Nach "Heldin" direkt das nächste Meisterstück von Petra Volpe!
Von Dobrila KonticVon der Stephen-King-Adaption „Die Verurteilten“, die bei der IMDb noch immer die Liste der besten Filme aller Zeiten anführt, bis zum frühen Netflix-Hit „Orange Is The New Black“: In diversen Filmen und Serien hat sich das Gefängnis, so wenig erbaulich es auch ist, als Schauplatz bewährt. Schließlich können im Kontext des Freiheitsentzugs in einer archaisch geprägten, gewaltsamen Umgebung gewichtige Themen besonders eindringlich verhandelt werden, darunter etwa systemische Ungerechtigkeit, Schuld, Sühne und Hoffnung.
Die Handlungstreiber solcher Erzählungen drehen sich aber meist ums „Draußen“, also den Traum der Insass*innen von der wiedererrungenen Freiheit – entweder durch eine vorzeitige Entlassung oder eben durch den penibel geplanten Ausbruch. In ihrem ersten englischsprachigen Drama greift die Schweizer „Heldin“-Regisseurin Petra Volpe diese Hoffnung auf ein Leben nach dem Gefängnis zwar auf, rückt zugleich aber eine andere, selten in Filmen verhandelte Realität in den Fokus: den Umgang mit Krankheit, Alter und Tod hinter Gittern. Dabei entfaltet „Frank & Louis“ gerade durch seine zurückhaltende und behutsame Erzählweise eine enorme emotionale Kraft.
Constantin Film
Gleich zu Beginn fokussiert „Frank & Louis“ den Häftling Frank Baker (Kingsley Ben-Adir), dessen Situation in wenigen präzisen Einstellungen dargelegt wird: Nachdem er mal wieder in ein anderes Gefängnis verlegt worden ist, schrubbt er sorgsam alle Oberflächen und den Boden seiner neuen Einzelzelle, bevor er sein überschaubares Hab und Gut einräumt. Sachte sphärische Klänge untermalen diese Szenen, die Frank als mit den Gefängnisroutinen vertrauten Mann zeigen. 17 Jahre seiner lebenslangen Haftstrafe hat er bereits abgesessen und nun einigermaßen realistische Aussichten auf eine vorzeitige Entlassung. Daher stimmt er – auch um seine Bewährungschancen noch weiter zu verbessern – dem Vorschlag der Gefängnispsychologin Dr. Watts (Indira Varma) zu, sich am Pflegeprogramm der Haftanstalt zu beteiligen.
Ausgewählte Insassen übernehmen dabei selbst die Betreuung älterer, an Demenz und Alzheimer erkrankter Mithäftlinge im Gefängnis. Tatsächlich gibt es solche Programme in einigen amerikanischen Gefängnissen, die ohnehin mit Unterfinanzierung und zunehmender Überalterung bei den Insassen zu kämpfen haben. Für ihren Film haben Petra Volpe und ihre Co-Autorin Esther Bernstorff vor Ort beim „Gold Coats“-Pflegeprogramm einer Männer-Haftanstalt im kalifornischen San Luis Obispo recherchiert, mit den Teilnehmern gesprochen und ihre Erkenntnisse in das Drehbuch und die Figurengestaltung einfließen lassen. Als entsprechend vielschichtig entpuppen sich die Protagonisten von „Frank & Louis“ im weiteren Verlauf. Frank, der schon sein Leben in Freiheit plant, sieht den Pflegejob als Mittel zum Zweck – und ist zunächst ratlos, als er ausgerechnet Louis Nelson (Rob Morgan) als Patient zugeteilt bekommt.
Komplexität statt Kitsch
Einst gab der Endfünfziger Louis den Ton unter den Insassen an und verschaffte sich mit Gewalt Respekt, nun leidet er unter früh einsetzender Demenz durch seine Alzheimer-Erkrankung. Frank gegenüber zeigt sich Louis von Beginn an misstrauisch und abweisend und macht ihm die Erfüllung seiner Aufgaben scheinbar absichtlich schwer. Das wiederum will sich Frank nicht gefallen lassen. Mit dieser Ausgangslage meint man schon zu erahnen, worauf „Frank & Louis“ hinauslaufen könnte: eine schrittweise, herzerwärmende Annäherung der ungleichen Männer bis zum melodramatisch inszenierten Triumph des Guten.
Aber solch simplen Erzählmustern läuft der Film zuwider, indem er seine Figuren mit empathischem, aber realistischem Blick betrachtet und ihre Komplexität offenlegt. So durchdringt „Frank & Louis“ mit dem feinfühlig schwelenden Spiel von „Bob Marley: One Love“-Star Kingsley Ben-Adir Szene um Szene Franks Fassade eines stoischen Muster-Insassen. Hinter dieser verbirgt er nämlich eine lange überfällige, aufrichtige Auseinandersetzung mit seiner Straftat, wie sich in einer unvergesslichen Konfrontation bei seiner Bewährungsanhörung zeigt.
Constantin Film
Zugleich nähert sich diese Erzählung behutsam dem so unberechenbaren Louis und setzt aus dessen zunehmender Regression und immer selteneren lichten Momenten das fragmentierte Bild einer widersprüchlichen und verletzlichen Persönlichkeit zusammen. So entwickelt sich „Frank & Louis“ in seinem keine Minute vorhersehbaren Verlauf zu einer intensiven Reflexion über Schuld, Reue und Verzweiflung hinter Gittern. An deren Ende steht eine emotionale Symbiose zwischen den beiden Männern, die gleichermaßen unverhofft und natürlich wirkt. Denn Fürsorge, so stellt „Frank & Louis“ schließlich dar, wirkt in beide Richtungen. Wie sie die Menschlichkeit der Insassen offenbart und dabei schmerzhafte Einsichten befördert, schildert dieses sehenswerte Drama auf zarte und sehr nahegehende Weise.
Fazit: Mit viel Behutsamkeit und realistischem, aber empathischem Blick erkundet „Frank & Louis“ die Möglichkeit von Fürsorge und Menschlichkeit in einer Haftanstalt. Durch den Verzicht auf jedwede Melodramatik und auf erwartbare Erzählmuster wird Petra Volpes erster Film nach ihrem internationalen Ausnahmeerfolg „Heldin“ eine berührende Auseinandersetzung mit dem Leben und Sterben im Gefängnis.
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