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Nico, 1988
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Nico, 1988
Von
Christa Päffgen wurde 1932 in Köln geboren und kam unter dem Künstlernamen Nico in den 1950ern und -60ern als früher Prototyp des „Supermodels“ zu weltweiter Bekanntheit, was durch ihre Beteiligung am Album „The Velvet Underground & Nico“ (1967, noch heute in den meisten Listen der besten und wichtigsten LPs der Musikgeschichte vertreten) nur noch verstärkt wurde. In „Nico, 1988“, einer etwas depressiven und somit aus der Art geschlagenen Mischung aus Jukebox-Musical, Biopic und Roadmovie gibt die Italienerin Susanna Nicchiarelli („Die Kosmonautin“) ihrer Titelfigur die Chance, sich von diesen ihr restliches Leben überschattenden warholschen „15 Minuten“ zu emanzipieren.

1986 bis 1988: Ex-Model und Sängerin Nico (Tryne Dyrholm, Silberner Bär 2016 für „Die Kommune“), die inzwischen Wert darauf legt, wieder Christa genannt zu werden, tourt mit einer kleinen Band durch Europa und gibt zwischendurch pflichtgemäß Interviews. Doch die Journalisten interessieren sich nicht für ihre aktuelle Arbeit und auch nicht für das gute Dutzend Solo-Alben der vergangenen zwei Jahrzehnte, sondern nur für ihre „wilde Zeit“ mit prominenten Musikern in den 1960ern und ein altes Album, auf dem sie auf exakt drei Songs singt und ansonsten allenfalls Tambourine spielt. Abgesehen von der preiswert besetzten Band aus „Amateur-Junkies“ begleiten sie der Tourmanager Richard (John Gordon Sinclair, „Gregory’s Girl“), die Assistentin Laura (Karina Fernandez, „Pride“) und ihr als Kind „abgegebener“ Sohn Ari (Sandor Funtek, „Blau ist eine warme Farbe“). Um das Verhältnis zu ihm zu verbessern, hat sie den Fotografen engagiert, seine Bilder zu ihrer Musik auf der Bühne zu präsentieren.

Nico, 1988 Trailer DF

Mit minimaler „Handlung“ sowie ausdrucksstarken und farbkräftigen Flashbacks (teilweise verwendet Regisseurin Nicchiarelli dafür Originalmaterial von Avantgarde-Künstler Jonas Mekas) liefert „Nico, 1988“ weniger einen biografischen Abriss als eine Interpretation der späten Nico, für die der Zuschauer idealerweise ein wenig Vorwissen mitbringen oder aber zumindest nach dem Film bei Wikipedia reinschauen sollte, um eine geniale erzählerische Klammer nachvollziehen zu können, in der die Umstände von Nicos Tod sehr subtil angedeutet werden.

Frustriert und desillusioniert absolviert Christa ihre Gigs, konsumiert Heroin und frönt ihrem Hobby, eigentümliche Klänge wie das Rattern eines Wasserboilers aufzuzeichnen und ihren Strukturen nachzuspüren. In ihrem späten Bemühen um den zuvor vernachlässigten Sohn übersieht sie, dass das unstete Tourneeleben für den ebenfalls drogenaffinen sowie suizidgefährdeten Mittzwanziger eine gewisse Gefahr darstellt, was die düstere Atmosphäre der letzten Jahre der einstigen Ikone zusätzlich verdunkelt.

Die sparsam eingesetzten Songs (jeweils von der grandiosen Tryne Dyrholm selbst gesungen, mit gewollt variierter Virtuosität) erzählen in ihren Texten und auch zwischen den Zeilen viel über Nicos Liebe zu ihrem Sohn. Wir bekommen einen tiefen Einblick in die Psyche der Sängerin (sehr aussagekräftig sind zudem die aus dem Off gesprochenen Gesetzestexte, die ihre Schuldgefühle gegenüber Ari verdeutlichen), dazu wird auf fast minimalistische Weise auch ein Porträt der Nebenfiguren geliefert. So leidet etwa eine Violinistin (Anamaria Marinca, „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“) unter falsch gewählten Partnern und Tourmanager Richard unterdrückt seine Gefühle, bis es zu spät ist.

Der Minimalismus des Films wirkt wie eine Annäherung an die Lebenseinstellung seiner Titel-(Anti-)Heldin. Die Regisseurin biedert sich ebenso wenig beim Publikum an wie die porträtierte Künstlerin bei ihren Fans. Christa erklärt ihren Interviewern zwar „Mein Leben begann erst NACH den Erfahrungen mit The Velvet Underground“, es erscheint aber fraglich, inwiefern ihre Gesprächspartner überhaupt bereit sind, ihr zuzuhören, sie wollen nur Soundbites für den vermeintlichen Massengeschmack. So wie Christa bewusst aneckt, unterläuft auch Filmemacherin Susanna Nicchiarelli die Erwartungen des Publikums und macht aus „Nico, 1988“ einen zurückhaltend, aber stringent inszenierten Film, der letztlich eine erstaunliche Intensität entfaltet.

Wenn man minutenlang eine sehr dunkle Nachtfahrt miterlebt, zu der aus dem Autoradio Alphavilles „Big in Japan“ ertönt, ist das für den Gesamteindruck des Films genauso wichtig wie vergleichsweise dramatische Konfrontationen. Und die letzten zwei Einstellungen des Films sowie der folgende Abspann sind gar meisterlich und verleihen „Nico, 1988“ einen zusätzlichen Touch von jener rätselhaften Faszination, die auch seine Titelfigur zu einer ganz besonderen Künstlerin gemacht hat.

Fazit: Die fantastische Trine Dyrholm als introvertierte und selbstzerstörerische „Nico“ steht im Zentrum eines ebenso düsteren wie faszinierenden Psychogramms, nach dem man unbedingt mehr über die Protagonistin erfahren will.
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