Kein zweiter "Deep Blue Sea" – aber Renny Harlin kann's noch!
Von Lutz GranertRenny Harlin hat das das Hollywood-Actionkino der 1990er-Jahre entscheidend geprägt. Auf das Konto des Regisseurs gehen „Stirb langsam 2“ (1990), „Cliffhanger – Nur die Starken überleben“ (1993), „Tödliche Weihnachten“ (1996) und schließlich auch „Deep Blue Sea“ (1999), sein bis dato letzter großer Box-Office-Hit. Genmanipulierte, intelligente Super-Haie dezimierten damals das Team einer Unterwasser-Forschungsstation und sorgten dabei für einige ikonische Momente – unvergessen ist etwa die Szene, in der Samuel L. Jackson in seiner Rolle des Finanziers mitten in einer pathetischen Ansprache von einem im Hintergrund heranschnellenden Raubfisch verspeist wird.
„Deep Water: Umringt von Haien“ wurde eigentlich als Sequel von „Bait – Haie im Supermarkt“ (2012) konzipiert. Doch wegen vieler Ähnlichkeiten zum Verschwinden des Malaysia-Airlines-Flugs 370 im Jahr 2014 wurde das Projekt erst einmal neun Jahre lang auf Eis gelegt. Nach umfassenden Drehbuchänderungen, die auch der Beteiligung chinesischer Co-Produzenten und dem Hinzufügen chinesischer Protagonisten geschuldet sind, wurde der Action-Thriller als eigenständiges Projekt schließlich doch noch realisiert. Renny Harlin zeigt sich auf dem Regiestuhl ganz in seinem Element: Sowohl der Flugzeugabsturz als auch die zahlreichen Hai-Attacken sind souverän inszeniert. Allerdings setzt der Streifen anders als „Deep Blue Sea“ mit seinem launigen B-Movie-Charme auf eine betont emotionale und ernsthafte Tonlage – weswegen die vielen flach bleibenden Charaktere rund um Aaron Eckhart (mit dem Harlin nach „The Bricklayer“ erneut zusammenarbeitete) enttäuschen.
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Für Kapitän Rich (Ben Kingsley), der sich noch am Vorabend beim Karaoke verausgabt hat, und seinen ungleich gewissenhafteren Co-Piloten Ben (Aaron Eckhart) ist der Flug von Los Angeles nach Peking eigentlich Routine. Doch weil ein defektes Ladegerät des egoistischen Kettenrauchers Dan (Angus Sampson) im Frachtraum einen Brand verursacht, der außer Kontrolle gerät, stürzt die Maschine ab. Irgendwo im Pazifik, kilometerweit vor der Küste von Guam überleben etwa 30 Menschen die holprige Bruchlandung – zumindest vorerst. Denn ein ganzer Schwarm gefräßiger Mako-Haie hat es auf sie abgesehen.
Nach gut 20 Minuten Laufzeit legt der Northeastern Airlines-Flug 140 seine packend inszenierte Notwasserung hin – und bis dahin werden fast im Minutentakt neue Figuren eingeführt. Neben Dan, den als Arschloch vom Dienst natürlich irgendwann seine gerechte Strafe ereilt, sind unter den Fluggästen etwa die heimlich ineinander verliebten Sam (Li Wenhan) und Lilly (Rosie Simei Zhao) aus demselben chinesischen E-Sports-Team. Auch eine Patchwork-Familie, die aus der mit ihrem neuen Stiefbruder Finn (Elijah Tamati) fremdelnden Cora (Molly Belle Wright) und ihren Eltern Declan (Ryan Bown) und Jaya (Kelly Gale) besteht, ist mit am Bord. Zu den Passagier*innen zählt außerdem Großmutter Becky (Kate Fitzpatrick), die dem Spiele-Nerd Matt (Richard Croughley) nur wenig Chancen bei der ebenso attraktiven wie toughen Stewardess Zoe (Nashi) ausrechnet.
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Insgesamt sieben Autoren haben am Skript von „Deep Water: Umringt von Haien“ gewerkelt und versucht, den zahlreichen, kurz reißbrettartig vorgestellten Charakteren so viel Menschlichkeit wie möglich abzugewinnen – was Komponist Fernando Velázquez („Sieben Minuten nach Mitternacht“) in seinem austauschbaren, aber mit Schwermut zugekleisterten Streicher-und-Klavier-Score dankbar aufgreift. Der Plot des Katastrophenszenarios gerät dadurch jedoch schnell unnötig überladen – gerade weil einige der Charaktere sowieso recht schnell als Fischfutter enden.
Das ist verlorene Liebesmüh, denn letztlich stehen – wenig überraschend – die zahlreichen blutigen und solide getricksten Hai-Attacken im Zentrum, die durch ihre Unberechenbarkeit für ordentlich Spannung sorgen. So vergisst man die betont tragische Backstory von einem blass bleibenden Aaron Eckhart als Ben (Ex-Air Force-Pilot, keine Pension, krankes Kind) dann endlich mal, wenn er badass-mäßig einem gefräßigen Mako-Hai mit einer Leuchtrakete direkt ins weit aufgerissene Maul schießt – und tatsächlich kurz Erinnerungen an Thomas Janes Performance in „Deep Blue Sea“ wach werden.
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Auch wenn ein in einer Luftblase gefangenes Quartett um sein Leben tauchen muss oder eine nächtliche Rettungsaktion mittels Helikopter ordentlich schief läuft, zeigt Renny Harlin, dass er immer noch ein solider Action-Handwerker ist, der auch mit einem im Vergleich zu Hollywoods A-Liga bescheidenem Budget von 40 Millionen US-Dollar ein kurzweiliges Action-Feuerwerk abfackeln kann. Ein Fokus auf weniger Charaktere, etwas weniger Kitsch und etwas mehr Logik (bröckelnde Korallenriffe kilometerweit vor der nächsten Küste?) hätte „Deep Water: Umringt von Haien“ allerdings gut getan.
Fazit: Emotional und bei der Anzahl der Charaktere trägt „Deep Water: Umringt von Haien“ arg dick auf. Doch bei den größeren Actionszenen und den Hai-Angriffen beweist Renny Harlin, dass er sein Handwerk immer noch beherrscht.
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