[...]Das Bewahren des Ichs im Wir, das Suchen und Finden des Ichs im Ich, das Werden oder Scheitern des Wirs, das ist kanonisches Alphabet des Liebesdramas von damals bis immer. Das zur Zeit des Drehs seines dritten Spielfilms 23jährige Kunstkinowunderwind Xavier Dolan verhandelt dies in „Laurence Anyways“ nicht wie meist üblich über Schlagworte wie Midlife-Crisis[...]: im Tranny-Drama sucht das eine Ich nach Erfüllung in der äußergeschlechtlichen und innerseelischen Transformation zu den Merkmalen des anderen Ichs, nicht aus einer didaktischen, sondern methodisch kontemplativen und formal überbordenden Inszenierung wird Dolans bisheriges Opus Magnum zu einem ausschöpferischen, aufwühlenden Erlebnisfilm. Nicht tabubrechend und nicht skandalös; auch wenn Laurence in seiner Frauwerdung auf die natürlichen Widerstände trifft betreibt Dolan keinen Avantgardismus mit seinem Stoff, sucht nicht die Feindberührung, nicht die ständige Projektionsfläche der Enttabuisierung.[...]Mal getragen, mal vorangetrieben von französisch- und englischsprachigen Pophymnen der frühen bis späten 1990er und Einschüben klassischer Musik brechen die Emotionen laut und zürnend, leise und verzweifelnd hervor, während sie an anderer Stelle etwas hinter dem überbewussten Kunstwillen Dolans zurückstehen. Wo im Genre zuletzt oft die Spröderie herrschte und die Schönheit eher in der Realitätsent- statt –verfremdung gesucht wurde (siehe „Like Crazy“ oder „Der Geschmack von Rost und Knochen“), ist „Laurence Anyways“ ein Leuchtprisma, ein dispersiver Bilderrausch, der die Gefühlswallungen nicht plastifiziert, sie meist unterstützend visuell transzendiert, ihnen einige Male aber auch den Raum streitig macht.[...]