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Der Mann mit der Todeskralle
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Der Mann mit der Todeskralle
Von Christian Horn
Als „Der Mann mit der Todeskralle" (im Original: „Enter the Dragon") im Juli 1973 überaus erfolgreich in den Kinos startet, ist Bruce Lee bereits verstorben. Dabei wäre der von Warner Bros. produzierte Film sicher der endgültige und unumkehrbare Durchbruch des Kampfsport-Akrobaten im Westen gewesen, denn B-Movie-Regisseur Robert Clouse („Game Of Death") verbindet hier amerikanische und asiatische Erzählmuster, um den mittlerweile legendären Kampfsportler auch einem westlichen Publikum näher zu bringen: Neben Bruce Lee treten mit John Saxon („Nightmare - Mörderische Träume") und Jim Kelly („Black Samurai") zwei amerikanische Darsteller auf, die dem eigentlichen Star zwar nie wirklich die Show stehlen, aber vor allem in der ersten Hälfte ihren Platz als Identifikationsflächen für ein westlichens Publikum einnehmen. Das Ergebnis der Ost-West-Fusion ist stets unterhaltsam, mitunter berauschend, immer charmant und wird völlig zu Recht als Höhepunkt im filmischen Schaffen Bruce Lees gehandelt, auch wenn „Der Mann mit der Todeskralle" seine B-Movie-Herkunft nie ganz verleugnen kann.

Auf seiner abgelegenen Privatinsel veranstaltet Han (Kien Shih, „A Better Tomorrow 3") in regelmäßigen Abständen ein Kampfsportturnier, zu dem er Kung-Fu- und Karate-Profis aus aller Welt einlädt. Der einem Shaolin-Orden angeschlossene Lee (Bruce Lee) reist im Auftrag des britischen Geheimdienstes zum Turnier, um etwas über die kriminellen Machenschaften Hans – Drogengeschäfte und Frauenhandel – in Erfahrung zu bringen. Zudem motivieren ihn persönliche Rachegefühle, denn seine Schwester wurde von einem Handlanger des Bösewichts in den Selbstmord getrieben. Außerdem reisen der in finanziellen Nöten steckende Lebemann Roper (John Saxon) und der afroamerikanische Draufgänger Williams (Jim Kelly) zur Insel, wo sie im Verlauf des Turniers zu Verbündeten Lees werden. In einer Abfolge von Turnierkämpfen und nächtlichen Ermittlungen kommt Lee dem Geheimnis der Insel näher, bis es in einem Spiegellabyrinth schließlich zum finalen Showdown kommt...

Die schnell auf den Weg gebrachte Story ist erwartungsgemäß nicht sonderlich komplex und mitunter sogar recht hanebüchen. So stellen sich nicht wenige Logikfragen wie jene, warum Han (der übrigens auffallend an die populäre Figur des Dr. Fu Man Chu erinnert) ein großes Turnier auf seiner Insel veranstaltet, wo er doch die dortigen Machenschaften im Geheimen halten möchte. Ein weiteres Beispiel ist der Umstand, dass es auf der Insel keine Schusswaffen gibt. Händeringend sucht das Drehbuch gleich zu Beginn Erklärungen dafür: Erstens ist Waffenbesitz auf der Insel verboten, da sie teilweise in britischen Gewässern liegt, und zweitens mag Han keine Schusswaffen, da er vor einiger Zeit Opfer eines Attentats wurde. Ein Drogenbaron ohne Schusswaffen also – Wahrscheinlichkeitskrämer werden daran keine Freude haben. Ihren Zweck erfüllt die dünne Geschichte dennoch und letztlich ist es eh die Inszenierung, die „Der Mann mit der Todeskralle" zu einem besonderen Film macht.

Und damit sind nicht nur die Kampfszenen gemeint. Mit interessanten Nebenhandlungssträngen und zwar einfach gestrickten, aber schlüssigen und sympathischen Figuren gelingt es dem Film zu jeder Zeit, die Spannung hoch zu halten. Die aus ähnlich gelagerten Produktionen bekannten schnellen Zooms, die unverfälschte Siebzigerjahre-Atmosphäre mitsamt dem hervorragenden Soundtrack von Lalo Schifrin („Dirty Harry"), die Kulissen und das Kampfgeschrei von Bruce Lee, wenn er gerade sein Nunchaku schwingt: Das alles trägt dazu bei, dass „Der Mann mit der Todeskralle" als Gesamtpaket funktioniert – von den Titeleinblendungen (große rote Letter) bis zur finalen Auseinandersetzung im Spiegellabyrinth, die stark an das Finale von „James Bond 007 - Der Mann mit dem goldenen Colt" erinnert, der ein Jahr später in die Kinos kam. Die Story mag nicht viel komplexer sein als die Hintergrundgeschichte des Super-Nintendo-Klassikers „Street Fighter II", aber die Art und Weise der Montage, die bunten, ikonischen Bilder und die lässigen Sprüche wollen mit Haut und Haar aufgesaugt werden. Eine von Williams getätigte Aussage in Bezug auf Han beschreibt den inszenatorischen Charme von „Der Mann mit der Todeskralle" recht treffend: „Nur noch ein paar Sprechblasen und die Comicfigur ist fertig."

Die Kampfszenen spielen ob der James-Bond-mäßigen Kriminalgeschichte und verschiedener Nebenerzählungen vor allem in der ersten Hälfte eine weniger große Rolle, als man das bei einem Kung-Fu-Film erwarten würde. Wenn dann aber die Fäuste und Beine fliegen – und so selten ist das nun auch nicht der Fall – ist ästhetischer Genuss garantiert: Die Präsenz der Kampfsportlegende Bruce Lee, raffinierte Kameraeinstellungen, ein wohl dosierter Einsatz von Zeitlupen und die ausgefeilte Choreografie zwingen den Blick des Zuschauers auf die Leinwand – auch wenn gerade nicht Bruce Lee, sondern einer seiner Mitstreiter kämpft. So ist es auch (aber nicht ausschließlich) die perfektionierte Inszenierung der Kämpfe, die Bruce Lees letzten vollständig abgedrehten Film zum Klassiker macht – aus der unüberschaubaren Masse der Kung-Fu-Filme seiner Zeit sticht „Der Mann mit der Todeskralle" jedenfalls klar heraus.
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