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"Ich wollte eine komplett neue Welt erschaffen": Das FILMSTARTS-Interview mit "Aquaman"-Regisseur James Wan
Von Julius Vietzen — 19.07.2018 um 21:30
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Bei unserem Besuch am „Aquaman“-Set in Australien im Juli 2017 haben wir Regisseur James Wan zu seiner Vision für die Unterwasserwelt ausgefragt und nachgebohrt, ob es Auftritte von anderen DC-Figuren geben wird.

2018 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. / Jasin Boland/ ™ & © DC Comics

Im Gespräch mit James Wan auf dem Set von „Aquaman“ verrät uns der Regisseur alles über seine Vision und seine Inspiration für den Film und warum er sich ausgerechnet für den wohl meistverspotteten Superhelden aller Zeiten entschieden hat. Einzig beim Thema Cameos von anderen DC-Figuren lässt sich Wan nicht so recht in die Karten schauen...

FILMSTARTS: Bei den Dreharbeiten heute konnten wir die tolle Chemie zwischen Jason Momoa und Amber Heard beobachten. Wie war die Arbeit mit den beiden?

James Wan: So toll ich das Design und die Action und all das finde: Meiner Meinung nach lieben die Menschen Superheldenfilme wegen der Figuren und daher haben wir eine Menge Zeit darauf verwendet, herauszufinden wer unsere Figuren sind. Und ich versuche den Geist dieser ganzen säbelrasselnden Piratenfilme einzufangen und von solchen Filmen wie „Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten“ und „Indiana Jones“, bei denen sich die beiden Hauptfiguren anfangs nicht vertragen und sich im Verlauf des Films erst respektieren und dann sogar schätzen lernen. Das ist das, was Spaß macht. Auf die Reise kommt es an, nicht auf das Ziel.

FILMSTARTS: Amber Heard hat uns erzählt, dass sie sehr angetan davon ist, dass ihre Figur respektiert wird und dass sie nicht einfach zu einem Love Interest degradiert wurde – zu Mrs. Aquaman quasi. Hast du darauf auch besonderen Wert gelegt?

James Wan: Mit so einer Beziehung wollte ich nicht anfangen. Das ist doch langweilig, wenn sie schon verheiratet sind. Das Unterhaltsame ist, wie sie zusammenkommen. Wisst ihr, man schaut doch all die Jahre „Akte X“ und wartet darauf, dass Mulder und Scully endlich zusammenkommen. Und es dauert, bis das passiert, aber deswegen will man es nur umso mehr.

"Letztendlich sollen die Leute beim Anschauen Spaß haben."

FILMSTARTS: Wir haben bereits gehört, dass dein Händchen für Horror sich auch in „Aquaman“ bemerkbar machen soll. Kannst du uns etwas mehr darüber verraten?

James Wan: Ich glaube, das trifft vielleicht eher auf meine Horror-Ästhetik als auf einen Horror-Tonfall zu. „Aquaman“ ist natürlich kein gruseliger Film. Aber was das Visuelle betrifft, erlauben mir die Geschichte und das Setting, monströse Meereskreaturen zu erschaffen, und da ich schon immer einen Film über solche fantastischen Monster machen wollte, habe ich die Gelegenheit natürlich beim Schopf gepackt.

FILMSTARTS: Was für eine Art Film ist „Aquaman“ dann? Ist es ein düsterer Film? Oder eher ein humorvoller?

James Wan: „Aquaman“ ist ein Action-Abenteuer und vereint deswegen eigentlich alle Elemente, die dazu gehören: Es ist ein Mantel-und-Degen-Abenteuerfilm, der auf den sieben Weltmeeren spielt. Die Figuren sind charmante Gauner. Es gibt unterhaltsame Actionszenen. Und weil es ein Superheldenfilm ist, gibt es natürlich auch eine gewisse Schwere und Dramatik. Und Romantik: „Aquaman“ ist schließlich auch die Geschichte eines Leuchtturmwärters (=Arthurs Vater), der sich in eine Meerjungfrau verliebt. Alles daran schreit nach romantischem Seemannsgarn. Aber all diese Elemente halten sich die Waage, denn eine gewisse Balance ist für Superheldenfilme nötig, finde ich. Ich versuche immer, das Publikum mit auf eine emotionale Reise zu nehmen. Sogar in meinen Horrorfilmen habe ich einige lustige Momente, damit die Zuschauer zwischendurch auch mal lachen können. Ich nehme also, was ich dort gelernt habe und wende es hier an. Letztendlich sollen die Leute beim Anschauen Spaß haben.

FILMSTARTS: Wir sind absolut beeindruckt von allem, was wir hier am Set gesehen haben. Die Detailtreue ist wirklich toll. Was kannst du uns über das Design von „Aquaman“ erzählen?

James Wan: Damit fängt man ja bei einem Film immer an, dass man die Ästhetik und den Look konzipiert. Und ich wollte, dass „Aquaman“ ein anderes Design, einen andere Farbpalette als alle anderen Superheldenfilme hat, die es so gibt. Ich wollte etwas machen, das anders ist, das einen viel größeren Maßstab hat. Ich wollte einen Film drehen, in dem eine komplett neue Welt erschaffen wird.

2018 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. / Jasin Boland/ ™ & © DC Comics
"Aquaman" spielt nicht nur unter Wasser.

FILMSTARTS: Und wie bist du vorgegangen, um den Film anders zu machen?

James Wan: Alleine schon das Unterwassersetting und der dazugehörige Superheld sorgen ja dafür, dass sich „Aquaman“ schon gehörig von anderen Superheldenfilmen unterscheidet und dass es etwas Neues zu sehen gibt. Ausnahmsweise mal keine Aliens aus dem Weltall. Abgesehen von einem kleinen Blick auf Jason Momoa in „Justice League“ haben die Leute diese Unterwasserwelt noch nicht gesehen. Das ist für mich als Filmemacher das Spannendste: Dass ich das Publikum mit auf eine Reise in eine einzigartige Welt nehmen kann, die wir in einem Superheldenfilm so bislang nicht gesehen haben.

2018 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC.
Die Fischermenschen aus "Aquaman"

FILMSTARTS: In Aquaman gibt es sieben verschiedene Unterwasserkönigreiche. Was kannst du uns über die Unterschiede zwischen den einzelnen Reichen verraten?

James Wan: Genau, es gibt sieben Königreiche und sieben verschiedene Rassen. Alle stammen von der Bevölkerung des ursprünglichen Atlantis ab. Vor langer Zeit war Atlantis eine Zivilisation an der Oberfläche, doch dann ist sie versunken und wieder in die unterschiedlichen Stämme auseinandergebrochen, aus der die Bevölkerung ursprünglich bestand. Und dann haben sich über Hunderte von Jahren unterschiedlichen Kulturen entwickelt. Im Mittelpunkt von „Aquaman“ steht die Kultur, die sich aus jenen Ureinwohnern entwickelt hat, die in Atlantis geblieben sind und dabei lediglich zu Wasserbewohnern geworden sind. Und dann spielen noch die Xebelianer eine Rolle, zu denen etwa Dolph Lundgrens Figur gehört.

FILMSTARTS: Und die anderen fünf Königreiche?

James Wan: Es gibt noch das Königreich der Brine (auf Deutsch „Salzwasser“), das Königreich der Trench („Tiefseegraben“) und das Königreich der Fishermen („Fischermenschen“). Das sind die drei Königreiche, auf die wir noch eingehen.

FILMSTARTS: Was kannst du uns über deine Visionen für die Figur Aquaman verraten?

James Wan: Natürlich wollte ich die Welt und die Figur respektieren, die Zack Snyder und Jason Momoa zusammen erschaffen haben. Aber ich habe auch von Anfang an allen gesagt: Ich muss mir Aquaman komplett zu eigen machen können und gemeinsam mit Jason herausfinden, wer Aquaman ist. Aber ich wollte Jason natürlich auch fordern. Er ist ja ein unglaublich harter, starker Typ und ihn als Aquaman zu besetzen war eine absolut geniale Idee von Zack, weil das komplett dem widerspricht, was Aquaman in den Comics ist. Über Jasons Aquaman macht sich niemand lustig, ganz anders als über sein Gegenstück in den Comics. Diesen Gegensatz fand ich interessant, aber ich wollte auch Aquamans weichere Seite zum Vorschein bringen. Er soll ja keine eindimensionale Figur sein und man muss sich mit ihm identifizieren können, wenn er in „Aquaman“ zu einem Initiationsritus aufbricht und schließlich König wird.

2018 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. / Jasin Boland/ ™ & © DC Comics
Hat nur wenig mit dem Aquaman aus den Comics gemein: Jason Momoa

FILMSTARTS: Aquaman hat sein Debüt ja bereits in Justice League absolviert. Welche Elemente aus diesem Film und welche Elemente aus den Comics wolltest du auch in „Aquaman“ einbauen?

James Wan: Natürlich wollte ich der Figur treu bleiben, die Jason Momoa in „Justice League“ erschaffen hat, aber es war mich auch wichtig, dass sie sich nun auf eine Reise begibt und sich weiterentwickelt. Er hat eigentlich keine Lust darauf, der König einer Welt zu sein, in der er nicht aufgewachsen ist und die er noch dazu für etwas in der Vergangenheit verantwortlich macht, das ich hier nicht verraten möchte. Er will also eigentlich nichts damit zu tun haben, wird aber dennoch in die Sache verwickelt. Er muss also über seinen Platz in der Welt nachdenken und darüber, was es bedeutet, das Richtige zu tun. Für mich und Jason war es sehr spannend, diese Figur zu erschaffen, die in keiner Welt wirklich zu Hause ist, weder unter Wasser noch auf der Oberfläche, wo er wie ein Freak behandelt wird. Am Ende versteht er aber, dass er tatsächlich das Beste aus beiden Welten verbindet.

FILMSTARTS: Welche Verbindungen zu den anderen DCEU-Filmen gibt es in „Aquaman“ und werden andere DC-Superhelden darin auftreten?

James Wan: Das ist eine Frage, die ihr dem Studio stellen müsst! (lacht, die Publicity-Frau von Warner versichert ihm, dass wir ein Embargo unterschrieben haben). Also ich denke, es ist ja kein Geheimnis, dass Aquaman, Mera und Vulko bereits in „Justice League“ eingeführt werden [Vulko wurde dann schlussendlich rausgeschnitten]. Aber „Aquaman“ steht als Film für sich alleine.

FILMSTARTS: Aber wie sieht es mit anderen Figuren aus dem DCEU aus?

James Wan: Ich möchte nicht zu viel darüber sagen, wer oder was darin auftauchen wird, nur so viel: Ich wurde stark vom Kanon des Aquaman-Universums beeinflusst und daher versuche ich, mich von dieser Welt so stark wie möglich inspirieren zu lassen. Letztendlich möchte ich aber meinen eigenen Film machen, ohne dass der davon verunreinigt wird, dass ich andere Figuren oder Handlungsstränge einarbeiten muss. Hauptsächlich konzentriere ich mich also auf meine Hauptfigur und auf die Welt, in der sie lebt.

FILMSTARTS: Was kannst du uns über die Bösewichte Black Manta und Ocean Master sagen?

James Wan: Abgesehen von ein paar Comicfans kennen sich die meisten Leute mit der Welt von Aquaman nicht wirklich aus. Es ist also an mir, diese Figur und ihre Welt auf der großen Bühne des Kinos vorzustellen. Ich glaube, die emotionalste Geschichte dafür ist eine Familiengeschichte. Das ist also mein Thema in diesem Film. Patrick Wilson spielt König Orm, Aquamans Halbbruder. Ich hatte das Gefühl, dass er der geeignetste Gegenspieler für Aquaman sein würde, weil es eine spannende Dynamik zwischen ihnen gibt: Arthur ist der rechtmäßige König von Atlantis, weil er der Erstgeborene ist und Orm nur der Zweitgeborene, aber Orm ist in Atlantis aufgewachsen und ist der aktuelle Herrscher. Sind sind also Geschwister, es gibt eine gewisse Rivalität und eine Hassliebe zwischen ihnen. Und Black Manta passt auch noch ins große Ganze, ohne zu viel zu verraten.

2018 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC.
Aquaman (Jason Momoa) und Orm (Patrick Wilson)

FILMSTARTS: Uns wurde erzählt, dass der Film hauptsächlich unter Wasser spielt, aber kaum eine Szene unter Wasser gedreht wird.

James Wan: Es gibt ein paar Szenen, die auf dem Wasser oder im Wasser gedreht wurden. Die Eröffnungsszene spielt in einem U-Boot und die haben wir beispielsweise komplett im Wasser gedreht. Tatsächlich gibt es sogar mehr Wasser als ich gedacht hätte. Man kommt da einfach nicht drum herum, weil es eine ganz andere Ästhetik ergibt, wenn man am Wasser dreht, als auf dem Trockenen. Es ist nicht dasselbe Gefühl.

FILMSTARTS: Trotzdem dreht ihr eine Menge Szenen auf dem Trockenen, die eigentlich unter Wasser spielen. Warst du von dieser Technik von Anfang an überzeugt?

James Wan: Mir war immer klar, dass wir zu einem gewissen Teil neues Terrain betreten würden. Und als Filmemacher in einer digitalen Welt wusste ich auch, dass ein Großteil des Films aus visuellen Effekten bestehen würde, was für mich aber eher neu ist. Das Wichtigste ist meiner Meinung nach, dass man die richtige Balance findet. Was drehe ich mit den Darstellern? Welche Darsteller muss ich überhaupt wirklich in einer Einstellung haben, wenn ihre ganze Umgebung sowieso digital erstellt wird? Und die Sache ist die: Menschen sind nicht dafür gemacht, unter Wasser schnell zu schwimmen, wie ein Hai zu schwimmen.

FILMSTARTS: Wie funktioniert die Kommunikation der Wasserbewohner untereinander? Wie habt ihr das gedreht?

James Wan: Ich habe das Gefühl, dass sich die Leute darüber viel zu viele Gedanken machen. Jeder glaubt, das müsste total aufwändig und kompliziert sein, dabei lasse ich sie einfach unter Wasser reden. Es gibt ein paar visuelle Effekte zur Unterstützung, Partikel, Strömungen, und dann wird der Sound so abgemischt, dass er nach Unterwasserwelt klingt, aber das ist alles. Alles andere wäre auch zu viel. Wenn es zu aufwändig wird und es zu viele Effekte gibt, dann wird es irgendwann nervig. Ich lasse die Schauspieler einfach sprechen. Ich glaube, die Leute werden überrascht sein, wie simpel das ist.

FILMSTARTS: Wie fühlt es sich an, hier bei dir zu Hause in Australien zu drehen?

James Wan: Es ist fantastisch. Ich finde es toll, dass ich endlich in einer Position bin, in der ich sagen kann „Ich möchte den Film in Australien drehen“ und alle mir zustimmen. Und es ist natürlich auch toll, mit einer australischen Crew zu arbeiten, die hier absolut unglaubliche Arbeit leistet. Es wurden in jüngster Zeit so viele große Filme hier gedreht, es gibt wirklich überhaupt kein Unterschied mehr zu einer Crew in den USA.

Kein Druck wegen "Aquaman"

FILMSTARTS: Für viele kam das DCEU nach einem holprigen Beginn erst mit „Wonder Woman“ so richtig in Fahrt. Hast du das Gefühl, dass du unter einer Menge Druck stehst?

James Wan: Das ist interessant, dass ihr den Druck erwähnt: Von all den Comicfiguren, die ich mir zum Spielen hätte aussuchen können, habe ich ja ausgerechnet die gewählt, um die sich keiner schert (lacht). Ausgerechnet die Figur, über die sich jeder lustig macht, damit es weniger Druck gibt. Ich habe absichtlich einen Helden ausgewählt, den kaum jemand kennt, und der nicht schon in 50 anderen Filmen vorkam – tatsächlich gab es noch keinen einzigen Film über ihn. Ich wollte nicht unbedingt so im Rampenlicht stehen. Aber wenn man Teil eines Cinematic Universe ist, dann achtet natürlich trotzdem jeder darauf, was man macht und man steht unter genauester Beobachtung. Aber ich versuche einfach, weiter Spaß zu haben.

Mehr über „Aquaman“ erfahrt ihr in den nächsten Tagen hier auf FILMSTARTS. Unsere Interviews mit Amber Heard und Peter Safran sind bereits online, es folgt noch das Interview mit Jason Momoa sowie unser großer Set-Bericht.

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