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Tatort: Hardcore
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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Tatort: Hardcore
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Was haben die Krimireihe „Tatort“ und Hardcore-Pornofilme gemeinsam? Genau: Millionen Deutsche konsumieren sie Woche für Woche! Denn während den neuen „Tatort“ am Sonntagabend – je nachdem, welches Ermittlerteam im Einsatz ist – rund acht bis 13 Millionen Zuschauer einschalten, entfallen hierzulande über zwölf Prozent aller Webseitenaufrufe auf pornografische Inhalte. Deutschland ist damit nicht nur Fußball-Weltmeister, sondern auch Porno-Weltmeister. Ein „Tatort“-Ausflug hinter die Kulissen der entsprechenden Filmbranche war daher fast schon überfällig, und es kommt nicht von ungefähr, dass zuerst die Kommissare aus München in der Welt der Gangbang-Partys und Bukkake-Videos ermitteln dürfen: In der Stadt an der Isar schlug in den 70er und 80er Jahren das Herz der deutschen Pornoindustrie, die sich durch das Internet vor allem im Amateurbereich stark gewandelt hat. Einen fiktiven, aber glaubwürdigen Blick in eine Welt, die vielen Zuschauern unbekannt sein dürfte, gewährt nun Regisseur Philip Koch („Picco“, „Outside The Box“) in seinem unterhaltsamen und stellenweise brüllend komischen „Tatort: Hardcore“ – einem freizügigen Sonntagskrimi ohne verbale Tabus, der garantiert für Gesprächsstoff sorgen und die sozialen Netzwerke zum Glühen bringen wird.

In den leeren Studioräumen über einem Kaufhaus in der Münchner Innenstadt liegt die Leiche von Marie Wagner (Helen Barke). Neben der erdrosselten Frau im Bikini steht ein Planschbecken mit einer übel riechenden Brühe aus Körperflüssigkeiten – darunter reichlich Sperma und Urin. Unter dem Künstlernamen „Luna Pink“ hatte die Altenpflegerin nebenberuflich Pornofilme gedreht und nach ihrem letzten Einsatz in einem Bukkake-Video mit über 20 Männern ihr Leben gelassen. Die Münchner Hauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), die von den Assistenten Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) und Ritschy Semmler (Stefan Betz) unterstützt werden, sichten das Drehmaterial von Pornoproduzent Olli Hauer (Frederic Linkemann) und gleichen die Anzahl der Anmeldebögen mit den maskierten Laiendarstellern ab: Es war ein Darsteller zuviel am Set. Handelt es sich um den Täter? Von Wagners Freundin Stella Harms (Luise Heyer) erfahren die Ermittler, dass die ermordete junge Frau Streit mit Sam Jordan (Markus Hering) hatte, einem weiteren finanziell angeschlagenen Pornoproduzenten. Noch ahnen Batic und Leitmayr nicht, dass Wagner die Tochter von Oberstaatsanwalt Rudolf Kysela (Götz Schulte) ist...

Wir suchen jetzt einen Mann mit zwei Armen, zwei Beinen und einem eher unterdurchschnittlich großen Glied.“ – „Das trifft auf halb München zu.“ – Es sind nicht zuletzt Dialoge wie diese, die den hohen Unterhaltungswert der 1030. „Tatort“-Ausgabe ausmachen. Zugleich stecken die Kommissare in diesem Gespräch die Grenzen der originellen und in weitestgehend unbekanntem Milieu spielenden Whodunit-Konstruktion ab: Wenngleich sich die Filmemacher bei der Täterfrage ein Hintertürchen offen lassen, war der Mörder mit hoher Wahrscheinlichkeit beim Porno-Dreh dabei. Folglich konzentrieren sich die Ermittlungen auf die Protagonisten vor und hinter der Kamera, was oft zu köstlicher Situationskomik führt: Bei einem Besuch am Set beispielsweise diskutiert Leitmayr wie selbstverständlich mit zwei Darstellern über geldwerte Steuervorteile, während diese in einer Drehpause ihre Erektion am Leben erhalten und sich der verdutzte Batic von einer intimrasierten Nackten über lukrative Porno-Praktiken aufklären lässt. In einem „Tatort“ aus Köln oder Luzern wären aberwitzige Szenen wie diese wohl ziemlich verkrampft ausgefallen, doch an der Isar wirkt das alles wunderbar natürlich – nie gerät das Geschehen zu albern und auch die Moralkeule und der Erklärbär für weniger themenaffine Zuschauer bleiben in der Regel außen vor. Wer Berührungsängste mit Pornografie mitbringt, dürfte allerdings schnell die Lust an diesem (fast) tabulosen Film verlieren.

Regisseur Philip Koch, der nach dem starken „Tatort: Der Tod ist unser ganzes Leben“ zum zweiten Mal einen Krimi aus München inszeniert und das Drehbuch gemeinsam mit Bartosz Grudziecki („Der Ausflug“) schrieb, profitiert bei der ironisch angehauchten Aufarbeitung der Mechanismen im knallharten Pornobusiness auch von den einmal mehr glänzend harmonierenden Hauptdarstellern, die mit ihrer reduzierten Mimik zahlreiche Pointen vergolden. Wer mit Begriffen wie „Bukkake“ oder Abkürzungen wie „ATM“ nichts anfangen kann, wird nicht alle Dialoge dieser buchstäblich spritzigen Krimikomödie verstehen – ist damit aber in guter Gesellschaft, weil auch die Kommissare trotz ihres soliden Grundwissens nicht jeden Terminus kennen. Explizites Material sendet die ARD selbstredend nicht: Obwohl blanke Brüste durchs Bild wippen und die Pornografie omnipräsent ist, wird das titelgebende Hardcore-Material nie im Detail eingefangen. Bei einer wilden Porno-Party wird zum Beispiel im verschwommen eingefangenen Hintergrund gevögelt, während die Auftaktsequenz zur kunstvollen Ouvertüre gerät: Zu den Klängen von Henry Purcells „What Power Art Thou“ (aus dem 3. Akt von „King Arthur“) stolziert Wagner in Zeitlupe gen Planschbecken, um plötzlich vor dem Zuschauer in die Knie zu gehen und ihm dabei direkt in die Augen zu blicken.

Dieses gekonnte Spiel mit dem Voyeurismus des Zuschauers und der Doppelmoral des vermeintlich braven deutschen „Tatort“-Publikums wird in der letzten Filmszene wieder aufgegriffen und bleibt nicht die einzige visuelle Fingerübung, die Kochs Krimi auch ästhetisch so überzeugend machen. Im Hinblick auf die Nebenfiguren birgt dieser „Tatort“ allerdings Schwächen: Dass die Ermordete ausgerechnet die Tochter des Oberstaatsanwalts, also eines höheren Vorgesetzten der Kommissare ist, sorgt kaum für zusätzliche Brisanz – wäre ein anderer in der Öffentlichkeit stehender Münchner Bürger ihr Vater gewesen, hätte die Geschichte kaum schlechter funktioniert. Muss es denn immer der Staatsanwalt sein? Bei der Charakterzeichnung deutlich zu kurz kommen hingegen Schlüsselfigur Stella Harms (stark: Luise Heyer, „Jack“), die ihre sexuellen Neigungen nur vor der Kamera ausleben kann, und ihr Mann Markus (Golo Euler). Die beiden Pornoproduzenten Jordan („Ich bin der Cumshot-King!“) und Hauer („Wer will dir denn beim Wichsen zugucken?“) sind hingegen stereotype Abziehbilder: Hier werden zwar fleißig Klischees bedient, aber immerhin wird das Ganze entwaffnend humorvoll aufgefangen, denn die beiden dürfen gleich reihenweise amüsante Oneliner zum Besten geben.

Fazit: Philip Kochs „Tatort: Hardcore“ ist ein höchst amüsanter und origineller Krimi mit kleinen Schwächen – und zugleich ein Crashkurs in Sachen Pornografie, der bei einigen konservativeren Zuschauern garantiert für Empörung sorgen wird.
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