Unsere deutsche Hoffnung beim Filmfestival in Venedig
Von Janick NoltingWer kann am längsten in die Sonne schauen? Wie lange hält man es aus, wenn ein anderer seine Zähne in die Haut stößt oder Paintball-Kugeln auf den entblößten Oberkörper schießt? Jannis Lenz zeigt in „Oase“ eine Reihe verstörender Mutproben, Rituale und Kinderspiele. Das heißt: Von Kindern kann man eigentlich kaum noch sprechen. Es sind Teenager*innen, geplagt von Unsicherheit, Wut und Haltlosigkeit. Also testen sie auf immer neue Weise, wie sie ihr Dasein an Grenzen treiben können. Irgendwo zwischen Kompensationsverhalten und Lust an der Ekstase. Was ist der Körper? Was heißt es, in dieser Welt zu existieren? Solche philosophischen Grundfragen schwingen mit.
Doch die Figuren von „Oase“ kauen eben keine trockenen, akademischen Diskurse durch, sondern wollen zuvorderst eins: fühlen. Und das geht am besten in einem eigenen kleinen Reich, fernab der anderen Mitmenschen, die ihnen entweder Böses wollen oder ihre Freiheit beschränken. Also lockt der naheliegende Wald: Lukas (Florian Geißelmann), Andi (Anton Petzold) und Maja (Mathilda Smidt) treffen sich dort regelmäßig, um miteinander abzuhängen und Dampf abzulassen. Das Kriegsspiel mit Paintball-Pistolen ist nur einer ihrer Zeitvertreibe. Ihre physischen und psychischen Experimente halten sie mit einem Camcorder fest. Der Rausch und Schmerz, aber auch ihre gegenseitige Zuneigung werden auf Film gebannt.
Zeitgeist Filmproduktion
Jannis Lenz’ inszeniert solche Szenen in eindringlichen Bildern. Allein schon, wenn die Figuren einfach nur am Waldrand sitzen und ein paar Windräder bedrohliche Schatten auf die Natur werfen. „Oase“ erzählt damit von einem Übergang. Die Charaktere probieren in einer Art Zwischenwelt, wie man Teil einer Gesellschaft werden kann. Zugleich übt man sich offensichtlich auch in Rachefantasien. Will man überhaupt dazugehören? Warum soll man sich um Anpassung und Ansehen scheren, wenn dort draußen so viel Verlogenheit und Gewalt regieren? Zumal diese Gewalt auch in die geschützte Zone des Waldes drängt.
„Oase“ erzählt eine Mobbinggeschichte, die immer größere Dimensionen annimmt. Das Drehbuch von Jannis Lenz und Alexander Dirninger entwirft nicht nur ein Psychogramm der Jugendlichen. Auch die Eltern geraten ins Visier. Andi oder Andrew, wie er eigentlich heißt, ist neu an der Schule. Vor seinem Umzug scheint etwas Schlimmes passiert zu sein. Nun kursiert von ihm eine heimliche Nacktaufnahme. Aber damit nicht genug: In einem Gegenschlag hat er seine Mitschüler*innen vor laufender Handykamera mit dem Tod bedroht. Nun drehen die Eltern regelrecht durch. Sie sind besorgt um ihre Kinder, wollen den Störenfried am liebsten selbst aus der Klasse werfen.
Insofern werden Lukas und Maja die einzigen Vertrauten für den Neuankömmling. Aber auch in ihnen kocht und brodelt es. In Lukas’ Zuhause regieren etwa Spannungen mit seinem Vater Martin (Godehard Giese), der als Lehrer an der Schule seines Sohnes arbeitet. Nach dem Tod der Mutter stehen allerlei verdrängte Gefühle zwischen ihnen. Und es ist ganz erstaunlich, wie gut es „Oase“ gelingt, aus der individuellen Psychologie eine universelle Parabel zu entwickeln. Neben der Gefühlsbewältigung im Privaten und toxischen Geschlechterbildern, die gerade in der Umkleidekabine nach dem Sport sichtbar werden, geht es in „Oase“ ganz allgemein um den gesellschaftlichen Umgang mit Gewalt.
In der Schule folgt man dem Protokoll. Man schaltet die Behörden ein, veranstaltet Coachings und Kurse. Man redet und redet und traut sich doch nicht, die eigenen dunklen Facetten in Worte zu fassen. Permanent ackert man sich an Konsequenzen und Feindbildern ab, aber weniger an Ursachen und Wurzeln. Wie kann also eine Freundschaft oder auch nur eine bloße Koexistenz zwischen (jungen) Menschen bestehen, wenn sie dauernd mit einem Tabu behaftet wird? Wenn einem ständig vorgeschrieben wird, was man über andere zu denken hat? Egal, ob aufgrund von Altlasten aus der Vergangenheit oder einer gescheiterten Vermittlung in der Gegenwart. Wie kann man noch zu der Person durchdringen und sich ein eigenes Bild machen?
Das hätte hier und da vielleicht etwas Straffung im Erzählen vertragen können, damit die Eskalationsspirale tatsächlich so intensiv wirkt, wie es der Film wohl gerne hätte. Dass Jannis Lenz dennoch ein bewegender, nachhallender Film über einen aus dem Ruder laufenden Schulstreit gelungen ist, steht trotzdem außer Frage. Bewegend vor allem deshalb, weil er in seinen brutalen Szenen eine solche Sensibilität an den Tag legt. Wunden werden vorsichtig berührt. Man erspürt einander im Schmerz. Man eignet sich ihn spielerisch an, um den kontrollierten Kontrollverlust zu erleben. Auf Akte der Verletzung folgen Umarmungen und fürsorgliche Gesten. Genau diese ausgestellte Verletzlichkeit und Zartheit in der Gewalt bleiben von „Oase“ vor allem im Gedächtnis.
Fazit: Filme über Gewalt unter Jugendlichen gibt es viele. Aber wie „Oase“ seinen Konflikt zwischen den Generationen entfaltet und sich immer weiter in die Frage bohrt, wie sich Menschen überhaupt vorbehaltlos begegnen können, ist große Klasse und ein im besten Sinne unbequemes Filmerlebnis.
Wir haben „Oase“ beim Filmfestival in Venedig gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb der Sektion Orizzonti seine Weltpremiere gefeiert hat.