Biermann
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Biermann

Die Ballade von einem, der die Klappe nicht halten kann

Von Gaby Sikorski

Eine der bekanntesten Brücken in Berlin ist vermutlich die Weidendammer Brücke in Berlin-Mitte. Sie führt die Friedrichstraße über die Spree – und in der Mitte des Brückengeländers finden sich beidseitig zwei schmiedeeiserne kaiserliche Reichsadler. Vor einem dieser Adler ließ sich der Dichter und Liedermacher Wolf Biermann um 1973 herum fotografieren – in einer Haltung, die wirkt, als ob ihm die Adlerschwingen aus den Schultern wachsen würden. Nach Wolf Biermanns Ausbürgerung ging das Foto um die ganze Welt – und Biermanns Ballade „Der preußische Ikarus“ wurde zum Synonym für den Künstler. Pünktlich zum 90. Geburtstag des Sängers und Poeten kommt nun ein Dokumentarfilm über ihn in die Kinos. Inszeniert wurde dieser von Jens Meurer, der zuletzt auch schon mit „Seaside Special“ über die letzte britische End-of-the-Pier-Varieté-Show zeigen konnte, wie gut er Politik – seinerzeit ging es um den Brexit – mit Kunst, Exzentrik und Humor zu einem sehr unterhaltsamen Film formen kann. Diese Ingredienzien sind nun ebenfalls integrale Bestandteile der kurzweiligen, zweistündigen Kinobiografie „Biermann“.

Der Regisseur verlässt sich dabei mit vielen Zeitdokumenten in Form von Fotos, TV-Bildern und Filmausschnitten auf eine klassische Chronologie, die immer wieder durch aktuelle Aufnahmen aufgelockert wird. Da werden dann Vorbereitungen für ein Konzert getroffen, es gibt Gespräche mit Kollegen wie Campino oder Wolfgang Niedecken. Neben Wolf Biermann kommen viele Zeitzeug*innen zu Wort, Freund*innen und Wegbegleiter*innen, zu denen neben der Schauspiel-Ikone Armin Müller-Stahl auch die Schriftstellerin Barbara Honigmann und der Ex-Bundespräsident Joachim Gauck gehören. Mit das Schönste – und gleichzeitig die größte Herausforderung – an „Biermann“ ist, dass Wolf Biermann selbst durch sein Leben führt.

Wolf Biermann – fast 90, aber garantiert kein bisschen leise! Majestic-Filmverleih
Wolf Biermann – fast 90, aber garantiert kein bisschen leise!

Niemand käme auf die Idee, dass dieser agile alte Herr, der da zu Beginn in einem knallroten Bademantel barfuß über die Wiese seines Gartens in Hamburg-Ottensen läuft, schon beinahe 90 Jahre alt sein könnte. Kaum ist er im Bild, wird er gleich spitzfindig. Seine Ehefrau Pamela meint, wie schön es doch hier sei und wie gut man sich hier von den vielen Menschen erholen könne – und Biermann entgegnet schlagfertig: „Ich erhole mich eher bei den vielen Menschen von dieser Idylle hier.“ Damit positioniert er sich gleich als das, was er ist: ein Bühnentier, also eine Rampensau im besten und positivsten Sinne. Der lockere Anfang ist Programm, und es gibt direkt noch mehr kaleidoskopartige Bilder inklusive cooler Sprüche.

Und während Wolf Biermann in Wort, Bild und Gesang sein ganzes Leben Revue passieren lässt, entsteht etwas sehr Schönes, sehr Seltenes: Man lernt diesen Menschen, der so viel erlebt hat, nicht nur kennen, sondern auch verstehen – ein Linker, ein Kommunist, praktisch von Geburt an oder, wie er selbst sagt, schon vorher, im Leib seiner Mutter Emma. Gemeinsam haben sie die furchtbaren Bombenangriffe in Hamburg überlebt, da war der Vater, als jüdischer Kommunist und Rebell gegen das Nazi-Regime, gerade in Auschwitz ermordet worden. Wolf Biermann war ein Kind, das in seiner brennenden Heimatstadt viel zu viel gesehen hat, und daraus wurde „ein gebranntes Kind, das neugierselig nach dem Feuer sucht“, wie er heute sagt.

Eine brillante Kodderschnauze

Mit 16 ging er allein von Hamburg in die DDR. Er machte das Abitur, studierte ein wenig und wurde Regieassistent am Berliner Ensemble. Aus dieser Zeit stammt Biermanns typische Sprache, die mit chirurgischer Präzision, unverblümter Provokation und scharfzüngigem Witz politische Verhältnisse entlarven und infrage stellen konnte. Das war in der DDR nicht erwünscht. Biermann erhielt Auftrittsverbote, endgültig ab 1965. Die Mächtigen fürchteten ihn wegen seiner Angriffe auf ihre Autorität, vielleicht auch wegen der Qualität seiner Texte, die unter der Hand zu Gemeineigentum wurden. 1976 wurde ihm anlässlich eines lange geplanten Konzerts in Köln die DDR-Staatsbürgerschaft entzogen. Es gab keine Rückkehr für ihn in das Land, das er mitaufbauen und zu einem besseren Deutschland machen wollte. Eine Katastrophe für ihn – hatte sich der preußische Ikarus zu weit nach oben gewagt? Wolf Biermann erzählt von dieser Krise, von seinen Ängsten und Zweifeln und davon, dass er einfach weitergemacht hat. Als es endlich so weit war, dass er wieder in der DDR auftreten konnte, im Winter 89/90, da fiel ihm nichts anderes ein, als die versammelten Massen anzublaffen: „Ihr wart doch gar keine Helden.“

Das wiederholte er auch, als er zum 25. Jubiläum des Mauerfalls im Bundestag sprechen durfte und die Gelegenheit gleich für einen Angriff auf die Abgeordneten der Partei Die Linke nutzte. Sie seien „der elende Rest dessen, was zum Glück überwunden wurde“. Er blieb und bleibt querulatorisch, aber mit so viel Witz und Scharfsinn, dass man ihm gerne zuhört. Immer wieder entäußert er spontan elegante, geradezu windschnittige Formulierungen und zeigt damit, wozu seine redegewandte Kodderschnauze immer noch fähig ist. Doch nicht nur seine rhetorische und dichterische Begabung wird dabei deutlich, sondern auch die Liebe zum Leben und zu den vielen Auf und Abs, die er hinter sich hat. Sich selbst begegnet er dabei durchaus selbstkritisch, auch mit ein wenig Koketterie – und immer irgendwie witzig. So betrachtet er es als „sehr schmeichelhaftes Missverhältnis“, dass er „als kleines Arschloch“ so viel Raum in der Staatsbibliothek Berlin hat – es sind 120 Kisten inklusive seiner Tagebücher.

Beim Kölner Konzert 1976 stand Wolf Biermann nach vielen Jahren Auftrittsverbot erstmals wieder auf einer Bühne – und zwar, als sei er nie weggewesen. Majestic-Filmverleih
Beim Kölner Konzert 1976 stand Wolf Biermann nach vielen Jahren Auftrittsverbot erstmals wieder auf einer Bühne – und zwar, als sei er nie weggewesen.

Selbst wer ihn nicht aus Vorwendezeiten kennt, wird ihn wiedererkennen. Ein wenig Altersweisheit ist dazugekommen, aber streitbar, neugierig und provokativ ist er immer noch. Dass Biermann trotz dieser Widerständigkeit im Film immer sympathischer wird, ist Jens Meurer zu verdanken, der Biermann und seiner charismatischen Persönlichkeit so viel Raum gibt, wie er braucht – und das ist viel. Es macht den zehnfachen Vater noch sympathischer, dass er auch den Frauen in seinem Leben so viel Platz einräumt. Sie hätten ihn geformt, ihn zu dem gemacht, was er wurde, sagt er: seine Mutter Emma, seine erste Lebensgefährtin Brigitte Soubeyran, Eva-Maria Hagen, eine vollkommen angstfreie Frau, wie er sagt, und schließlich Pamela, die erste, mit der er für immer zusammenleben wollte.

Immer mehr wird auch deutlich: Wolf Biermann ist ein komplizierter Mensch, ein Musiker, Lyriker und Geschichtenerzähler, oft nervig, ein bisschen kokett, mit einem gewissen rumpeligen Charme – einer, der sein Herz auf der Zunge trägt und die Klappe nicht halten kann. Und der sich einmischt, wo immer es geht. Vom ehemaligen Güterbahnhof in Hamburg hat er eine Eisenbahnschwelle entwendet, ein Riesenteil, das nun im Garten steht. Über diese Schwelle ratterten die Transportzüge Richtung Auschwitz, Theresienstadt und Minsk. Tausende von Menschen, darunter auch Verwandte Biermanns, fuhren über diese Schwelle in den Tod. Das Verfahren gegen Biermann wegen Diebstahls der Eisenbahnschwelle wurde eingestellt. „Wegen Geringfügigkeit!“, ruft er in die Kamera – zweimal, als wolle er es nicht glauben. Für ihn waren die Todeszüge alles, aber sicher nicht „geringfügig“. Der preußische Ikarus macht noch nicht schlapp, er fliegt vielleicht nicht mehr ganz so hoch, aber er fliegt.

Fazit: Eine sehr unterhaltsame Reise durch ein ganzes Künstlerleben und durch 90 Jahre deutsche Geschichte. Wolf Biermann präsentiert sich als immer noch sehr wacher und neugieriger Zeitgenosse, der sich altersbedingt auch mit dem Tod beschäftigt, aber keine Angst davor hat. Er will auf den Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, in die Nähe von Hegel und Brecht, zu dessen Grab ihm als Erstes einfällt: „Was sind denn das für spießige Blumen?“

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