Schöne Seelen
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Schöne Seelen

August Diehl ist ein guter Mensch – dann trifft er auf Josef Hader!

Von Thorsten Hanisch

Schon der Titel gibt den sarkastischen Grundton vor: „Schöne Seelen“ findet man in Tom Schreibers tragikomischem Drama nämlich nur eine – und zwar den herzensguten, ewig jugendlichen Freddy (August Diehl), der eines Tages spontan nach Spanien aufbricht. Dort ist das Leben erstmal paradiesisch. Die Sonne scheint, das Meer rauscht – und er findet schnell Anschluss bei einer familiär anmutenden Aussteiger*innen-Gemeinschaft, durch die er an einen Job kommt. Doch schon bald bröckelt die Fassade und Freddy muss sich sogar zum ersten Mal in seinem Leben prügeln.

Stattdessen folgt die Erkenntnis, dass er nicht etwa im Paradies, sondern in einer Hölle aus menschlichen Abgründen gelandet ist, die auch seine schöne Seele kaum unbeschädigt überstehen wird. „Dr. Alemán“-Regisseur Schreiber nimmt mit bitterbösem Witz Träumereien vom Auswandern und Pauschaltourismus aufs Korn – und punktet dabei mit durch die Bank guten Darsteller*innen. Auch weil „Schöne Seelen“ gleich am Anfang aufs Ende blickt, ist schnell klar, worauf das Ganze hinausläuft – und zwei Stunden hätte es dafür nicht unbedingt gebraucht.

Freddy (August Diehl) glaubt, mit seinem neuen Job einen Volltreffer gelandet zu haben – aber offenbar hat er Clubbesitzer Herbert (Josef Hader) völlig falsch eingeschätzt. Camino
Freddy (August Diehl) glaubt, mit seinem neuen Job einen Volltreffer gelandet zu haben – aber offenbar hat er Clubbesitzer Herbert (Josef Hader) völlig falsch eingeschätzt.

Freddy ist ein Muttersöhnchen, das sich von Job zu Job hangelt. Im Sommer 1996 tut sich für ihn jedoch urplötzlich die Chance auf, Deutschland zu verlassen. Er landet in einem Urlaubsort an der Costa Brava, wo er durch Johannes (Thomas Schubert), einen alten Freund, der eine Einheimische geheiratet und sich dort niedergelassen hat, einen Job bei Diskothekenbesitzer Herbert (Josef Hader) bekommt. Herberts erster Arbeitsauftrag könnte nicht angenehmer sein: Freddy soll auf das luxuriöse Anwesen seines Chefs aufpassen und dabei besonders auf Herberts Papagei achten. Doch der Vogel entwischt ihm, woraufhin er es erstmals mit einer anderen Seite seines bisher jovialen Chefs zu tun bekommt.

Der stets unrasierte Österreicher, der gerne mal sein mangelndes Gesangstalent zur Schau stellt, verzeiht ihm dennoch – und quartiert den glücklosen Tierbetreuer in das Mitarbeiter-Appartement von Charly (Florian Kroop) um. Dieser hatte zuvor selbst Freddys Stelle inne, wurde aber ohne Umschweife rausgeschmissen. Allmählich wird deutlich, dass Herbert zwar von Familie redet, aber im Grunde ein aufbrausender Despot ist. Sein einziger Gedanke, als der drogensüchtige Charly eines Tages tot im Hinterhof der Diskothek liegt: die Leiche verschwinden zu lassen! Und auch die attraktive Strandbekanntschaft Niko (Johanna Ingelfinger) offenbart Schattenseiten …

Gezeichnet vom Leben

Der Begriff „Schöne Seele“ stammt ursprünglich aus der Philosophie und geht bis zu Hegel und Schiller zurück. Heutzutage wird darunter aber ganz einfach ein Mensch verstanden, der authentisch und ehrlich ist, Mitgefühl und Menschlichkeit zeigt. Ein solcher Mensch ist Freddy – und wahrscheinlich waren die um ihn herum früher nicht viel anders, allerdings kam das Leben dazwischen, und so sind sie zu dem geworden, was sie sind. Auch Herbert wurde einst bei seiner Ankunft am Ort direkt bis auf die Unterhose ausgeraubt und hat es anschließend nur durch Zufall zur Disco und damit zu Ansehen und Wohlstand gebracht. Ein Volltreffer, der ihm vermutlich zu Kopf gestiegen ist, ihm aber auch aus den Händen zu gleiten droht, denn die Politik will weniger Tourist*innen, die dafür mehr Geld dalassen.

Und so macht ihm – abgesehen davon, dass er schon länger nicht mehr der Diskotheken-Platzhirsch ist, für den er sich selbst hält – ein Luxus-Spa-Hotel schwer zu schaffen. Gegen das kann er mit seinen primitiven Saufpartys, auf denen Niko mit einem Biertank auf dem Rücken dafür sorgt, dass der Alkoholpegel konstant hoch bleibt, nur schwer konkurrieren. Zudem tut sich Herbert ausgesprochen schwer, seine Lage so ganz zu realisieren, denn er hängt immer noch alten Zeiten hinterher. Aber auch Niko und die anderen sind gezeichnet vom Leben. Selbst Freddys ihm überraschend nachreisende Mama (Sabine Winterfeldt) schlägt in einer späten Szene plötzlich Töne gegenüber ihrem Sohn an, die man so nicht erwartet hätte.

Niko (Johanna Ingelfinger) kämpft mit ihrem Feuerlöscher gegen den Durst – und einen zu niedrigen Alkoholpegel – der Discobesucher*innen! Camino
Niko (Johanna Ingelfinger) kämpft mit ihrem Feuerlöscher gegen den Durst – und einen zu niedrigen Alkoholpegel – der Discobesucher*innen!

Anders dagegen der verträumte, mit sanften, unschuldigen Augen auf die Welt blickende Freddy, der mit seiner Fahrt nach Spanien zum ersten Mal die Initiative ergreift, aber dann brutal mit der harten Realität kollidiert. „Schöne Seelen“ ist im Grunde die pervertierte Version eines Coming-of-Age-Films, nur dass der Entwicklungsprozess des Protagonisten in so dunklen Bahnen verläuft, dass man am Ende inständig hofft, dass die schöne Seele vom Anfang sich bis zum Abspann nicht komplett verflüchtigt hat.

Fazit: „Das Gras ist woanders immer grüner!“ Nein, nicht im Ensemblestück „Schöne Seelen“ – hier platzen Aussteiger-Träume mit einem großen Knall! Das ist dank einer durchwegs wunderbaren Besetzung – besonders Josef Hader gibt mit Inbrunst den verbitterten Unsympathen – und teils äußerst garstigem Humor packend erzählt, hätte aber trotzdem gerne etwas kürzer ausfallen dürfen.

Wir haben „Schöne Seelen“ im Rahmen des Filmfest München 2026 gesehen, wo er seine Weltpremiere gefeiert hat.

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
Das könnte dich auch interessieren