Schicke und charmante Christie-Verfilmung!
Neben Miss Marple ist vor allem Hercule Poirot die ikonische Detektiv-Figur von Agatha Christie. Und eine der zweifelsfrei berühmtesten Geschichten von ihm, ist „Der Mord im Orient-Express“. Es gibt von dem Stoff mittlerweile vier Verfilmungen, die neuste stammt von Kenneth Branagh aus dem Jahre 2017. Die aller erste Verfilmung ist aber mittlerweile über 50 Jahre alt und kam 1974 in die Kinos, unter der Regie von Sidney Lumet. Der Film wurde sehr positiv aufgenommen und konnte unter sechs Oscar-Nominierungen einen absahnen für Ingrid Bergman in einer weiblichen Nebenrolle. Zweifelsohne ist für mich der Kriminalfall in „Orient-Express“ (hier als „Orient-Expreß“ geschrieben) der beste, den ich je in diesem Genre erfahren durfte. Ich werde natürlich nichts verraten, aber die Auflösung ist wirklich großartig und begeistert mich immer wieder aufs Neue. Doch wie setzt der alte Film aus den frühen 70ern diese Geschichte denn nun um und wie gut hat sich das Ganze bis heute gehalten?
Hercule Poirot will von Istanbul nach London zurückreisen… per Zug. Im Orient-Express passiert aber natürlich ein Mordfall: Der dubiose Mr. Ratchett wird eines Morgens tot aufgefunden. Poirot lässt keine Zeit verstreichen und übernimmt diesen Fall…
Die Ausgangssituation ist natürlich im Genre ein Klassiker und auch der ganze Film bewegt sich auf dieser bekannten Schiene des Krimis. Das Besondere ist hier natürlich die eingeengte und teils klaustrophobische Atmosphäre des Zuges, der durch einen Sturm im Schnee fest steckt. Anders als im 2017-Remake jedoch geht hier nach dem Mord praktisch keine Gefahr mehr aus, was ich etwas schade finde. So fehlt es dem Film in meinen Augen etwas an Spannung, auch wenn die Auflösung des Falles natürlich der Fokus sein sollte. Und ja, das ist alles sehr fein gemacht, dennoch hätte ich mir etwas mehr… Nervenkitzel gewünscht. Nicht unbedingt als sinnlose Actionuntermalung, aber selbst die Verhör-Szenen verlieren mit der Zeit an Reiz, da sie sehr simpel hintereinander gereiht sind. Was mich auch stört, sind Details, die von Poirot erst bei der Auflösung des Falls erzählt werden. So hat man als Zuschauer gar nicht die Chance den Fall selbst zu lösen (und gerade das macht dieses Genre in meinen Augen so unterhaltsam). Dafür ist das Ende wieder wirklich toll gemacht, nicht zuletzt durch das schauspielerische Talent von Albert Finney (auch wenn ich das etwas offenere Ende im 2017-Remake besser fand).
Der Cast ist mit Finney, Sean Connery, Ingrid Bergman und Anthony Perkins wirklich herausragend und jeder gibt eine sehr solide Performance, selbst die Darsteller*innen, die praktisch nur zwei wirkliche Szenen haben.
Optisch ist der Film schick anzusehen (Kamera: Geoffrey Unsworth) und wird von einem guten Soundtrack (Richard Rodney Bennett) untermalt.
Fazit: „Mord im Orient-Expreß“ ist ein wunderbarer und charmanter Kriminalfilm, der wie sein 2017-Remake einige Vor- und Nachzüge hat. Der Mordfall ist nach wie vor großartig, Poirot selbst weiß zu unterhalten als kurioser, aber scharfsinniger Detektiv und der Cast ist hochkarätig.