Nur geträumt
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Nur geträumt

Ziemlich beste Laune

Von Gaby Sikorski

Hierzulande wurden die französischen Filmemacher Éric Toledano und Olivier Nakache vor allem durch den Sensationserfolg „Ziemlich beste Freunde“ bekannt: mehr als neun Millionen verkaufte Tickets bedeuteten 2012 Platz 1 der deutschen Kinojahrescharts vor „Skyfall“ und „Ice Age 4“. Aber schon vor ihrem internationalen Megahit hatte das Duo drei gemeinsame Filme realisiert, darunter die Sommerkomödie „Hilfe, Ferien!“ (2006), die in Deutschland zwar gar nicht ins Kino kam, aber in Frankreich längst als Kultfilm gilt. Sie spielt in einem Jugendcamp – und genau dort lernten sich Nakache und Toledano Ende der 1980er Jahre kennen.

„Hilfe, Ferien!“ könnte damit tatsächlich als eine Art geistiger Vorläufer für den neuesten Komödienstreich der Regisseure gelten: Seinerzeit standen die Kids im Camp und ihre Betreuer*innen im Vordergrund; in „Nur geträumt“ geht es um die Erlebnisse eines Pariser Vorstadtjungen mit maghrebinischem Migrationshintergrund – und das ist kein Zufall, denn Éric Toledano hat marokkanische und Olivier Nakache algerische Wurzeln. Beide haben aus ihren persönlichen Erfahrungen und mit Hilfe ihres sprühenden Talents als Geschichtenerzähler eine wirklich witzige und gleichzeitig unglaublich anrührende Coming-of-Age-Story komponiert. Das Ergebnis ist ein Ziemlich-beste-Laune-Film als Zeitreise mit ganz viel Achtziger-Flair und einer großen Portion Nostalgie zum Lachen, zum Seufzen und manchmal auch zum Mitweinen.

Vincent würde wirklich alles tun, um die eigentlich so viel coolere Anne-Karine (Jeanne Lamartine) für sich zu begeistern. Weltkino Filmverleih
Vincent würde wirklich alles tun, um die eigentlich so viel coolere Anne-Karine (Jeanne Lamartine) für sich zu begeistern.

Im Mittelpunkt steht Vincent (Kinodebüt für Simon Boublil), ein richtig lieber Junge von ungefähr zwölf Jahren, dem man sofort ansieht, wie sanft und klug er ist. Aber das hilft ihm überhaupt nichts, im Gegenteil wird er von seinem älteren Bruder Arnaud (Alexis Rosenstiehl), mit dem er sich ein Zimmer teilen muss, permanent unterdrückt und gequält. Arnaud ist ein ziemlich cooler New-Wave-Fan. Er sieht ein bisschen aus wie Boy George, der auf Michael Jackson macht – oder umgekehrt. Und er zeigt Vincent ständig, wie sehr er ihm in jeder Beziehung überlegen ist. Während ihre tüchtige Mama Sandrine (Camille Cottin) als Sekretärin den Männern in der Vorstandssitzung Kaffee serviert, kann es deshalb auch schon mal passieren, dass ihr jüngerer Sohn anruft und sie in seiner Not um Hilfe bittet. Die Störungen sind nicht gerade karriereförderlich – Sandrine träumt davon, endlich aufzusteigen und mehr Geld zu verdienen. Dafür bildet sie sich mit EDV-Kursen weiter.

Auch das ist, so wie vieles andere, ein ständiger Streitpunkt mit Yves (Louis Garrel), der als Ehemann und Vater trotz seines flotten Schnurrbarts keine besonders gute Figur abgibt. Zurzeit ist er arbeitslos, was aber keiner wissen darf, schon gar nicht der prollige, aber gestrenge Hausmeister Monsieur Berger (Pierre Lottin), der so gern mit Sandrine schäkert. Und während jeder in der Familie seine Probleme hat, bereitet sich Vincent äußerst halbherzig auf seine Bar-Mizwa vor. Zudem ist er heimlich verliebt in die strebsame Anne-Karine (Jeanne Lamartine) aus einer gutbürgerlichen, sehr traditionsbewussten, um nicht zu sagen: nationalistischen Familie. Vincent versucht alles, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Doch das gemeinsame Referat erweist sich als Flop – und Anne-Karines Eltern sollten vielleicht doch lieber nicht erfahren, dass der Verehrer ihrer Tochter ein arabischer Jude ist – das wäre laut Vincent für sie „der maximale Schock“. Was könnte er also tun, um sie zu beeindrucken?

Mehr Achtziger kann man gar nicht in einem Film unterbringen

Vom Mixtape bis zum Gang in die Videothek, von der Disco-Welle bis zum Vokuhila – hier werden längst verloren geglaubte Erinnerungen an die Popkultur der 80er-Jahre dem Vergessen entrissen. Aber Toledano und Nakache gelingt noch mehr – viel mehr: Sie haben eine nahezu perfekte Komödie mit einem tollen Soundtrack, sehr viel Flair und ein bisschen Nostalgie geschaffen, die nicht nur teilweise irrsinnig (im wahrsten Sinne des Wortes) temporeich und unterhaltsam ist, sondern auch über genau die richtige Portion Tiefsinn und Anspruch verfügt. Tatsächlich gibt es hier weder Durchhänger noch Plattitüden, denn alles, was auf den ersten Blick ein bisschen klischeehaft wirken könnte, erweist sich im späteren Verlauf als augenzwinkernde Irreführung des Publikums oder als durchaus glaubhafter Schlenker, den das Leben nun mal so mit sich bringt. So ist der Loser-Papa zwar ein bisschen tölpelig, aber doch irgendwie ganz goldig und liebenswert – und er entpuppt sich als ziemlich erfinderisch, wenn es um das Wohl seines jüngsten Sohnes geht.

Louis Garrel spielt ihn teilweise ganz entzückend ungelenk als Mann, der sich stets bemüht, irgendwie seiner angestammten Rolle als Familienvater gerecht zu werden – und der trotzdem heimlich seinen ältesten Sohn anpumpen muss. Arnaud wiederum wird von Alexis Rosenstiehl als junger Rebell in bester Tradition des leider früh verstorbenen Patrick Dewaere eingeführt, dem er sogar ziemlich ähnlich sieht. Und auch hier sollte man sich nicht zu sicher sein, was seinen Charakter betrifft. Camille Cottin ist sehr überzeugend und ebenso komisch als Sandrine; eine temperamentvolle, streitlustige Ehefrau, dabei aber auch eine liebevolle Mutter, alles andere als gluckenhaft und voller Ehrgeiz, mehr aus sich zu machen. Pierre Lottin als flirty Hausmeister hat eine zwar kleine, aber ebenfalls hübsch angelegte Rolle – auch er darf sein komisches Talent ausspielen.

Vater Yves (Louis Garrel) und Mutter Sandrine (Camille Cottin) haben die Dinge auch längst nicht so gut im Griff, wie sie ihren Söhnen glauben machen wollen. Weltkino Filmverleih
Vater Yves (Louis Garrel) und Mutter Sandrine (Camille Cottin) haben die Dinge auch längst nicht so gut im Griff, wie sie ihren Söhnen glauben machen wollen.

Aber der eigentliche Star ist tatsächlich Simon Boublil als Vincent – man muss ihn einfach liebhaben, diesen Jungen, der versucht, möglichst cool und erwachsen zu wirken und dabei einen unfassbaren Charme entwickelt. Das alles ist souverän inszeniert, mit feinen Dialogen gespickt und unterlegt von stimmungsvollem Eighties-Pop – ein Traum oder, wie der Originaltitel lautet: „Juste Une Illusion“ („Nur eine Illusion“). Ist aber keine, sondern ein richtig guter Film.

Neben der ganzen Alltagskomik, mit der Toledano und Nakache gleichzeitig unterhaltsam, dabei aber auch durchaus realistisch und mit bittersüßen Erinnerungen auf ihr Leben in der Pariser Vorstadt vor 40 Jahren zurückblicken, gelingt den beiden auch noch der Balanceakt, mit leichter Hand und so ganz nebenbei die großen Themen des Lebens und unserer Zeit zu verhandeln. Denn dieses Kind wächst nicht im luftleeren Raum auf, sondern mitten in eine Welt hinein, in der das Erwachsensein ebenso schwierig ist wie das Kinderleben, vielleicht sogar noch schwieriger. Ein bisschen Humor und Optimismus könnten da ganz hilfreich sein, sagt der Film.

Fazit: Einfach bezaubernd – eine hinreißend komische und dabei sehr intelligente und sensibel durchdachte Komödie, wunderbar gespielt, mit tollen Dialogen und herrlichen Gags. Und wer bislang noch nicht wusste, warum François Mitterrand und Helmut Kohl damals in Verdun Händchen gehalten haben, der wird hier eine Version der Geschehnisse erfahren, die mindestens so gut ist wie die offizielle Geschichtsschreibung.

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