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    Blackbird - Eine Familiengeschichte
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Blackbird - Eine Familiengeschichte

    Weihnachten an Thanksgiving

    Von Christoph Petersen
    Spätestens wenn Anna (Mia Wasikowska), die jüngere Tochter und das schwarze Schaf der Familie, natürlich zu spät und dann auch noch in einem roten Sportwagen herangebraust kommt, ist klar: Subtilität ist schon mal nicht die Stärke von „Blackbird – Eine Familiengeschichte“. Ohnehin setzt Roger Michell in seinem Remake des dänischen Dramas „Silent Heart – Mein Leben gehört mir“ von Bille August weniger auf eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema Sterbehilfe …

    … sondern vor allem auf (zum Teil auffällig forcierte) Familienzwistigkeiten. Das vorrangige Ziel des „Notting Hill“-Regisseurs scheint also zu sein, seinen hochkarätigen Darstellern, allen voran den Oscargewinnerinnen Susan Sarandon („Dead Man Walking“) und Kate Winslet („Der Vorleser“), so viel Platz zum Glänzen wie nur irgend möglich einzuräumen – und glänzen tun sie dann auch!

    Lily (Susan Sarandon) will selbst entscheiden, wie sie aus dem Leben tritt.


    Lily (Susan Sarandon) ist schwerkrank. In nur wenigen Wochen wird sie nicht mehr aus dem Bett aufstehen, sprechen oder auch nur schlucken können. Deshalb plant sie, sich selbst das Leben zu nehmen. Ihr Mann, der Arzt Paul (Sam Neill), hat bereits ausreichend Schmerzmittel besorgt – und es gibt auch einen Plan, wie man das in dem US-Bundesstaat noch immer bestehende Gesetz gegen Sterbehilfe umgehen kann. Aber bevor es soweit ist, will Lily noch einmal ein letztes gemeinsames Wochenende mit ihrer Familie verbringen.

    Tochter Jennifer (mit Perücke und Brille kaum wiederzuerkennen: Kate Winslet), die mit Mann Michael (Rainn Wilson) und Sohn Jonathan (Anson Boon) anrückt, ist die vermeintlich perfekte Organisatorin, die immer alles im Griff zu haben scheint. Ganz im Gegenteil zu ihrer Schwester Anna (Mia Wasikowska), die sich während ihrer langanhaltenden Selbstfindungsphase von den Eltern aushalten lässt und ihre Freundin Chris (Bex Taylor-Klaus) mitbringt. Und so führt der nahende Tod der Mutter dazu, dass etliche Konflikte aufflammen, die schon länger unter der Oberfläche lodern …

    Weihnachtsgans im Oktober


    Wie fragte schon Franz Beckenbauer in einem Handy-Werbespot: „Ja, ist denn heut’ scho Weihnachten?“ Ist es zwar auch in „Blackbird“ nicht, aber Lily hat trotzdem Lust auf Weihnachts-Gans statt Thanksgiving-Truthahn – und so wird fürs abendliche Familienfestessen eben kurzerhand umdisponiert. Der schnell herbeigeschaffte Weihnachtsbaum wird dabei sehr schmutzfrei aufgestellt und sowieso ist das Haus von Lily und Paul in jeder Hinsicht absolut perfekt – an dieser unmenschlichen Sauberkeit ändert sich auch nichts, wenn die Großfamilie gemeinsam in der blütenweißen Küche ein Festmahl zubereitet …

    Man könnte das Setting ohne Frage steril nennen. Aber es bildet eben auch den größtmöglichen Kontrast zu den vergrabenen Geheimnissen, die sich im Verlauf des Wochenendes ihren Weg an die Oberfläche bahnen. Vor allem in den Szenen, in denen alle Familienmitglieder in einem Raum zusammen sind oder gar gemeinsam an einer Tafel sitzen, spitzt sich die Situation immer wieder dramatisch zu – und dann zeigt sich nicht nur, wie viel explosives Konfliktpotential in dieser Familie schlummert, sondern auch, wie viel schauspielerisches Talent sich hier auf engstem Raum versammelt. Wenn acht Schauspieler in einer Einstellung alle gleichzeitig eine grandiose Performance abliefern, weiß man als Zuschauer mitunter gar nicht mehr, wem davon man eigentlich zuschauen soll.

    Das sieht sehr lecker aus! Aber ganz ehrlich: Mit Brille und Perücke haben wie Kate Winslet zuerst gar nicht erkannt.


    Zwischendrin werden zum Luftholen verschiedene Zweier- und Dreierkonstellationen durchgespielt (wobei vor allem die Szenen mit Enkel Jonathan ganz wunderbar, weil am natürlichsten gelungen sind). Das erinnert schon stark an den szenischen Aufbau eines Theaterstücks, obwohl der Stoff von Christian Torpe, der nun auch das Drehbuch fürs Remake selbst geschrieben hat, ja tatsächlich originär fürs Kino entwickelt wurde. Im Vergleich zum Original nimmt die Verhandlung der ethischen Dimensionen der Sterbehilfe in „Blackbird“ allerdings eine reduziertere Rolle ein …

    … stattdessen wird die reale Gefahr, dass jemand eine solche Entscheidung nicht nur für sich selbst und womöglich sogar aufgrund falscher Informationen trifft, in „Blackbird“ für das Forcieren eines Großer-Knall-Konflikts genutzt, der leider in keiner Sekunde glaubhaft wirkt: Plötzlich wird die Möglichkeit ins Spiel gebracht, dass Paul fremdgeht und seine Frau deshalb „loswerden“ will. Das ist ein vollkommen unnötiger Holzhammer-Twist auf Seifenoper-Niveau – und wird den vielen delikaten, wahrhaftigen Momenten, die der tolle Cast in den übrigen eineinhalb Stunden immer wieder zu kreieren vermag, nicht gerecht.

    Fazit: Nicht nur weil „Blackbird“ ein Remake ist, fühlen sich viele der Dialoge und Konstellationen an, als hätte man sie schon oft gesehen – und trotzdem packt einen der ehrlich berührende Film im Verlauf des konfliktreichen Familienwochenendes und lässt einen dann bis zum tränenreichen Finale auch nicht wieder los. Dem herausragenden Cast sei Dank.

    PS: An einer Stelle im Film löst Michael Kreuzworträtsel und hängt an einer Frage fest, auf die ich zufälligerweise nur wenige Tage zuvor in dem Videospiel „The Lost Files Of Sherlock Holmes: Case Of The Rose Tattoo“ von 1996 zum ersten Mal gestoßen bin. Ich habe deshalb weiter recherchiert und offenbar ist das Rätsel ziemlich bekannt – dennoch möchte ich es euch nicht vorenthalten, weil ich es schon ziemlich super finde. Der Hinweis ist „HIJKLMNO“. Die Antwort umfasst fünf Buchstaben.

    (Das Rätsel lässt sich nur auf Englisch lösen, auf Deutsch ergibt es aufgrund eines Mini-Wortes leider keinen Sinn. Wenn jemand von euch den Film synchronisiert im Kino schaut, schreibt gerne mal in die Kommentare, wie die entsprechende Stelle übersetzt wurde.)

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