Der Regenbogenfisch
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Der Regenbogenfisch

Die Augsburger Puppenkiste begeistert noch immer

Von Janick Nolting

Es gibt einen Rekord zu verzeichnen: 2 Meter und 75 Zentimeter! So groß ist nämlich Wal-Traut, eine der Figuren aus „Der Regenbogenfisch“. Der von Hella von Sinnen synchronisierte, neun Kilo schwere Wal ist damit die größte Marionette in der Geschichte der Augsburger Puppenkiste. Und das ist längst nicht der einzige Grund zum Staunen! Wenn sich am Beginn die berühmten Holzklappen der Puppenkiste öffnen und den Blick auf ein künstliches Meer freigeben, dürfte das für alle Erwachsenen sofort nostalgischen Retro-Charme versprühen. Aber der eigentliche Zauber beginnt mit dem Abtauchen: In der Unterwasserwelt beweist der Film, dass er ebenso das Zeug besitzt, neue Generationen für diese beeindruckende Fusion aus Kino und Marionettentheater zu begeistern.

In ihrer langjährigen Tradition und Erfolgsgeschichte hat die Augsburger Puppenkiste wiederholt mit der Film- und TV-Branche gearbeitet. Seit den 1950er-Jahren entstand eine lange Liste an kurzen und längeren Puppentheaterfilmen und Fernsehproduktionen. Die Adaptionen von „Jim Knopf“ und „Urmel aus dem Eis“ sind dabei nur zwei ikonische Beispiele. In den Kinos kam davon zuletzt jedoch nichts mehr an. Die letzte Produktion „Geister der Weihnacht“ liegt rund acht Jahre zurück. Für das Comeback der Puppenkiste auf der großen Leinwand hat man sich mit dem „Regenbogenfisch“ nun allerdings direkt einen echten Kinderbuchklassiker ausgesucht.

Bei der Augsburger Puppenkiste sind die sichtbaren Fäden ein Markenzeichen – zum Glück ist niemand auf die Idee gekommen, sie per CGI zu entfernen. StudioCanal
Bei der Augsburger Puppenkiste sind die sichtbaren Fäden ein Markenzeichen – zum Glück ist niemand auf die Idee gekommen, sie per CGI zu entfernen.

Aus Marcus Pfisters Vorlage von 1992 ist ein ganzes Franchise erwachsen. Das Bilderbuch wurde millionenfach verkauft. Der Regenbogenfisch taucht in weiteren Büchern, Hörspielen, mehreren Filmen und in einer Animationsserie auf. Die neue Kinoverfilmung vom Regisseur, Autor und Puppenbauer Florian Moch hat nun allerdings eine große Hürde zu überwinden. Schließlich ist die literarische Vorlage nur wenige Seiten lang. Also muss man erfinderisch werden, um den Stoff auszuschmücken und auf gut eine Stunde Film zu strecken.

Geblieben ist zunächst einmal das Problem der Eitelkeit. Der Regenbogenfisch (Stimme: Jannik Schümann) kümmert sich wenig um die anderen Meeresbewohner*innen. Zumindest hat er Probleme, an deren sozialen Aktivitäten anzuknüpfen. An Spielen nimmt er nicht teil. Mit dem Helfen tut er sich ebenfalls schwer, weil er seine wunderschönen Schuppen nicht beschädigen will. Er liebt es, sich im Spiegel zu betrachten, und findet sich einfach, wie er singt, „superduperfunkelfantastisch“. Dann jedoch passiert das Unglück: Der Regenbogenfisch verliert eine seiner Schuppen. Also begibt er sich gemeinsam mit dem Fisch Kleiner Blauer (Luna Wedler) auf eine Reise bis in die Tiefsee, um das Prachtstück wiederzufinden …

Die Fäden sind schnell vergessen

Visuell ist „Der Regenbogenfisch“ hinreißend anzusehen! Nicht nur die unterschiedlichen Tiere, gerade auch die Landschaften auf dem Meeresgrund sind die reinste Augenweide. Gleich die erste, gleitende Kamerafahrt, die nach und nach einzelne Orte und Figuren vorstellt, ist als immersive Raumerkundung ungemein faszinierend geglückt. Schließlich ist der Film vor allem eine aufwändige Bastelarbeit, ein altmodisches, aber keineswegs abgedroschenes Handarbeitskino. Man sieht in jeder Einstellung die immense Liebe zum Detail und zum bearbeiteten Material. Die Theatralität der Puppenkiste wird dabei selbst Teil des Spiels, wenn sich auf den Unterwasserbühnen plötzlich eine weitere Bühne für das Musiktheater auftut. Gesangseinlagen sind ebenfalls elementar für diesen „Regenbogenfisch“. Theater im Theater, könnte man sagen.

Und doch spielt natürlich gerade das Filmische seine Reize aus, wenn es um die verschiedenen Perspektivwechsel, die erlebte Größe und Nähe zu den kleinteilig zusammengesetzten Lebewesen und Bühnenbildern geht. All das nur als abgefilmtes Theater abtun zu wollen, würde deutlich zu kurz greifen. Sechs kreisrunde Kulissen mit sechs Metern Durchmesser sind hier zum Einsatz gekommen, die man jeweils von einer Brücke aus mit den Marionetten bespielt hat. Und man kann auch im Erwachsenenalter darüber staunen, wie schnell man sich doch von der ganzen Illusion vereinnahmen lässt, wie schnell man vergisst, dass da eigentlich nur etwas Holz, Filz und Seide an sichtbaren Schnüren vor der Kamera zappelt.

Selbst der Auftritt eines Hais verhindert nicht, dass „Der Regenbogenfisch“ auch für die allerkleinsten Kinobesucher*innen geeignet ist. StudioCanal
Selbst der Auftritt eines Hais verhindert nicht, dass „Der Regenbogenfisch“ auch für die allerkleinsten Kinobesucher*innen geeignet ist.

Wie funktioniert aber die kurze Vorlesegeschichte in Spielfilmlänge? Naja, so hundertprozentig überzeugt das Ausschmücken nicht. Man kann dem Film positiv anrechnen, dass er als Kinder- und Familienproduktion angenehm ruhig, unaufgeregt, entschleunigt erzählt wird, aber etwas mehr Konflikt hätte es dann doch sein können. Da gibt es zwar ein paar Gefahren, etwa eine Hai-Begegnung oder die Konfrontation mit einer Giftqualle in der neonbunt-fluoreszierenden Tiefsee, aber einen echten Höhepunkt oder Spannung sucht man in den lose aneinandergereihten Stationen vergeblich.

Das wäre an sich kein riesiges Problem, wenn es hauptsächlich darum gehen würde, sich in den handgemachten Bildwelten zu verlieren und einfach dem Unterwasseralltag zuzusehen. Aber „Der Regenbogenfisch“ versucht, über die Reise seines Titelhelden, wie schon in der Vorlage, eine Charakterwandlung zu erzählen. Von einem Erzählkino will man sich nicht lösen. Genau da gerät also doch das wacklige Handlungsgerüst ringsherum ins Wanken.

Die Kritik an der Vorlage wird gekonnt umschifft

In dieser Geschichte geht es um das Formen einer Gemeinschaft. Freundschaften werden geknüpft. Man lernt, sich anderen zu öffnen, und wirft alte Feindbilder über Bord. Man hinterfragt das eigene Denken und Abschotten. Letztlich besingt und betanzt man auf der Theaterbühne das Besondere und den Wert des Individuellen. „Der Regenbogenfisch“ war schon immer auch ein didaktischer Stoff über das Teilen, Abgeben und Umverteilen von Privilegien an weniger Privilegierte.

Interessant ist dabei, dass in den letzten Jahren bisweilen Kritik an dem Klassiker laut wurde, ob er nicht zu sehr ein Erkaufen von Freundschaften propagieren würde. Die Verfilmung der Augsburger Puppenkiste umschifft diese Angriffsfläche jetzt gekonnt, indem sie einfach ein wenig an der Abfolge der Ereignisse schraubt. Schon erscheint alles in einem neuen Licht. Aber wie von jetzt auf gleich die Versöhnlichkeit und Moral herbeikonstruiert werden sollen, das wirkt dann doch etwas unbeholfen und mit heißer Nadel gestrickt.

Fazit: „Der Regenbogenfisch“ hat mit seiner dünnen Dramaturgie Mühe, zu seiner finalen Moral über die Toleranz und den Wert des Teilens zu gelangen. Deshalb lassen sich die Grenzen des Projekts, eine so schmale literarische Vorlage als Langfilm zu adaptieren, nicht ganz verdrängen. Ästhetisch kann man sich aber eigentlich nur verlieben in das großartige Marionettenspiel der Augsburger Puppenkiste und all die wunderschön gebastelten Unterwasserwelten.

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