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    Die zwei Päpste
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Die zwei Päpste

    Eine schauspielerische Meisterklasse

    Von Oliver Kube
    Was hinter den Vatikanmauern während eines Konklaves, also der Wahl eines neuen Papstes, so abgeht, lässt sich natürlich nachlesen. Aber Kameras sind strikt verboten, wenn die wahlberechtigten Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle an die Urne treten und einen aus ihrer Mitte zum neuen Vertreter ihres Gottes auf Erden bestimmen. „City Of God“-Regisseur Fernando Meirelles nimmt uns in dem Netflix-Film „Die zwei Päpste“ mit hinter die Kulissen gleich zweier solcher unter größten Sicherheitsvorkehrungen durchgeführter Veranstaltungen – dem Konklave von 2005, als Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) mehr als zwei Drittel der Stimmen auf sich vereinen konnte, und dem von 2013, das mit der Ernennung von Jorge Bergoglio alias Franziskus zu seinem Nachfolger endete. Die von Kameramann Cesar Charlone („Der ewige Gärtner“) in brillante, geradezu erhabene Bilder gekleideten Sequenzen zählen – trotz allseits bekanntem Ausgang – zu den spannungsreichsten in diesem intensiven, nahezu perfekt gespielten Charakterdrama, das zudem einige überraschend leichte Momente zu bieten hat.

    2012: Kardinal Bergoglio (Jonathan Pryce), der Erzbischof von Buenos Aires, ist vom Zustand der katholischen Kirche enttäuscht. In einem Schreiben bittet er Papst Benedikt XVI. (Anthony Hopkins), seinen Rücktritt anzunehmen. Der aus Bayern stammende Heilige Vater lehnt das Gesuch allerdings strikt ab und bestellt einen seiner schärfsten Kritiker stattdessen zu sich nach Rom. Zuerst auf dem päpstlichen Sommersitz, dann hinter den Mauern des Vatikans reden die von Grund auf verschiedenen Männer über Tradition und Fortschritt, Schuld und Vergebung sowie die Verantwortung der Kirche für 1,2 Milliarden Gläubige. Die einstigen Kontrahenten um das Erbe von Johannes Paul II. streiten dabei erbittert miteinander und scheinen keinen Konsens zu finden. Doch dann beginnt der Papst, sich plötzlich zu öffnen. Völlig überraschend für den Argentinier, der noch immer mit Entscheidungen ringt, die er als junger Mann getroffen hatte, teilt der Deutsche ihm mit, dass er plane, das zu tun, was seit mehr als 700 Jahren kein Papst gewagt hat: Er will aus freien Stücken zurücktreten - und ausgerechnet sein südamerikanischer Rivale soll ihm nachfolgen…

    Die zwei tuschelnden Päpste...


    Der Film startet mit einem herrlichen Lacher, als Papst Franziskus versucht, telefonisch einen Flug von Rom nach Lampedusa zu buchen. Die Dame am anderen Ende der Leitung glaubt natürlich, dass sie, nachdem der Kunde seinen Namen und Wohnort genannt hat, veralbert wird. Also legt sie einfach auf. Diese Szene wird kurz vor Ende der gut zwei Stunden Laufzeit noch einmal in etwas länger, dadurch sogar noch witzigerer Form wiederholt. Sie ist aber nicht der einzige leichte Moment, den Fernando Meirelles in sein von Drehbuchautor Anthony McCarten („Die dunkelste Stunde“) streckenweise sehr dialoglastig und dramatisch geschriebenes Werk einbaut, um für die nötige Auflockerung zu sorgen.

    Es gibt weitere köstliche Minuten, etwa wenn sich die Titelfiguren eine Pizza in die Sixtinische Kapelle (nachgebaut mit atemberaubender Detailliebe und Akkuratesse in den legendären Cinecittà Studios) liefern lassen oder sich Benedikt XVI. eine Episode von „Kommissar Rex“ im TV anschaut. Die Einschübe sind nicht nur lustig, sie sind hilfreich für den Zuschauer, sich in die beiden Männer, ihre Köpfe und Handlungen hineinzudenken und sie zu verstehen. Sie assistieren dabei zu erkennen, wie enorm sich der erzkonservative, gradlinige Ratzinger und der deutlich liberalere, viel emotionalere Fußball-Fan Bergoglio voneinander unterscheiden und was sie schließlich doch eint.

    Gleich zwei grandiose Schauspieler


    Die Mimik von Anthony Hopkins („Das Schweigen der Lämmer“) bleibt größtenteils stoisch und neutral. Aufgebrochen wird dieses starre Spiel höchstens einmal, wenn Bergoglio mal wieder etwas sagt oder tut, was der Weltanschauung von Benedikt XVI. komplett widerspricht. Erst als seiner Figur den endgültigen Entschluss gefasst hat, der auch das Leben seines Gegenübers für immer verändern wird, hellen sich die Gesichtszüge des Pontifex‘ und damit von Hopkins sichtlich auf. So entspannt war er bis dahin nur einmal zu sehen, nämlich als er – relativ früh im Film – am Klavier sitzt.

    Jonathan Pryce („Game Of Thrones“) ist seinem Szenenpartner dabei durchgehend ebenbürtig – und das obwohl er vielleicht sogar den schwierigeren Teil des Duos zu bewältigen hat. Denn Bergoglio ist ja völlig ahnungslos und unvorbereitet bezüglich dessen, was ihn im päpstlichen Sommersitz Castel Gandolfo und später dann im Vatikan erwartet. Zudem hat er, im Vergleich zu Ratzinger, der sich von früher Jugend an mehr oder weniger komplett der Kirche und der Theologie gewidmet hat, tatsächlich ein vielseitiges, bewegtes und bewegendes Dasein in Argentinien hinter sich, was sich auch im Gesicht und der Gestik des Darstellers widerspiegelt.

    ... werden hier von zwei absolut herausragenden Schauspielern verkörpert.


    Von diesem Leben erfahren wir immer wieder durch eingeflochtene Flashbacks in Bergoglios Tage als junger Mann in den 1950ern, bevor er Priester wurde, in die turbulenten und für ihn immens schmerzhaften 1970er sowie in die 1990er und 2000er. Die Rückblicke heben sich nicht nur dadurch von der Gegenwart ab, dass der zukünftige Papst hier größtenteils von Juan Minujin („Zama“) verkörpert wird. Sie werden auch in Schwarzweiß oder in deutlich körnigeren Analogbildern mit dem der jeweiligen Ära entsprechenden Seitenverhältnis präsentiert. So stehen sie natürlich in einem klaren Kontrast zu den Aufnahmen aus dem Jahr 2012, die – egal ob mit Handkamera oder stationär gefilmt – durchgehend sehr edel aussehen und gestochen scharf sind.

    Die in Argentinien und Uruguay gedrehten Flashbacks nehmen – speziell zur Mitte – einen beträchtlichen Teil des Films ein. Sie sind wichtig, um Bergoglios Gespräche mit Ratzinger zu illustrieren. Trotzdem wünscht man sich als Zuschauer hin und wieder, dass sie etwas kürzer gehalten wären. Nicht etwa, weil sie langweilen würden. Gerade die Story über das bis heute kontrovers diskutierte Verhalten des zukünftigen Papstes gegenüber den damaligen Machthabern in seinem Land ist spannungsreich umgesetzt. Aber jede Minute, die wir in der Vergangenheit verbringen, hält uns fern von Hopkins‘ und Pryces fantastischem Zusammenspiel. Insofern ist es okay, dass abgesehen von ein paar Nebenbemerkungen nicht auch noch näher auf Ratzingers Zeit als Mitglied der Hitlerjugend, als Luftwaffenhelfer oder als Kriegsgefangener eingegangen wird.

    Wie wahr kann das eigentlich sein?


    Natürlich weiß, mit Ausnahme der beiden Männer, niemand, was wirklich zwischen ihnen gesagt wurde. Das Skript basiert zwar auf einer Vielzahl von Quellen, aber kaum etwas davon ist zu 100 Prozent verifizierbar. Deshalb ist es legitim, dass es nur am Rande um die Skandale geht, die Benedikt XVI. überhaupt erst dazu brachten, in Frage zu stellen, ob er der Richtige sei, die katholische Kirche aus der selbst hervorgerufenen Krise zu führen. Auf diese Weise kommt die Figur Ratzingers in „Die zwei Päpste“ vielleicht etwas zu gut weg. Deshalb sollte sich, wer Näheres über den wenig ruhmreichen Umgang des Deutschen mit der weitverzweigten Korruption im Vatikan und den sich während seiner Amtszeit enorm häufenden Berichten über Missbrauch von Priestern an Kindern erfahren möchte, dringend auch die exzellente Kino-Doku „Verteidiger des Glaubens“ von Christoph Röhl ansehen.

    Es gibt eine Stelle gen Ende von „Die zwei Päpste“, an der die Protagonisten dann doch direkt über diese Sachverhalte reden. Mereilles und McCarten entschließen sich allerdings dazu, den Ton in diesen Momenten weg zu blenden. Kneifen sie etwa? Oder wünschen sie sich, dass der Zuschauer aufgrund des bisher Gesehenen und Gehörten selbst die Lücke füllt? Wie immer man diese Frage beantworten mag: Das hier ist ein großartig anzusehender, top geschriebener, oscarwürdig gespielter und durchgehend superunterhaltsamer Film, dessen Klasse durch diesen etwas frustrierenden Moment nur marginal gemindert wird.

    Fazit: Man muss weder Katholik sein noch überhaupt an einen Gott glauben, um sich an den charismatischen Auftritten von Anthony Hopkins und Jonathan Pryce sowie ihren geistreichen, meist hochintelligenten, gelegentlich aber auch witzig-charmanten Dialogen in diesem zudem visuell komplett überzeugenden Streifen zu ergötzen.

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