Ein effektiver Trailer macht noch lange keinen guten Film
Von Christoph PetersenWenn Mommy irgendwann einsieht, dass sie ihrer siebenjährigen Tochter ein vermeintlich düsteres – aber eigentlich gar nicht weiter schlimmes – Familiengeheimnis offenbaren muss, um den titelgebenden Dämon abzuwehren, erntet sie dafür vom Kinopublikum kaum noch mehr als ein Schulterzucken. „Other Mommy“ basiert zwar auf dem psychologisch ausgefeilten und konsequent niederschmetternden Horrordrama „Incidents Around The House“* von „Bird Box“-Autor Josh Malerman, aber genau diese zwei Stärken kommen in der Kinoadaption von „The Boogeyman“-Regisseur Rob Savage unter die Räder: Die spezifischen Schrecken der Kindheit, die in den ersten 20 Minuten noch eine zentrale Rolle spielen, gehen schon bald im allgemeinen Effektgewitter unter – und ohne Happy End kommt man heutzutage in Hollywood wohl ohnehin nicht mehr aus.
Was bleibt, ist die Idee eines Poltergeistes, der genauso aussieht wie die eigene Mutter – und damit wie die dämonisch grinsende Oscargewinnerin Jessica Chastain. Das allein hat gereicht, um einen wahnsinnig effektiven Trailer zu schneiden – und dieser wiederum hat dafür gesorgt, dass aus dem mit ca. 18 Millionen Dollar bescheiden budgetierten Jump-Scare-Schocker in den USA und dem Rest der Welt ein beachtlicher Hit wurde. Aber so viel mehr als im Trailer gibt es auch im kompletten Film von der Other Mommy gar nicht zu sehen – stattdessen nimmt der Poltergeist in Pennywise-Tradition alle möglichen Formen an. So lernt man in dem surrealen CGI-Gewusel weder die Menschen noch den Dämon wirklich kennen – und selbst, wenn sich Rob Savage bei der Inszenierung der Schocker-Setpieces alle Mühe gibt, bleibt so schließlich auch die Spannung auf der Strecke.
Universal Pictures
Ursula (Jessica Chastain) und Russ (Jay Duplass) feiern zwar ihren siebten Hochzeitstag, aber nicht nur ihre Tochter Bela (Arabella Olivia Clark) durchschaut, dass in dieser Familie etwas nicht stimmt. Mommy arbeitet abends immer länger und wirkt mit Daddos bestem Freund Frank (Arian Moayed) etwas zu vertraut. Aber für den Fall der Fälle hat die Siebenjährige ja auch noch Other Mommy (ebenfalls: Jessica Chastain), die sich im Kleiderschrank des Kinderzimmers versteckt und Bela unbedingt dazu überreden will, mit ihr den Platz zu tauschen.
Doch irgendwann gibt sich der Dämon nicht länger damit zufrieden, immer nur dem kleinen Mädchen zu erscheinen – stattdessen attackiert er am helllichten Tag zunächst Russ, und auch Ursula kann ihren Standpunkt, dass das alles nur Einbildung sei, nicht lange aufrechterhalten. Nun ist Flucht angesagt – erst zu „Onkel“ Frank und schließlich zu Ursulas Mutter Ruth (Karen Allen), die seit dem Tod ihres Mannes ohnehin mit Jenseitsgesprächen vertraut ist und auch direkt die passende Geisterjäger-Schnelleinsatztruppe zur Hand hat …
Surrealistische Visionen statt geradliniger Schocks
Grinsen war auch schon vor „Smile“ gruselig – und die hochgezogenen Mundwinkel von Jessica Chastain („The Eyes Of Tammy Faye“) sind fast genauso verstörend wie ihre Gliedmaßen, die sich insektenartig in alle erdenklichen Richtungen verrenken. Ihre Auftritte als dämonische Doppelgängerin sind das Beste am Film – und es leuchtet absolut ein, warum das horroraffine Publikum nach den voll auf sie zugeschnittenen Trailern die Säle am US-Eröffnungswochenende derart vollgemacht hat. Trotzdem ist „Other Mommy“ nicht nur bei der Filmkritik durchgefallen, sondern hat auch von Kinobesucher*innen überwiegend enttäuschende Bewertungen erhalten (umgerechnet die Schulnote 4+ beim Cinemascore).
Der Grund dafür ist simpel: „Other Mommy“ hält nicht, was der Trailer verspricht. Statt noch mehr Chastain-Schocker präsentiert sich „Other Mommy“ mit der Spiegelwelt, in die Bela immer wieder eintaucht, vornehmlich als traumwandlerischer Surrealismus-Horror irgendwo zwischen „ES“, „Insidious“ und „Coraline“. Rob Savage, dessen „Host“ eine Zeit lang als gruseligster Film aller Zeiten galt, geht dabei inszenatorisch in die Vollen: Gleich zu Beginn gibt es eine kreisende Kamerafahrt im Kinderzimmer, bei der sich die Kamera und damit das Publikum plötzlich selbst im Kleiderschrank wiederfindet – und auch später gibt es bei den Grusel-Setpieces immer wieder große Bilder, von goldenen Luftballons voller Glitter, einem Bällebad in der Meeresgischt und einer Geisterjagd mit verschiedenfarbigen Neon-Warnwesten.
Universal Pictures
Das Problem ist nur, dass das alles bald so wahnsinnig beliebig wirkt. „ES“-Kenner*innen wissen natürlich, dass der Dämon in verschiedenen Gestalten auftritt – aber am Ende wollen alle vor allem Pennywise sehen. Und genauso ist es in „Other Mommy“: Wenn die Entität plötzlich in eher klassischer Dämonengestalt wütet, ist das vielleicht gar nicht schlecht gemacht, aber in einem Film namens „Other Mommy“ will man dann eben auch Other Mommy. Zudem rast die Handlung in den 95 Minuten nur so an einem vorbei: Wenn im Anwesen der Großmutter eine ganze Geisterjäger-Armee unter Führung der Chef-Exorzistin Lois Anthony („Severance“-Star Dichen Lachman) aufschlägt, erwartet man dementsprechend Großes – und nicht, dass es fünf Minuten später schon zur nächsten Station weitergeht.
Da hilft auch der sehr offensichtliche Einsatz von CGI beim Design von Dämonen und Zwischenwelten nicht unbedingt weiter. Dabei gibt es gleich zu Beginn eine verdammt starke, verstörende Sequenz, bei der kein Pixel getrickst werden musste: Bela wird schon im Schlafanzug noch einmal von ihrem Vater nach unten geholt, um sie quer durch die Gästeschar der Hochzeitstagsfeier zu schieben und dabei stolz vorzuzeigen. Man spürt, wie beklemmend und übergriffig sich die Erwachsenenwelt in dieser Situation für das kleine Mädchen anfühlen muss – und genau auf solche Momente hätte man die Other-Mommy-Schockeffekte draufsatteln müssen. Der Roman hat es vorgemacht.
Fazit: Regisseur Rob Savage und seine Hauptdarstellerin Jessica Chastain geben sichtbar alles – aber am Ende fühlt sich „Other Mommy“ trotzdem an, als hätte jemand in einem Affenzahn mehrere halbfertige Gruselfilme aneinandergereiht, statt einen davon richtig zu erzählen.
*Bei dem Link zum Angebot von Amazon handelt es sich um einen sogenannten Affiliate-Link. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision.
- Die neuesten FILMSTARTS-Kritiken
- Die besten Filme