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Scarface
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Scarface
Von René Malgo
Er gehört zu den umstrittensten Gangsterepen der Geschichte. Ein Film, dessen Einfluss nicht unterschätzt werden sollte und zur Zeit seiner Entstehung für einige Kontroversen sorgte. Die Rede ist von Brian de Palmas „Scarface“. Das Werk, welches noch vor „GoodFellas“ das klassische Gangsterdrama definierte, entmystifizierte und deshalb auf Grund rauer Sprache und intensiver Gewalt zerrissen wurde. Mittlerweile sind Fachleute wie Publikum wesentlich härtere Gangarten gewohnt und „Scarface“ durfte nachträglich die Ehre von selbigen Kritikern zukommen, die das Werk seinerzeit verrissen hatten. Nun wird er als einer der wichtigsten Gangsterfilme überhaupt angesehen.

Fidel Castro öffnet die Grenzen. Zumindest einen Teil davon. Damit erlaubt er Familien Verwandtschaft in Amerika zu besuchen. Unter der Hand zwingt er aber jene, die dorthin reisen, Kubas Abschaum mitzunehmen. Seien es politische Gefangene, Systemgegner oder tatsächliche Schwerverbrecher. Unter jenen befindet sich auch der Kleinkriminelle Tony Montana (Al Pacino), der nach Miami gelangen kann. Dort gerät er unter die Fittiche des Drogenbarons Frank Lopez (Robert Loggia) und beginnt seine Laufbahn als dessen Laufbursche. Doch Montana hat höheres im Sinne und beginnt, sich seinen Weg bis an die Spitze von Miamis Kokain-Imperium zu bahnen, ohne Rücksicht auf Verluste.

Drei umgeschnittene Fassungen und eine gerichtsähnliche Auseinandersetzung mitsamt Psychologen, journalistische Artikel und Zeugen brauchte es, bis „Scarface“ grünes Licht bekam und die Zensurbehörden erlaubten, dass das Werk auch von Jugendlichen in Begleitung Erwachsener gesehen werden durfte. Glücklich über den Triumph konnte es sich Schlitzohr Brian de Palma nicht verkneifen, so die erste Fassung an die Öffentlichkeit bringen, da er den Sieg für alle drei beanspruchte. Kaum einer merkte es und der Film wurde trotz oder gerade dank schlechter Kritiken ein großer Erfolg. Zum Mittelpunkt aller Rezensionen entwickelte sich die berühmt-berüchtigte Kettensägenszene. Ein Schauspiel, das seinerzeit für das beträchtliche Maß an Brutalität stand, mittlerweile aber die hohe Regiekunst des Brian de Palma und Brillanz eines kontroversen Werkes bezeugt.

Die Kettensägensequenz: Gleich zu Beginn sollte, laut Regisseur de Palma und Drehbuchautor Oliver Stone, ein brutales Zeichen gesetzt werden, um zu zeigen, in welche Richtung dieser Film ginge. Weg von den im Vergleich sauberen Schießereien und Messerstechereien aus „Der Pate“, hin zu einer äußerst dreckigen und brutalen Form des Tötens. Tony Montana (Pacino) und drei seiner Kollegen bekommen den Auftrag, Drogen von Kolumbianern zu kaufen. Während zwei auf der Straße im Auto warten, begibt sich Montana mit einem anderen Kollegen in das Apartment der Kolumbianer. Die Situation eskaliert und um Montana zur Preisgabe des Geldversteckes zu zwingen, wird sein Freund mit einer Motorsäge zerstückelt. Das Interessante an dieser Szenerie ist: Der Zuschauer sieht nichts. Gezeigt werden kurze Einblendungen auf die Kettensäge, ansonsten nur Al Pacinos Gesicht und Blut, das in selbiges spritzt. Trotzdem sprachen damals viele von dieser grausamen Szene, in der ein Arm abgesägt worden sein solle. Eine Szene, die nicht explizit zu sehen ist. Der Beweis einerseits für die Macht der Fantasie und andererseits für die vorzügliche Regiefertigkeit des Brian de Palma.

Al Pacino nennt „Scarface“ gerne, frei zitiert, a movie bigger than life. So legt er denn auch seine Rolle aus und stößt in opernhafte Dimensionen vor. Er versucht erst gar nicht, den kubanischen Akzent aufs I-Tüpfelchen zu kopieren, sondern kreiert einen eigenen, unvergesslichen Stil. Was in anderen Fällen reinste Form des Overactings wäre, erweist sich bei Pacino als große Schauspielkunst. Ihm gehört die Leinwand und er entwickelt bei seinen Auftritten eine elektrisierende Präsenz, wie sie kaum ein anderer Schauspieler ausstrahlt. So bleiben die weiteren Darsteller gnadenlos in seinem Schatten, obwohl sie durch die Bank ansprechende Leistungen abliefern. Seien es die damals noch unbekannte Michelle Pfeiffer als bildhübsche, aber leblose, drogenabhängige Mafiabraut, Steven Bauer, selbst ein Exilkubaner, oder F. Murray Abraham als schmieriger Gangster.

Das Drehbuch stammt aus der Feder von Oliver Stone, dessen Name inklusive angehängtem d während den Recherchen für „Scarface“ Programm zu sein schien. Denn Stone selbst erklärt in einem Interview, nach den Recherchen für das Drehbuch ginge er nach Europa, um Abstand von den Leuten, die er nun kenne, und dem Kokain zu gewinnen. Er sprach mit Herrschaften aus der Szene, war bei verschiedenen Polizeibehörden und saß nach eigenen Angaben mit äußerst ominösen Persönlichkeiten zusammen. Seine gründliche Recherche dehnte sich somit sogar auf den Konsum des Kokains aus. Ein entsprechend authentisches Script war das Ergebnis. Obwohl alle Charaktere fiktiv sind, spiegelt „Scarface“ doch mehr Realität wieder, als es auf den ersten Blick erscheint. Der Film erzählt die Geschichte vom amerikanischen Traum in einer überspitzten Weise und kehrt sie in einen bizarren Albtraum um. Doch gerade die Gewaltszenen, insbesondere jene Kettensägesequenz, beruhen auf tatsächlichen Ereignissen, welche Stone bereitwillig von den Justizbehörden mitgeteilt wurden.

Das legendäre F-Wort, an dem in den USA schon so manche angestrebte Jugendfreigabe gescheitert ist, erlangt in „Scarface“ Rekordumsätze. Bemisst sich die US-Altersfreigabe wirklich, wie Gerüchte hartnäckig die Runde machen, nach der Anzahl des Wörtchens „Fuck“, so wäre dieser Film wahrscheinlich ab einem Alter freigegeben, wo sich ein jeder Mensch schon im Grab befände. „Scarface“ erfährt die Schilderung eines dreckigen Drogenmilieus in blumigster Wort- wie Bilderwahl und kreiert so eine authentische Atmosphäre. Eine Atmosphäre, ebenso beängstigend wie reizvoll. Trotz greller Bilder und beschwingendem Discosound ist „Scarface“ in seiner Grundstimmung ein düsteres Drama. Keineswegs ein Werk, welches das Gezeigte verherrlicht oder gutheißt. Gerade im ungeschönten und unzensierten Blick auf eine Schattenwelt, die viele nicht wahrhaben wollen, weist der Film auf den verheerenden Einfluss von Geld, Kapitalismus, Macht und Drogen hin.

Jedoch scheint das Drama nicht auf jedermann die Wirkung zu haben, die es haben sollte. Einige innerhalb der kubanischen Gemeinschaft Miamis waren nicht allzu froh über die Geschichte eines kubanischen Gangsters und verhinderten, dass „Scarface“ (wie es eigentlich geplant war) einzig und alleine in Miami gedreht wurde. Deshalb beliefen sich die Dreharbeiten in Miami auf lediglich zwei Wochen. Die Crew wurde rausgeekelt und wich nach Kalifornien aus. Die kritischen Stimmen US-kubanischer Minderheiten finden sich in der Filmmutter Tony Montanas wieder, die nicht müde wird, zu wiederholen, er werfe ein sehr schlechtes Bild auf die kubanischen Einwanderer. Tatsächlich aber fühlten sich einige durch „Scarface“ sehr geschmeichelt und der Film entwickelte sich zum Vorbild zahlreicher Filmfreaks, insbesondere in der Hip-Hop-Szene. Der Figur Tony Montana widerfuhr eine Stilisierung zum Helden und seine Aussagen wurden zu geflügelten Wörtern.

„Scarface“ ist ein eindringliches Produkt seiner Zeit, welches authentisch das etwas andere Lebensgefühl einer Generation wiedergibt. Ein Film, der auf Illusionen aufbaut und selbige sogleich entzaubert. Der amerikanische Traum wird bis zum Exzess ausgelebt, umgekehrt, verdreht und das Wort Kapitalismus erhält ganz neue Dimensionen. Auf Grund seiner intensiven Bild- und Wortgewalt mag das Gangsterdrama nicht jedermanns Sache sein. Doch in seiner Aussage und Konsequenz kann „Scarface“ keineswegs der Unmoral bezichtigt werden. Die Verlockungen der glitzernden Oberfläche einer Welt voller Partys, Sex und Drogen findet eine exzellente Visualisierung, ohne dass de Palma in unnötige, voyeuristische Details abgleitet, was ihm bei anderen Filmen durchaus vorgeworfen werden kann.

„Scarface“ profitiert von einer ausgezeichneten Fotographie, dem gekonnt zusammengestellten Darstellerensemble, angeführt von einem Al Pacino in Topform, und einer sehr passenden, musikalischen Umrahmung Giorgio Moroders. Dies, zusammen mit einem authentischen Drehbuch von Oliver Stone, das sich gerade durch seine scharfsinnigen Dialoge und profilierte Charakterzeichnung auszeichnet, führt zu einem fast perfekten Film. Ein Film, für dessen Regie ein Mann wie de Palma („The Untouchables“, „Carlitos Way“) geradezu geschaffen ist. Es fehlt allerdings ein bisschen die Straffung der Handlung zum Meisterwerk, so dass bei all der Gewalt, die eigentlich nur spärlich, aber dann äußerst kraftvoll in Szene gesetzt wird, der Eindruck des Langatmigen nicht verwehrt werden kann.
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