgehend mit angezogener Handbremse fährt. Zu sehen, wie ein Bösewicht nur aufgrund seiner Persönlichkeit und wohl gewählter Worte eine unüberwindbare Machtposition einnimmt, ist zwar spannend. Noch spannender wäre es aber gewesen, wenn von Seiten der Opfer wenigstens ein Hauch Widerstand käme. So fügen sich James und Jessica, die untereinander sehr gut harmonieren, ein wenig zu zügig in ihre untergeordnete Rolle, was den Reiz der Figurenkonstellation (die Opfer sind ja nicht bloß in der Überzahl, eines davon sitzt auch noch am Steuer und hat damit die Macht über das Auto) ein wenig schmälert.

Abseits der intensiven Atmosphäre unter den Figuren bleibt „Ride“ leider in vielen Belangen hinter seinen Möglichkeiten zurück. Sowohl die in ihrer Aussage ein wenig zu bemüht belehrende Botschaft rund um das Thema Technologie-Besessenheit als auch das spannungsarme Finale werden dem behutsamen Spannungsaufbau in den eineinhalb Stunden zuvor nicht gerecht. Zudem wirken die Bezüge zu verschiedenen Kultfilmen eher unbeholfen. So wird an einer Stelle sehr offensichtlich auf „Taxi Driver“ angespielt – und dann folgt auf den Fuß auch noch die Erklärung, dass es sich da gerade tatsächlich um ein Zitat aus dem Martin-Scorsese-Meisterwerk gehandelt hat. Inszenatorisch kann man „Ride“ derweil wenig vorwerfen. Eine Großstadt bei Nacht mit all ihren blinkenden Lichtern und Laternen als Kulisse zu wählen, ist als bedrohliche Genrefilm-Kulisse ein Selbstläufer. Kameramann Rob Givens („The Hero“) gelingt ein kontrastreiches Wechselspiel zwischen dem beklemmenden Interieur des Wagens und dem pulsierenden Leben da draußen.

Fazit: Der fast vollständig in einem Auto spielende Geiselthriller „Ride“ ist ein zu weiten Teilen atmosphärisches Kammerspiel mit schwachem Finale, das vor allem von seinem starken Antagonisten lebt.
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