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    Der Rausch
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Der Rausch

    Die perfekte Promille

    Von Christoph Petersen
    Als Finn Skarderund vor etwa 20 Jahren die Theorie aufstellte, dass Menschen mit einem Blutalkoholwert geboren werden, der etwa eine halbe Promille unter dem Optimum liegt, schlug ihm vor allem harsche Ablehnung entgegen. Seinen Kritikern konnte der norwegische Philosoph allerdings schon deshalb nur wenig entgegensetzen, weil seine These zwar auf der Beobachtung basierte, dass Politiker und Künstler oftmals gerade im angetrunkenen Zustand große Taten vollbringen, er sie aber nie im Selbstversuch zu belegen versuchte. Dieses Versäumnis wird jetzt nachgeholt, wenn auch nur auf der Kinoleinwand.

    In seiner neuen Tragikomödie jagt nicht nur das Protagonisten-Quartett, sondern auch der inzwischen 51-jährige „Das Fest“-Regisseur Thomas Vinterberg jenem Moment hinterher, als „man mit 16 um vier Uhr morgens nach Hause kam und die Frühlingsblumen dufteten, man verliebt und betrunken war“. Und tatsächlich: „Der Rausch“ erreicht im Verlauf seiner 115 Minuten immer wieder diesen Zustand unbeschwerter Freiheit, vor allem in einer absolut grandiosen Schlussszene, die einen – auch ganz ohne Alkohol – vollkommen berauscht und glücklich aus dem Kinosaal entlässt.

    Mit genügend Alkohol klappt's auch mit dem Unterricht!


    Martin (Mads Mikkelsen) steht kurz vor dem Burnout. Weder seinen Schülern noch seiner Familie hat er wirklich etwas zu sagen. Es wird sogar eine Schulkonferenz einberufen, weil sich seine Klasse durch seinen unfokussierten Geschichtsunterricht nicht gut genug auf die Abschlussprüfungen vorbereitet fühlt. Aber dann fassen Martin und seine Lehrer-Kollegen Tommy (Thomas Bo Larsen), Nikolaj (Magnus Millang) und Peter (Lars Ranthe) bei einer feuchtfröhlichen Geburtstagsfeier einen gewagten Plan:

    Sie wollen zukünftig während der Arbeit möglichst konsequent einen Blutalkoholwert von 0,5 Promille halten – und ihre Erkenntnisse über die verbalmotorischen Auswirkungen in einem Studienpapier festhalten. Die zwei Schnaps zum Frühstück zeigen auch schnell Wirkung: Martin kann seine Schüler endlich wieder begeistern – und auch die längst erloschen geglaubte Leidenschaft zu seiner Frau Trine (Maria Bonnevie) entflammt neu. Aber wie lange kann das mit der Sauferei wirklich gut gehen? Zumal schon bald der Vorschlag aufkommt, den angestrebten Promillewert noch weiter zu erhöhen…

    Alkohol ist doch eine Lösung


    Nachdem Martin, dem Champagner sei Dank, seine Freude am Unterrichten wiedergefunden hat, fragt er seine Klasse, wen sie lieber wählen würde: Einen ständig saufenden Egomanen? Oder einen abstinenten Tierfreund? Selbstverständlich wählen die Schüler bei dieser Auswahl den zweiten Kandidaten – und damit Adolf Hitler statt Winston Churchill. Eine lustige, sicherlich auch etwas plakative Szene – aber steckt womöglich auch ein wahrer Kern darin? Man spürt, dass Thomas Vinterberg seine Prämisse ernster nimmt, als sie im ersten Moment vielleicht klingen mag.

    Dass hier erstaunlich glaubhaft zumindest mit dem Gedanken gespielt wird, dass das alles vielleicht gar keine so schlechte Idee ist, verpasst „Der Rausch“ den nötigen satirischen Biss. Zudem ist es schließlich die Aufgabe eines guten Drogenfilms, den Zuschauer erst einmal zu verführen, ihm den Reiz des Rausches zu vermitteln – und das gelingt hier nicht nur deshalb ganz hervorragend, weil die vier Hauptdarsteller so verdammt sympathisch sind: Thomas Vinterberg und sein Kameramann Sturla Brandth Grøvlen („Victoria“) finden zudem nämlich immer wieder auch einladend-sommerliche, verheißungsvoll-unbeschwerte Bilder etwa vom traditionellen Bierkastenlauf der Oberstüfler um einen malerischen See.

    Kein Besäufnis ohne Kater


    Ursprünglich wollten Thomas Vinterberg und sein Co-Autor Tobias Lindholm („A War“) einen Film machen, der den Alkohol feiert – schließlich gibt es schon unzählige Werke, die vor den Gefahren des Rausches warnen. Aber dann wurde dem Duo beim Schreiben des Drehbuchs schnell klar, dass das wohl doch zu verantwortungslos wäre – und so werden in „Der Rausch“ nun auch die dunklen Seiten nicht ausgespart. So beginnt das ganze Experiment ab einem gewissen Punkt langsam zu kippen und einige Teilnehmer torkeln plötzlich besoffen statt beschwipst in den Unterricht. Die Entscheidung der Macher ist nachvollziehbar – und sie macht aus der hochprozentigen Buddy-Comedy eine Midlife-Crisis-Tragikomödie mit vier starken Protagonisten, die von vier herausragenden Schauspielern getragen werden.

    Trotzdem hat die Art, wie die möglichen negativen Folgen etwas zu säuberlich auf die vier Figuren „aufgeteilt“ werden, auch etwas Formelhaftes und Schematisches an sich, weshalb diese Phase gegenüber dem Rest des Films ein wenig abfällt. Aber keine Sorge, „Der Rausch“ endet deshalb nicht mit einem brummenden Kater, sondern mit einem mitreißenden High: Wenn uns Mads Mikkelsen im Finale noch einmal mit einer völlig neuen Seite seines ohnehin schon vielseitigen Könnens überrascht, kommt dabei eine der schönsten Schlussszenen seit langer Zeit heraus. Da dürfen wir uns alle noch mal kurz wie 16 und betrunken fühlen…

    Fazit: „Der Rausch“ begeistert vor allem dann, wenn er die positiven Seiten des Rausches zelebriert – das Ergebnis ist eine der besten Buddy-Tragikomödien seit „Ganz oder gar nicht“.

    Wir haben „Der Rausch“ auf dem Filmfest Hamburg gesehen

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