Superschräg!!!
Von Thorsten HanischCharlotte (Lilith Stangenberg), Helena (Mücke) und Oskar (Chang Wang) treffen sich nach langer Zeit wieder und fahren zusammen in den Urlaub. Aber bereits am Flughafen brechen alte Streitereien wieder auf. So richtig eskaliert das Geschehen in „Für immer 16“ aber, als sich alle drei in denselben Mann verlieben. Was nach einem konventionellen Drama klingt, entpuppt sich als einer der schrägsten Filme, die es dieses Jahr im Kino zu sehen geben wird. Das mit 16mm-Analogmaterial gedrehte Regiedebüt von Brezel Göring, vor allem als eine Hälfte des 2021 aufgelösten Synthiepop-Duos Stereo Total bekannt, frönt hier hemmungslos dem Unperfekten.
Unschärfen, unsichere Kameraführung, Filmrisse, eine sprunghafte Handlung und Darsteller*innen, die auch schon mal in die Linse gucken und den Text aus dem Off einsprechen, wobei sie sich nur wenig um Lippensynchronität scheren – dieser Mix lässt einen erstmal höchst irritiert vor der Leinwand sitzen. Doch schnell ist klar, der Wahnsinn hat Methode: Der praktisch nonstop von Stereo-Total-Musik untermalte Film ist ein anarchistischer Trip, der sich durch Liebe zum Trash, zum Unfug, Freude an der Verkleidung, an Provokation und wildem Sound auszeichnet – und so mitunter an das filmische Anarcho-Universum von Helge Schneider erinnert.
Rapid Eye Movies
Charlotte, Helena und Oskar waren früh eng befreundet und haben als „Enfants Terribles“ Amateurfilme gedreht. Aber dann hat Charlotte die Gruppe im Streit verlassen und beim Fernsehen Karriere gemacht. Helena und Oskar sind hingegen verarmt, Helena strauchelt zudem mit ihrer Alkoholabhängigkeit. Nach Jahren der Funkstille wollen sie es nun noch mal versuchen und starten einen von Charlotte bezahlten Urlaub.
Allerdings brechen die alten Wunden schnell wieder auf, zudem verlieben sich alle drei in Rudolph (Twiggy). Die Spannungen lassen nur etwas nach, als man beschließt, die alte Leidenschaft wieder aufleben zu lassen und einen Amateurfilm-Krimi zu drehen. Doch als Helena Rudolph versehentlich (oder auch absichtlich) tötet, spielt sich auch in der Realität ein kleiner Krimi ab – was das Trio einander wieder näher bringt ...
Für die Korrektheit der Inhaltsangabe wird an dieser Stelle explizit keine Garantie übernommen! „Für immer 16“ wirkt, als ob die musikalische Philosophie von Stereo Total auf einen Film übertragen und dementsprechend viel improvisiert wurde. Sprich, die Betonung liegt eher auf einzelnen, oft absurden Momenten als auf dem großen Ganzen. Was aber im Umkehrschluss nicht Willkür bedeutet: Das Geschehen kreist um Motive wie dem Hadern mit dem Alter und der Liebe und arbeitet mit zunehmender Laufzeit eine gewisse feministische Attitüde heraus.
Apropos Stereo Total: Es ist angeraten, sich vorher etwas mit der Band zu beschäftigen, deren ungewöhnliche Musik zwar meist in der Synthiepop-Ecke einsortiert wird, aber deutlich vielschichtiger ist, ebenso auf Punk-, Garage-Rock-, Chanson-, Elektro- und Lo-Fi-Elemente zurückgreift. Wer mit der Musik – zwischen 1995 und 2021 wurden insgesamt 13 Alben veröffentlicht – so gar nichts anfangen kann, hat hier schlechte Karten.
Rapid Eye Movies
Auch in anderer Hinsicht ist der Film eng mit Stereo Total verknüpft. Das Drehbuch basiert nämlich auf dem gleichnamigen, unvollendeten Roman von Françoise Cactus. Das Werk der im Februar 2021 verstorbenen zweiten Hälfte des Duos ist 2024 im Rahmen der Textsammlung „Oh Oh Mythomanie“ im Ventil Verlag erschienen.
Cactus hatte in der Band nicht nur – mit einem charakteristischen französischen Akzent – gesungen und Schlagzeug gespielt, sondern war auch fast 28 Jahre lang die Lebensgefährtin von Göring. Bei „Für immer 16“ handelt es sich also um eine zutiefst persönliche Angelegenheit; vermutlich wurde die Figur der Charlotte auf gewisse Weise von Cactus beeinflusst, denn sie war ebenfalls überzeugte Raucherin.
Fazit: Superschräges Comedy-Drama mit Helge-Schneider-Touch! Experimentell, herrlich verspielt – mit viel, viel Musik von genau einer einzigen Band. Und genau das ist der Knackpunkt: „Für immer 16“ wendet sich zwar nicht unbedingt nur an Fans, aber es kann sicher nicht schaden, sich vorher mit Stereo Total etwas vertraut zu machen – wer Zugang findet, wird aber auf seine Kosten kommen!