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    Romys Salon
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Romys Salon

    Der viel bessere "Honig im Kopf"

    Von Karin Jirsak-Biemann
    In „Romys Salon“ erlebt ein zehnjähriges Mädchen die fortschreitende Demenz-Erkrankung seiner Großmutter und wird zur gewitzten Komplizin im Kampf um Freiheit und Würde – der Vergleich mit Til Schweigers „Honig im Kopf“ (2014) liegt bei so einer Geschichte natürlich nahe. Ein Kassenschlager wie die überzuckerte Tragikomödie, in der Schweiger-Tochter Emma und Dieter Hallervorden die Hauptrollen spielen und die am Ende mehr als sieben Millionen Zuschauer in die Kinos locken konnte, wird diese deutsch-niederländische Produktion mangels bekannter Darsteller und millionenschweren Marketings trotzdem eher nicht werden.

    Schade eigentlich, denn die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Tamara Bos ist ganz klar der bessere Filmbeitrag zum Thema. Nahe am Leben und ohne Kitsch und dramaturgischen Kokolores erzählt die niederländische Regisseurin Mischa Kamp („Tony 10“) auf einfühlsame und kindgerechte Weise von einer besonderen Verbindung, die sich hier erst in der Konfrontation mit der Krankheit entwickelt. Dabei trifft „Romys Salon“ - ganz im Gegensatz zum schweigerschen Beitrag – immer genau den richtigen Ton.

    Romy und ihre Oma Stine: Trotz Alzheimer ein eingespieltes Girlpower-Team!


    Erst mal läuft es nicht so gut zwischen Romy (Vita Heijmen) und ihrer Oma Stine (Beppie Melissen). Die Zehnjährige fühlt sich abgeschoben, als ihre Mutter Margot (Noortje Herlaar) nach der Scheidung wieder einen Vollzeitjob annimmt und Romy nach der Schule in Omas Friseursalon parkt. Auch Stine ist nicht begeistert, sie hat schließlich viel zu tun und ein Kind stört nur bei der Arbeit. Das Blatt wendet sich allerdings, als Stine zunehmend vergesslicher wird und Romy immer mehr Aufgaben im Salon übernimmt. Als bei Stine Alzheimer diagnostiziert wird, ist die Entscheidung für Margot klar: Niemand kann sich um sie kümmern, also muss ihre Mutter in ein Pflegeheim. Romy ist anderer Meinung und fasst einen riskanten Entschluss...

    Dass Krisen wie die schwere, unheilbare Krankheit eines Familienangehörigen vor dem vermeintlichen Idyll der Kindheit keinen Halt machen, ist leider Realität. Da kann sich unsere Gesellschaft noch so sehr bemühen, die scheinbar „dafür noch zu Kleinen“ von diesen schwierigen Themen abzuschotten. Regisseurin Mischa Kamp wählt hier quasi den umgekehrten Weg und lässt uns Stines Erkrankung durch Kinderaugen miterleben. Ein verständnis- und liebevoller Blick, der oft mehr sieht als die Erwachsenen: Für die geschiedenen Eltern ist Oma ein Problem, das Pflegeheim ist schnell beschlossene Sache. Aber Romy sieht, was die anderen nicht sehen: Dass Oma ihr Zuhause braucht, ihre Arbeit und ihren Kater Jens. Sie sieht, dass es Oma nicht gut geht und dass sie Fehler macht. Aber sie sieht auch die lustigen, skurrilen und manchmal abenteuerlichen Momente, die die Krankheit mit sich bringt. Es ist genau diese empathische Perspektive, die dem Film seine besondere emotionale Kraft verleiht.

    Große Emotionen ohne platten Kitsch


    Während wir Romy dabei beobachten, wie sie ihrer Oma hilft, verfolgen wir auch eine persönliche Entwicklung: Vom nach der Trennung der Eltern verunsicherten Kind wird Romy zu einer verantwortungsvoll handelnden Person, die für ihre Oma ein wichtiger, wenn nicht der einzige Anker ist – und umgekehrt. Ohne große Worte gelingt es Kamp, Romys Situation als Scheidungskind darzustellen, das seinen Platz in der Welt verloren hat und ihn im Friseursalon der Oma wiederfindet. Ein schönes Moment, das Romys Geschichte – erneut ganz im Gegensatz zur schweigerschen Zuckerattacke - sehr unaufdringlich an die emotionalen Rezeptoren des Publikums andocken lässt.

    Ein großer Pluspunkt ist auch, dass Kamp ihre Figuren ernst nimmt und sie niemals bloßstellt. Wo in „Honig im Kopf“ der demenzkranke Protagonist (trotz starker Leistung von Dieter Hallervorden) um ein paar Gags willen manchmal fast wie eine Karikatur wirkt, ist Stine jederzeit authentisch und lebensecht. Das liegt, neben dem auf unnötige Effekte verzichtenden Drehbuch, auch an den sehr natürlichen Darstellungen von Vita Heijmen und besonders Beppie Melissen, die ihrer Stine bei aller Verzweiflung auch viel Kraft, Würde, Witz und nicht zuletzt Stil verleiht. Und genug gute Laune kommt trotz aller Tragik auch auf, wenn Romy und ihre Oma mit vereinter Girlpower den Friseursalon wuppen.

    Fazit: „Honig im Kopf“ ohne künstliche Süßungsmittel und konstruierte Gags. Ein ruhiger, respektvoller und auch beschwingter Kinobeitrag zum Thema Demenz, mit Substanz und einem begeisternd-sympathischen Oma-Enkelin-Gespann.

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    Kommentare

    • Defence
      Klingt interessant und der Trailer auch apart. Mal bei Gelegenheit gucken, zumal ich Honig im Kopf bis heute vermieden habe^^
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