Plan F
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Plan F

Mit Manisch und Depressiv auf Sauftour durch Kreuzberg

Von Christoph Petersen

Plan A ist gescheitert, Plan B ließ sich nicht mit der Realität vereinbaren und bei Plan C hat das Finanzamt dazwischengefunkt, erklärt ein zugezogener (Möchtegern-)Content-Creator in einer spärlich besuchten Kreuzberger Kneipe. Darüber kann die Frau neben ihm jedoch nur müde lächeln, schließlich ist Franka (Bärbel Schwarz) längst beim titelgebenden „Plan F“ angelangt, der je nach Gemütslage entweder für „Fame“ oder für ihren Vornamen steht. Von den einstigen Träumen ist mit Ende 40 wenig geblieben; ihre Punkband hat die Schlagzeugerin rausgeworfen und die Eigentumswohnung ihrer inzwischen in der Psychiatrie hockenden Ex-Freundin ist gepfändet. Jetzt also Bürgergeld, Couchsurfing und so viel Alkohol, wie der Bierdeckel zum Anschreiben hergibt.

Aber davon lässt sich die geradezu manisch gutgelaunte Franka nicht unterkriegen. Stattdessen steht sie in roten Cowboystiefeln und mit einem Fake-Fellmantel im Schneeleopardenmuster vor ihrer mittags noch schlafenden kleinen Schwester Maya (Ursula Renneke), die im ständigen Depri-Dämmerzustand selbst mit Mitte 40 noch immer bei ihren Eltern auf einem Hof im Berliner Umland lebt. Im Langfilmdebüt von Regisseurin Ina Balon, das bei seiner Weltpremiere bei den Internationalen Hofer Filmtagen mit einem halben Goldbarren im Wert von 17.500 Euro ausgezeichnet wurde, begeben sich die ungleichen Schwestern auf einen 24-Stunden-Trip vor allem rund um das Kottbusser Tor – und diskutieren dort selbst nach dem x-ten Bier und MDMA-Tropfen im allerklarsten Theaterdeutsch.

May (Ursula Renneke) hat zunächst so gar keinen Bock, dass ihr Schwester Franka (Bärbel Schwarz) aus ihrem Bett und mit nach Kreuzberg schleift. UCM.One
May (Ursula Renneke) hat zunächst so gar keinen Bock, dass ihr Schwester Franka (Bärbel Schwarz) aus ihrem Bett und mit nach Kreuzberg schleift.

Bärbel Schwarz („Last Exit Schinkenstraße“) und Ursula Renneke („Ich war zuhause, aber...“) gehen voll in ihren Rollen auf. Zu Beginn fragt man sich sogar kurz, ob die Schwestern nicht mit Laiendarstellerinnen besetzt wurden – so glaubhaft wirkt das Hereingepoltere von Franka bei ihrer Familie. In Hollywood würde man bei so einer naturgewaltigen Punk-Proletin womöglich zuerst an Schandmaul-Superstar Melissa McCarthy denken, aber die „Brautalarm“-Szenendiebin würde natürlich nur die überdrehte Klischee-Version liefern. Bärbel Schwarz hingegen erreicht, wenn sie sich eher unbeholfen in der S-Bahn kopfüber an die Stange hängt oder beim Betreten eines Raums sofort alle Energie auf sich zieht, eine erstaunliche Authentizität …

… und gerade, weil sie so wiedererkennbar eine egozentrische Säuferin verkörpert, die mit ihren ständigen Lügengeschichten längst alle um sich herum in die Flucht geschlagen hat, ist die Figur streckenweise tatsächlich ganz schön nervtötend. Erst recht, weil die lethargische Maya im Verlauf des Films erst einmal lernen muss, ihrer überwältigend selbstbezogenen Schwester etwas entgegenzusetzen. Auf der anderen Seite ist so immer gewaltig Zug in dem Trip durch die unberechenbare Kreuzberger Nacht – mit einer Lauflänge von knackigen 85 Minuten bleibt „Plan F“ angenehm kurzweilig, selbst wenn es seine Zeit braucht, bis man die zunächst nicht unbedingt sympathischen Protagonistinnen doch noch ins Herz schließt.

Franka ist in allen Kreuzberger Kneipen längst so bekannt wie ein bunter Hund. UCM.One
Franka ist in allen Kreuzberger Kneipen längst so bekannt wie ein bunter Hund.

Leider lassen sich Ina Balon und ihr Co-Autor Claudius Beutler beim Skript nicht so rückhaltlos treiben wie ihre Hauptdarstellerinnen. Da wirkt doch vieles allzu statisch konstruiert – und kratzt mitunter am Problemfilm-Einmaleins. An einer Stelle schreit Maya sogar noch einmal die komplette Charakteranalyse ihrer Schwester auf die Mailbox, damit es auch niemand im Kinosaal verpasst. Und apropos verpassen: Von Franka und Maya könnte sich der Nuschel-König Christopher Nolan echt mal 'ne Scheibe abschneiden – selbst volltrunken und sonst wie zugedröhnt verschlucken sie keine Silbe der sauber verfassten Dialoge. Da bin ich von meinen persönlichen Kreuzberger Nächten ehrlicherweise anderes gewöhnt …

Fazit: Franka und Maya haben definitiv das Zeug, so richtig zu nerven. Aber es ist auch einfach mal an der Zeit, dass es nicht immer nur Typen sind, die sich in Filmen erst um den Verstand saufen und die man dann mit der gemeinsam an der Kneipentheke verbrachten Zeit doch noch ins Herz schließt. Bärbel Schwarz und Ursula Renneke stürzen sich wirklich mit vollem Körpereinsatz in ihre Rollen – nur zahlen die sehr geschrieben klingenden und brav wie auf einer Theaterbühne aufgesagten Dialoge nicht gerade auf den Authentizitätsanspruch ein.

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