A Good Little Soldier
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
A Good Little Soldier

"Stromberg" auf Steroiden!

Von Christoph Petersen

Wenn über den Eröffnungscredits der Louis-Armstrong-Klassiker „It’s A Wonderful World“ ertönt, werden darin zwar „trees of green“ und „red roses“ besungen, aber zu sehen bekommen wir trotzdem nur Rolltreppen und Glasfassaden. In seiner gnadenlos-authentischen Arbeitswelt-Trilogie „Der Wert des Menschen“ (aus der Sicht eines Arbeitslosen), „Streik“ (aus der Sicht eines Gewerkschafters) und „Another World“ (aus der Sicht eines Fabrikbosses) hat der französische Regisseur Stéphane Brizé bereits hinreichend festgestellt, dass der globale Kapitalismus für (fast) alle zum Kotzen ist.

Trotzdem legt er mit „A Good Little Soldier“ jetzt noch einmal nach – und zwar mit derselben Klarheit und Härte, aber zudem erstmals auch mit einer bitterbösen Ironie. Die fehlenden Bäume und Rosen sind da nur der Anfang. Wie „Stromberg“ spielt auch „A Good Little Soldier“ in einer Versicherung. Aber bei Brizé braucht es keinen völlig unsensiblen Volldeppen wie Bernd Stromberg als Chef, um allen das Leben zur Hölle zu machen. Ganz im Gegenteil: Gerade die fähigen Manager*innen sind besonders schlimm – erst recht, wenn sie es (vermeintlich) gut meinen.

Wenn sich Carla (Alba Rohrwacher) ihre neuen Kolleg*innen so anschaut, glaubt sie lange, sie selbst sei das Problem. Christine Tamalet - 2026 GAUMONT - FRANCE 3 CINEMA
Wenn sich Carla (Alba Rohrwacher) ihre neuen Kolleg*innen so anschaut, glaubt sie lange, sie selbst sei das Problem.

Als Carla (Alba Rohrwacher) ihre neue prestigeträchtige Position als HR-Managerin antritt, steht direkt die interne Feedback-Runde zu einem Werbefilm an, mit dem der Pariser Versicherungskonzern sein Image als Arbeitgeber für Toptalente aufbessern will. Darin zu sehen sind Angestellte mit körperlichen Beeinträchtigungen, die dank der inklusiven Haltung des Unternehmens ihr volles Potenzial am Arbeitsplatz entfalten können.

Einmal rund um den Tisch berichten alle, wie berührend und wichtig sie die Message fanden, zumindest bis der CEO (Vincent Lindon) an der Reihe ist. Mit einer simplen Frage bringt er das ganze Konzept der Kampagne zum Einsturz: „Wünscht sich ein Toptalent am Ende eines Businessstudiums wirklich, beim Eintritt in den Arbeitsmarkt mit einer querschnittsgelähmten Person zusammenzuarbeiten?“

Schluss mit lustig

In den besten Szenen von „Stromberg“ bleibt einem das Lachen im Halse stecken – in „A Good Little Soldier“ geht es noch weiter, da kriegt man ab einem gewissen Punkt regelrecht das Kotzen. Brizé hat einen präzisen Blick auch für die absurd-komischen Seiten von angeordneten Teambuilding-Maßnahmen, bei denen die Teilnehmenden erst einmal von einem kleinen Moment des Glücks aus ihren vergangenen 24 Stunden berichten sollen (ein Fahrstuhl, der direkt da war; oder ein extra Schokoriegel, der am Süßigkeiten-Automaten fälschlich mit herausgefallen ist).

Aber immer, wenn das Gelächter im Kinosaal lauter wird, weiß man schon, dass es gleich wieder kippen wird: Als sich eine besonders schüchterne Mitarbeiterin weigert mitzumachen, wird sie ausgerechnet bei der Suche nach Glücksmomenten von ihren Kolleg*innen harsch unter Druck gesetzt. Und wenn genau diese Momente später als Mini-Schnipsel im neu geschnittenen Imagefilm landen, dann ist das angesichts der verwendeten Slogans an Zynismus wirklich gar nicht mehr zu übertreffen: „Wir sorgen uns um unsere Kunden. Wir sorgen uns um unsere Mitarbeiter.“

Das Problem ist das System, nicht der Mensch

Carla startet dabei mit guten Absichten. Etwa als sie erfährt, dass die schüchterne Frau aus der Teamübung auch sonst wegen ihrer unterdurchschnittlichen Leistungen (sie kommt nur auf 100 Prozent) von ihrer Teamleiterin aufs Übelste fertig gemacht und erniedrigt wird. Sogar eine heimliche Tonaufnahme einer solchen Zusammenbrüll-Attacke („Was du tust, ist scheiße, und du bist scheiße“) wird ihr zugespielt. Eigentlich eine klare Sache, was in einer solchen Situation zu tun ist …

… aber Carla wird von ihren eigenen Chefs bewusst klausuliert vermittelt, dass in diesem Fall ja wohl die Gemobbte das eigentliche Problem sei. Carla wird ihr deshalb später in einem Gespräch, das eines der schönsten Beispiele von Gaslighting in der Kinogeschichte ist, nahelegen, dass sie wohl das Unternehmen verlassen müsse.

In allen drei Teilen von Stéphane Brizé hat Vincent Lindon einen auf verlorenem Posten stehenden Kämpfer gegen das System verkörpert. Diesmal spielt er einfach nur ein Riesenarschloch.  Christine Tamalet - 2026 GAUMONT - FRANCE 3 CINEMA
In allen drei Teilen von Stéphane Brizé hat Vincent Lindon einen auf verlorenem Posten stehenden Kämpfer gegen das System verkörpert. Diesmal spielt er einfach nur ein Riesenarschloch.

Wenn der wie immer großartige Vincent Lindon („Titane“) zu Beginn gegen Political Correctness wettert, ist das tatsächlich lustig und klingt zunächst sogar plausibel. Aber später schämt man sich fast, über seine Bemerkungen gelacht zu haben. Es kann sich eben niemand dem System entziehen, das vor allem nach den titelgebenden „guten kleinen Soldat*innen“ verlangt.

Und wo wir schon bei der martialischen Kriegssprache sind, ergibt es auch nur Sinn, dass Carla bei einer Panikattacke von ihrer Schwester ausgerechnet Atemübungen vorgeschlagen bekommt, die eigentlich für US-Marines in Stresssituationen und nicht für einen durchschnittlichen Tag im Büro entwickelt wurden.

Fazit: Stéphane Brizé hat die Samthandschuhe schon lange abgelegt, wenn es um die Abrechnung mit der modernen Arbeitswelt geht – und die zieht er auch nicht dadurch wieder an, dass er in „A Good Little Soldier“ erstmals mit reichlich (sehr bitterem) Humor arbeitet. Er geht mit dem Holzhammer statt mit dem Skalpell vor – und trifft dennoch erneut voll ins Schwarze.

Wir haben „A Good Little Soldier“ beim Filmfestival in Venedig gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.

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