Ein Marvel-Mastermind und eine Hollywood-Legende sind das perfekte Leinwand-Duo!
Von Janick NoltingEine Taube schiebt den Tod davon. Zumindest für eine Weile. Oder ist sie womöglich doch dessen Vorbote? Das tragikomische Roadmovie „Place To Be“ beginnt mit einem doppelten Einbruch: Brooke (Ellen Burstyn), eine ältere Lady aus Chicago, kommt gerade vom Grab ihres Mannes nach Hause, da flattert die besagte Taube in ihrer Wohnung herum. Sie scheucht sie zwar nach draußen, doch der Vogel kehrt in der Nacht zurück. Also nimmt sie sich des Tieres an und bricht auf zu einer ganz besonderen Reise. Auch wenn das dem Rest ihrer Familie so gar nicht passt.
Für den ungarischen Regisseur Kornél Mundruczó steht damit eine Wiedervereinigung an. Nach dem Drama „Pieces Of A Woman“ (5 Sterne von FILMSTARTS), in dem Ellen Burstyn („Der Exorzist“) eine markante Nebenrolle spielte, arbeitet er in „Place To Be“ erneut mit der nunmehr 93 Jahre alten Hollywood-Legende zusammen. Dieses Mal holt er Burstyn allerdings voll und ganz ins Rampenlicht, um ihr einen weiteren großen, beeindruckend nuanciert gespielten Leinwandauftritt zu verschaffen.
Simon Harsent
Burstyns Figur leidet zu Beginn unter ihrer Lebenssituation. Sie schreibt, wie sie selbst sagt, das letzte Kapitel ihres Lebens. Aber wie sieht das Happy-End dafür aus? Kann es überhaupt noch eines für sie geben, oder wartet da nur noch das Dahinvegetieren? Ihre beiden Kinder (Pamela Anderson und Murray Bartlett) wollen sie am liebsten ins Altersheim abschieben, doch Brooke denkt gar nicht daran – vom stattlichen Preis des Heimplatzes mal ganz abgesehen.
Erst die Flugtaube bringt Abwechslung und Aufbruch. Ihre erste Station führt Brooke nach New York, um den Besitzer oder die Besitzerin des Vogels ausfindig zu machen. Erinnerungen suchen sie heim. Der Big Apple verwandelt sich in alte Archivbilder aus dem 20. Jahrhundert. Und schon auf der Fahrt im Zug bahnt sich eine außergewöhnliche Freundschaft an. Brooke lernt den chaotischen Immobilienmakler Nelson („Thor 3 + 4“-Regisseur Taika Waititi) kennen, dessen Ehe ruiniert ist und der nun eine prächtige New Yorker Wohnung verkaufen will.
Will man mehr über den Inhalt des Films schreiben, dann kommt man allerdings schnell ins Grübeln. Allzu viel Plot gibt „Place To Be“ nämlich nicht her. Er entwirft eher eine lose Situation und lässt sich dann als Roadmovie dahintreiben. Echte Konflikte? Nö! Charakterentwicklung? Eigentlich auch kaum. Die finale Konfrontation, auf die der Film zusteuert, entpuppt sich hauptsächlich als Spiegelbild der Ausgangslage, die er ohnehin schon etabliert hat. Gut, zwischendurch soll es kurz dramatisch werden, als der arrogante Nelson seine unberechenbaren Züge durchschimmern lässt. Kann Brooke ihm wirklich trauen?
Das sind aber nur kurze Abzweigungen auf der ansonsten völlig geradlinigen Reise. Im Grunde stehen hier alle Zeichen auf Versöhnlichkeit und Herzenswärme. Der Film begleitet, wie zwei Figuren über ein beachtliches Altersgefälle und unterschiedliche Lebenserfahrungen hinweg miteinander wachsen und eine bittersüße Zeit miteinander verbringen. Ihre Dynamik steht im Mittelpunkt, um trübsinnige Gedanken und Ängste zu vertreiben.
Nun ist das Genre der Filme über Senior*innen, die noch einmal aus ihrem Alltag ausbrechen und sich der Gebrechlichkeit und Bevormundung verweigern, bereits prall gefüllt. „Place To Be“ macht hier überhaupt nichts Neues, weiß aber als Wohlfühl-Tragikomödie alle Tonlagen mit dem nötigen Fingerspitzengefühl zu bespielen. Nicht mehr und nicht weniger. Mag es visuell noch so abgedroschen sein, wenn Ellen Burstyn beispielsweise wehmütig den Tieren im Himmel nachschaut und von der unbeschwerten Ferne träumt.
Kane Skennar
Dass Mundruczós Film innerhalb seiner Formeln und Klischees dennoch mitreißt, liegt natürlich auch daran, dass Taika Waititi und Ellen Burstyn ein so glänzendes Zweiergespann vor der Kamera abgeben. Da werden zwei Gegenpole inszeniert: die kleinen, bedächtigen Seitenhiebe von Burstyn hier und die zynische, vorlaute Art von Waititi dort.
Dass die beiden als Leinwand-Duo so perfekt harmonieren, liegt am Drehbuch von Kata Weber, das gar keine großen Schenkelklopfer oder auch allzu überzogene Streitigkeiten zwischen den ungleichen Charakteren braucht, um sowohl eine Komik als auch eine permanente, unterschwellige Reibung zwischen ihnen aufzubauen. Stattdessen lebt der Film von seinen vielen ruhigen Momenten auf der Reise der Hauptfiguren.
So zählt es definitiv zu den Highlights, wenn Brooke aus ihren wilden Jahren erzählt. Schließlich hat sie die sogenannte freie Liebe der 60er und 70er miterlebt. Dreimal war sie verheiratet. Allerdings kann sie sich nur an zwei Ehen so wirklich erinnern. Die restliche Zeit sei sie zugedröhnt gewesen. Burstyn spielt solche Szenen mit einer nonchalanten Beiläufigkeit. Wenn man ihr Schauspiel als natürlich bezeichnen will, was heißt das dann genau? Sicherlich auch, dass sie sehr gut darin ist, Sätze so zu sprechen, als würden sie ihr ganz spontan einfallen.
Burstyn arbeitet in ihren Mono- und Dialogen mit einem kurzen Stocken und Überlegen, mit Unsicherheit, bisweilen auch mit einem Versprecher. Nur um im nächsten Moment wieder hellwach und entschlossen zu reagieren. Vor allem dann, wenn es darum geht, den lästigen Kindern Paroli zu bieten. Das ist vielleicht noch keine Sensation an sich. Aber für einen Film, der so charaktergetrieben erzählt ist, der sich so einfühlsam um eine Introspektion seiner Figuren bemüht, sind solche Feinheiten schon die halbe Miete, damit man ihm an den Lippen hängt.
Fazit: „Place To Be“ bleibt als Film über den Umgang mit dem Alter zu seicht und formelhaft konstruiert, um länger im Gedächtnis zu bleiben. Nichtsdestoweniger entwickeln Ellen Burstyn und Taika Waititi eine solche Chemie miteinander, dass man die Reise dieser beiden unverhofften Taubeneltern gern verfolgt.
Wir haben „Place To Be“ beim Filmfest in Venedig gesehen, wo er als Teil des offiziellen Programms seine Weltpremiere gefeiert hat.