Enola Holmes 3
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Enola Holmes 3

Der Widerspenstigen Zähmung

Von Christoph Petersen

So richtig wohl ist Enola Holmes (Millie Bobby Brown) nicht bei dem Gedanken, ihren Verlobten Lord Tewkesbury (Louis Partridge) zu ehelichen, auch weil sie dann ihren berühmten Nachnamen ablegen müsste. Deshalb ist sie auf dem Weg zu ihrer eigenen Hochzeit in einer Kirche auf Malta eh schon spät dran, als sie von Dr. Watson (Himesh Patel) die Nachricht von der Entführung ihres Bruders Sherlock Holmes (Henry Cavill) erreicht. Damit steht endgültig fest: Der arme Tewkesbury wird vor dem Traualtar mitsamt der versammelten Festgemeinde vergeblich auf die Ankunft der Braut warten müssen …

Das ist also gerade noch mal gut gegangen. Eudoria Holmes (Helena Bonham Carter) kann sich seit ihren im wahrsten Sinne des Wortes explosiven Aktionen im Untergrund nicht mehr öffentlich sehen lassen – und Enola hat die aufmüpfige Ader samt einer Wut auf alles Ungerechte in der Welt von ihrer Mutter geerbt. Da wäre es doch schade, wenn die sogar auf die vierte Wand pfeifende Nachwuchsdetektivin als Frauchen eines Adeligen enden würde. Aber obwohl es mit dem Heiraten zumindest zu Beginn des Films noch nicht klappt, wirkt „Enola Holmes 3“ – der erstmals nicht auf einer direkten Buchvorlage der Autorin Nancy Springer basiert – im Vergleich zu seinen ungleich ungestümeren Vorgängern merkwürdig domestiziert.

Beim Antrag stimmt Enola Holmes (Millie Bobby Brown) sofort zu – selbst wenn sie sich ihrer Sache womöglich gar nicht sooooo sicher ist. Netflix
Beim Antrag stimmt Enola Holmes (Millie Bobby Brown) sofort zu – selbst wenn sie sich ihrer Sache womöglich gar nicht sooooo sicher ist.

Das neue Setting im sonnigen Malta ist ähnlich spektakulär wie das nebelverhangene viktorianische London. Auch die ersten Kombinationsszenen, wenn Enola die von ihrem gekidnappten Bruder hinterlassenen Codes entschlüsseln muss, um einer groß angelegten Verschwörung auf die Spur zu kommen, machen Lust auf ein klassisches Whodunit-Krimi-Abenteuer. Aber spätestens, wenn bereits nach der Hälfte die Identität des kriminellen Masterminds gelüftet wird, geht dem dritten Teil der Netflix-Erfolgsreihe – trotz seiner bescheideneren Laufzeit (19 Minuten kürzer als „Enola Holmes“ und 26 Minuten kürzer als „Enola Holmes 2“) – vorzeitig die Puste aus.

Nachdem „Fleabag“-Regisseur Harry Bradbeer aus der Reihe ausgestiegen ist, um die MARVEL-Serie „Spider-Noir“ für Amazon zu inszenieren, hat sich Netflix die Dienste eines aktuell besonders heiß gehandelten Filmemachers gesichert: Philip Barantini hat schließlich gerade erst alle vier Episoden der grandios erfolgreichen, achtfach Emmy-prämierten Superhit-Serie „Adolescence“ für den Streamer verantwortet. Aber wo sich „Fleabag“ und „Enola Holmes“ tonal durchaus ähnlich sind, scheint Barantini der Stoff nicht besonders zu liegen – und das gilt für die heiter-rebellischen ebenso wie für die abgründig-düsteren Momente, die das Franchise bislang ausgezeichnet haben.

Ihre Hochzeitsnacht hatte sich Enola Holmes womöglich feurig vorgestellt, aber ganz sicher nicht so … Netflix
Ihre Hochzeitsnacht hatte sich Enola Holmes womöglich feurig vorgestellt, aber ganz sicher nicht so …

„Enola Holmes 2“ ist ja vor allem deshalb der klar beste Teil der Trilogie, weil das vordergründige Krimi-Abenteuer so perfekt zusammengeht mit den mitschwingenden großen historischen Themen rund um die Einführung des Frauenwahlrechts und die Ausbeutung der Arbeiter*innen infolge der industriellen Revolution. „Enola Holmes 3“ dreht sich nun zwar um die Ungerechtigkeiten der britischen Kolonialherrschaft sowie handfeste Kriegsverbrechen im Zweiten Anglo-Afghanischen Krieg, erreicht dabei aber nicht ansatzweise einen vergleichbaren emotionalen Impact wie der Vorgänger. Die historischen Abgründe bieten Futter für ein Motiv, werden unter der sengenden Sonne Maltas aber kaum handfest spürbar.

Ähnliches gilt für die Titelheldin selbst. Obwohl sie ihren Verlobten gleich in der ersten Szene vor dem Traualtar stehen lässt, werden nicht nur ihre Durchbrüche der vierten Wand zurückgeschraubt, auch sonst wirkt sie plötzlich sehr viel zahmer. Während der erste „Enola Holmes“ bekanntermaßen fürs Kino produziert und erst kurz vor Start an Netflix verkauft wurde, wirken nun gerade die süßlich-sonnendurchfluteten Romantikszenen aus „Enola Holmes 3“ wie die übliche YA-Streaming-Kost à la „The Kissing Booth“. Spätestens, wenn die Kamera eher unbeholfen an Enolas entblößter Schulter hinabgleitet, ist das Kitsch pur – und wo das so schon nicht schön ist, passt es zu der rebellischen Detektivin erst recht nicht.

Fazit: Nach dem Wechsel auf dem Regiestuhl wirken sowohl Enola Holmes als auch ihr neuestes Netflix-Abenteuer wie weichgespült. So ist „Enola Holmes 3“ zwar auf dem Papier der klar kürzeste Teil der Reihe, aber beim Schauen fühlt sich das gar nicht so an.

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