23 000 Leben
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
23 000 Leben

Ein Plädoyer fürs Anpacken

Von Christoph Petersen

Alle schimpfen auf die Jugend, die vor lauter Work-Life-Balance gar nicht mehr wisse, was richtige Arbeit überhaupt ist. Aber wehe, wenn die vermeintlich faule Generation doch mal aus den Puschen kommt – dann wird erst richtig draufgehauen. So auch im Fall der NGO „Jugend Rettet“, deren Mitglieder sich ab 2015 für die Seenotrettung im Mittelmeer aufgeopfert haben – und als Lohn mit einer maximalen Haftandrohung von 20 Jahren vor Gericht gestellt wurden. Besonders perfide: Als Geldstrafe standen zudem 15.000 Euro im Raum – und zwar für jedes einzelne der 23.000 geretteten Leben!

2018, als der skandalöse Prozess in Italien noch lief, hat der Dokumentarfilmer Michele Cinque mit „Iuventa. Seenotrettung – Ein Akt der Menschlichkeit“ schon einen Film über „Jugend Rettet“ gedreht. Nun hat er neben Regisseur Markus Goller („25 km/h“) und dessen Stammdrehbuchautor Oliver Ziegenbalg („One For The Road“) auch am Skript zur Spielfilm-Version „23 000 Leben“ mitgewirkt. Allerdings scheitert das Netflix-Projekt daran, die neunjährige Odyssee stimmig auf weniger als zwei Stunden zu kondensieren – und dabei aus den maßgeblich beteiligten Personen Menschen aus Fleisch und Blut zu machen.

„23 000 Leben“ wurde in denselben Hochsee-Studios wie die Mega-Produktionen „James Bond 007 – Casino Royale“ und „Troja“ gedreht. Netflix
„23 000 Leben“ wurde in denselben Hochsee-Studios wie die Mega-Produktionen „James Bond 007 – Casino Royale“ und „Troja“ gedreht.

Während seine Freundin Kitty (Mala Emde) ihr Jurastudium anpackt, entscheidet sich Lukas (Louis Hofmann) gegen den Willen seiner Anwaltsmutter (Franka Potente) für eine aktivistische Auszeit. Das Gefühl, einfach etwas tun zu müssen, wiegt angesichts der Weltsituation zu stark. Sein – womöglich etwas naiver – Plan: Einfach ein Boot kaufen und dann im Mittelmeer Menschen retten, die bei ihrer Flucht auf viel zu vollgestopften Schlauchbooten umzukommen drohen. Und tatsächlich: Die ersten Aufrufe zur Mithilfe per Flugzettel verpuffen noch nahezu ungehört.

Aber dann kommt irgendwann Schwung in „Jugend Rettet“: Während Banken, Hilfsorganisationen und Abgeordnete die Segel streichen, springt ein privates Ehepaar aus Kreuzberg (Corinna Harfouch, Ulrich Matthes) in die Bresche und ersteht das Schiff. Die Deutsche Filmakademie sponsert ein Büro – und Katja Riemann (spielt sich selbst) tritt als Spendenbotschafterin auf. Aber vor Ort auf dem Wasser sieht die Welt natürlich noch mal ganz anders aus – und nachdem die europäischen Staaten zunächst nur tatenlos zugesehen haben, beginnen sie zusehends damit, den Seenotretter*innen aktiv immer größere Steine in den Weg zu legen …

Ein Film zur rechten Zeit

Der Prozess gegen die Crew der Iuventa ist 2024 zu Ende gegangen – und man könnte deshalb argumentieren, dass der Film eigentlich ein paar Jahre zu spät kommt. Aber gerade jetzt, wo das Thema weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden und die Ablehnung gefühlt zur neuen Mainstream-Meinung geworden ist, entfaltet allein schon die Tatsache, dass „23 000 Leben“ nun auf Netflix erscheint, ein gewisses, hoffentlich diskussionsanregendes Provokationspotenzial. Übrigens ganz im Gegensatz zum Film selbst, der so glatt ist, wie man es sich nur vorstellen kann. Bei dem Versuch, so viele Stationen wie möglich in nur 112 Minuten unterzubringen, ist über weite Strecken ein bebilderter Wikipedia-Eintrag herausgekommen.

Allein die pure Masse an Gaststars zeigt, wie hoch die Bereitschaft von allen Seiten war, sich für die Sache einzusetzen. Aber die guten Absichten haben womöglich auch dazu geführt, dass am Ende vor allem die Angst regiert hat, etwas falsch zu machen. Im Film sprechen jedenfalls selbst Freund*innen untereinander so, als würden sie ausschließlich in für den nächsten Medien-Auftritt auswendig gelernten Talking Points miteinander kommunizieren. Da kann der hochkarätige Jungcast um den Netflix-erfahrenen Louis Hofmann („Dark“) und Shooting-Star Mala Emde („Köln 75“) noch so beherzt aufspielen, an den allzu trocken-akademischen Dialogen gibt es kaum ein Vorbeikommen.

Kapitänin Viola (Maria Dragus) und Head Of Mission Sören (Frederick Lau) haben an Bord der Iuventa soweit alles im Griff. Netflix
Kapitänin Viola (Maria Dragus) und Head Of Mission Sören (Frederick Lau) haben an Bord der Iuventa soweit alles im Griff.

Wenn ich mich nicht völlig falsch erinnere, gibt es im ganzen Film keinen einzigen Moment, der nicht direkt etwas mit dem Thema von „23 000 Leben“ zu tun hat. So mangelt es – dem Titel zum Trotz – an Lebendigkeit. Am mitreißendsten sind trotzdem die Szenen auf hoher See mit der Kapitänin Viola (Maria Dragus) und dem Head Of Mission Sören (Frederick Lau). Gedreht in denselben Mittelmeer-Wassertanks wie „Troja“ und „Casino Royale“, gibt es gerade hier durchaus überraschende Einblicke – wenn es etwa darum geht, dass die Retter*innen nicht nur die auf den Schlauchbooten eingepferchten Menschen auflesen, sondern hinterher auch die zurückgelassenen Boote versenken, um so die schon wie Aasgeier lauernden Motoren-Jäger abzuschrecken.

Der zentrale interne Konflikt, ob man nämlich anstandslos mit den Behörden kooperieren soll, auch wenn diese sich offensichtlich nicht mehr an Gesetz und Moral halten, wird hingegen nur oberflächlich angerissen. Was von „23 000 Leben“ bleibt, ist das nachdrückliche Plädoyer, mehr Naivität zu wagen, nicht immer nur an mögliche Wege des Scheiterns zu denken, sondern ab einem gewissen Punkt derart dringende Dinge auch einfach anzupacken.

Fazit: Ein allzu glatt vorbeihuschendes und deshalb nur an der Oberfläche schabendes Porträt der Seenotretter*innen von „Jugend Rettet“, das – leider – vor allem dadurch an Reibungspotenzial gewinnt, dass schon die reine Existenz eines Films wie „23 000 Leben“ inzwischen von vielen als Provokation angesehen wird.

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