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    Tatort: Treibjagd
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Tatort: Treibjagd

    Sehr besorgte Bürgerwehr

    Von Lars-Christian Daniels
    Sag niemals Juli zu mir!“ – Mit dieser augenzwinkernden und doch sehr eindringlichen Bitte endete im April 2018 der starke Hamburger „Tatort: Alles was Sie sagen“: Die Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) waren nach ihrem vierten Fall endlich beim Duzen angekommen und hatten zuvor unter Beweis gestellt, dass sie als Ermittlerduo mittlerweile hervorragend harmonieren. Die anfängliche Distanz zwischen dem alleinerziehenden Großstadtbullen und der häufig verschlossen wirkenden Afghanistan-Rückkehrerin war damit nach einigen Anlaufschwierigkeiten überbrückt, was sich auch bei ihrem fünften Einsatz auszahlt: In Samira RadsisTatort: Treibjagd“ geraten Falke und Grosz ins Visier einer gewaltbereiten Bürgerwehr, die nicht mal davor Halt macht, den Ermittlern nachzustellen und ihr Privatleben öffentlich zu machen. Das sorgt für Spannung, denn die Mördersuche ist diesmal zweitrangig: Radsis zweiter Beitrag zur Krimireihe (nach dem enttäuschenden „Tatort: Schlangengrube“) ist ein gelungener Thriller über Selbstjustiz unter Nachbarn und die Gefahren der Eskalationsspirale in den sozialen Medien.

    Der Hamburger Stadtteil Neugraben wird seit Wochen von einer Einbruchserie erschüttert. Dabei kommt einer der Täter zu Tode: Der alleinstehende Einfamilienhausbesitzer Dieter Kranzbühler (Jörg Pose) ertappt den jungen Kolya Daskalow (Tilman Pörzgen) und seine Freundin Maja Kristeva (Michelle Barthel) auf frischer Tat in seinem Wohnzimmer und eröffnet das Feuer. Kolya wird tödlich getroffen und verstirbt noch am Tatort, während Maja mit einer Streifschusswunde fliehen kann. Aber hat Kranzbühler auch in Notwehr gehandelt, wie er selbst vorgibt? Die Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) liegen mit ihren Zweifeln richtig: In Wahrheit trug der Einbrecher die Waffenattrappe, die bei ihm gefunden wurde, gar nicht bei sich. Kranzbühler, der sich seinem Nachbarn und Bruder Bernd (Andreas Lust) und dessen Ehefrau Andrea (Anna Schäfer) anvertraut, hat sie nachträglich in der Hand des Toten platziert, um die Tat wie Notwehr aussehen zu lassen. Während Koljas verletzte Freundin untertaucht und auf Rache sinnt, richtet sich der Zorn einer von Bernd Kranzbühler geleiteten Bürgerwehr nicht nur gegen die Einbrecher: Die Polizei tut in ihren Augen viel zu wenig gegen die Kriminalität in ihrem Viertel…

    Ich hab‘ doch gesagt: Internet ist nur für Spacken“, echauffiert sich der offline lebende Falke über den wütenden Mob, der im Forum der Nachbarschaftswache zu Attacken auf die Polizei und zur titelgebenden Treibjagd auf die verletzte Einbrecherin bläst – und bekommt schon bald am eigenen Leib zu spüren, wie schnell sich gewaltbereite Menschen heutzutage im Netz mobilisieren können. Die Drehbuchautoren Benjamin Hessler („4 Blocks“) und Florian Öller („Polizeiruf 110“) legen den Finger auf den Puls der Zeit und entspinnen ein gleichermaßen beunruhigendes wie authentisches Szenario, das im Hamburg von heute schon morgen Realität sein könnte: Spätestens als die Privatadressen der beiden Kommissare im Internet landen und Falkes unbeteiligter Sohn Torben (Levin Liam) ins Visier des „besorgten Bürgers“ Siggi Reimers (Sascha Nathan) gerät, wird aus der digitalen Stimmungsmache plötzlich bitterer Ernst. Ganz neu ist dieses Thema für die öffentlich-rechtliche Krimireihe allerdings nicht: Erst im vergangenen Jahr waren es die Kölner Kollegen Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär), die im „Tatort: Wacht am Rhein“ mit einer gewaltbereiten Bürgerwehr aneinandergerieten, die das Gesetz in die eigenen Hände nahm und in ihrem Veedel Jagd auf kriminelle Ausländer machte.

    Den Unterhaltungswert schmälert das kaum, denn die Filmemacher halten die Spannung konsequent hoch – unterstützt vom stimmungsvollen, mitunter aber etwas aufdringlichen Soundtrack des Musikerduos Dürbeck & Dohmen: Regisseurin Samira Radsi („Die Protokollantin“) hat keinen klassischen Sonntagskrimi, sondern einen waschechten Thriller inszeniert. Als Whodunit zum Miträtseln taugt der 1072. „Tatort“ damit nicht, denn die Täterfrage ist nach wenigen Minuten geklärt: Weil Kranzbühler seinem Bruder die Tat gesteht und das Ganze ausführlich illustriert wird, genießt der Zuschauer gegenüber den Ermittlern einen erheblichen Wissensvorsprung. Die Frage nach dem Tathergang rückt aber ohnehin schnell in den Hintergrund und dient vor allem dazu, den fünften Fall von Falke und Grosz in der gewohnten „Tatort“-Struktur mit einleitendem Leichenfund und anschließenden Ermittlungen zu halten: Entscheidend vorangetrieben wird die Handlung von der Suche nach der untergetauchten Einbrecherin Maja, bei der wir kleinere Logiklöcher wie die praktischerweise entsperrten Smartphones im verlassenen Fluchtfahrzeug oder die seltsam schlafmützigen Wachhunde von Hundeschulbesitzerin Heike (Angelika Richter) allerdings in Kauf nehmen müssen.

    Dass wir der um ihren Freund und ihre Gesundheit gebrachten Täterin bei ihrer Flucht vor Polizei und Bürgerwehr bis zum dramatischen Showdown fast ein wenig die Daumen drücken, ist auch der tollen Performance von Schauspielerin Michelle Barthel („Spieltrieb“) zu verdanken, während sich Hauptdarsteller Wotan Wilke Möhring („Steig. Nicht. Aus!“) diesmal zurücknimmt: War sein Bundespolizist Falke im vorletzten Hamburger „Tatort: Dunkle Zeiten“ noch ein wandelndes Pulverfass, wird der alleinerziehende Milchtrinker von der besonnenen Grosz diesmal häufig im Zaum gehalten. Obwohl die Filmemacher ihr weiterhin (noch) kein Privatleben zugestehen, gewinnt seine Kollegin damit als relativ neue „Tatort“-Ermittlerin an Profil – auch weil sie das Eskalationspotenzial in den Kommentarspalten der Online-Foren von Beginn an realistischer einzuordnen weiß als ihr Partner, der von all dem (zu) lange nichts wissen will. Die übrigen Figuren wirken zwar etwas überzeichnet, doch begehen die Filmemacher beim Skizzieren der Bürgerwehr nicht den Fehler, alle Hetzer plump über einen Kamm zu scheren. Vielmehr beleuchten sie die Gruppendynamik unter den besorgten Nachbarn differenziert und wissen dabei zwischen gewaltbereitem Anführer, gehorsamen Mitläufern und reumütigen Tätern zu unterscheiden.

    Fazit: Samira Radsis „Tatort: Treibjagd“ ist ein spannender Thriller mit aktuellem Zeitbezug und überzeugenden Darstellern.
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