The Last Duel
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FILMGENUSS
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4,0
Veröffentlicht am 21. Oktober 2021
DES MANNES EIGENTUM
von Michael Grünwald / filmgenuss.com

Was Ridley Scott wirklich gut kann, und das schon über mehrere Jahrzehnte hinweg: Weltgeschichte als großes Kino zu verpacken. Niemand sonst kann das so gut, niemand sonst hat ein so lässiges Händchen dafür, Dramatik und Schauwerte mit intuitivem Sinn für Balance zusammenzubringen. Ridley Scott, der ist ein Handwerker. Ein nimmermüder, eigenmotivierter Künstler, wie Rodin oder Picasso es waren. Kaum ist ein Projekt fertig, braucht es keine Schaffenspause, um zum nächsten Tonklumpen oder zur nächsten Leinwand zu greifen. Als wäre der Brite ein Meister im Schnitzen hölzerner Reliefs, ausgestattet mit Hammer, Meißel und sonstigem Schnitzwerkzeug, um die Gesichtszüge der sich windenden, historischen Gestalten grob zwar, aber mit viel Esprit, in die dritte Dimension zu holen. Auch The Last Duel ist so ein Relief, eines aus dem Mittelalter, bereits wurmstichig, abgewetzt, aber mit unvergleichlicher Patina. The Last Duel ist nicht die Feinarbeit eines akribischen Nerds wie zum Beispiel Wes Anderson. Dieses Drama aus dem 14. Jahrhundert ist unvergleichbar impulsiv und rustikal – und gerade deshalb so lebendig. Nicht zuletzt auch dank eines formidablen Cast, der sich aus bekannten, aber veränderten Gesichtern zusammenstellt, und die allesamt, eben weil sie auch privat längst miteinander vertraut sind, wunderbar wechselwirken. Großes Schauspielkino ist das, neben der ganzen im Zwielicht des Morgens gedrehten Geschichte aus knirschenden Harnischen, vom Rauch dunstigen Kemenaten und kleinlauten Burgfrauen im Mieder, die mit ihrem Klatsch und Tratsch Social Media bereits vorwegnehmen.

Durch diesen Stille-Post-Mechanismus kommt es auch zu einem historisch belegten, denkwürdigen Moment des späten französischen Mittelalters unter der Herrschaft Karl VI: zum sogenannten letzten Duell auf Leben und Tod, damit Gott darüber entscheiden kann, wer in seiner Wahrheit nun Recht behält und wer nicht. Es kämpfen Matt Damon als Junker Jean de Carrouges und Adam Driver als Jacques Le Gris. Zuerst auf dem Pferd, wie bei einem Tjost, dann mit Schwertern, Äxten, Messern und Fäusten. Scott hat für diese Szene alles gegeben. Das ist maskulines Mittelalter in seinem reinsten Naturalismus. Grund für diese Urteilsfindung: die Vergewaltigung von Carrouges Ehefrau Marguerite (bildschön und oscarverdächtig: Jodie Comer). Unter Freunden wäre diese unschöne Episode wohl im Stillen geregelt worden, unter Ausschluss des eigentlichen Opfers. Doch hier sind andere Räder am Werk – nämlich die der Eifersucht und des Neids. Im Laufe des Films wird klar, dass Le Gris stets der ist, der auf die Butterseite fällt, während Carrouges nichts bekommt. Nicht mal das Erbe seines Vaters. Ein gekränktes Ego unter dem Licht vergangener Tage. Dieses Ego will Genugtuung. Und wir erfahren – ähnlich dem Konzept des Kurosawa-Klassikers Rashomon – aus drei Blickwinkeln, was sich wirklich zugetragen hat. Zuerst aus der Sicht der beiden Männer, dann aus jener der Frau.

Und Ridley Scott nimmt sich Zeit, in die Tiefe zu gehen. Kürzt seine gewohnt routinierten Schlachtenszenen auf das Minimum, um den Figuren viel mehr Spielraum zu geben. Den nutzen sie. Und selbst Ben Affleck beweist Talent. The Last Duel gewährt überraschend viel Einblick ins oftmals romantisierte Tagesgeschäft von Rittern und Machthabern, die sich stets in Korrelation mit dem Volk befinden. Das Ritterdrama erzählt von Geldnot, dem Einsatz für Erfolg und damals tauglichen Werten. Ernüchternd dabei ist, dass #MeToo längst noch kein Thema war – für Marguerite vielleicht, jedoch für niemanden sonst. Frauen waren nicht mehr als eine Sache, das Eigentum des Mannes. Hätte Carrouges nicht eingewilligt, aus Neid und wütender Rivalität die Schuld zu tilgen, wäre das Unglück einer vergewaltigten Frau kein Thema gewesen. Eine traurige, finstere Zeit also. Genauso finster ist auch dieser Film, der versucht, zu verstehen, wie es ist, sich mit ertragenem Leid arrangieren zu müssen, um als Frau zu überleben.
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beco
beco

83 Follower 449 Kritiken User folgen

3,0
Veröffentlicht am 19. Oktober 2021
Ein subtile Auseinandersetzung mit der Rolle der Frau im Mittelalter durfte man ja nicht erwarten, aber ein bisschen mehr Tiefe in Bezug auf die Motive der handelnden Charaktere wäre doch möglich gewesen, zumal die Schilderung der Ereignisse aus den verschiedenen Perspektiven, keinen großen Gewinn bringt, die Versionen unterscheiden sich nur in Nuancen.
Kampf- und Schlachtszenen überzeugen, alles andere wäre eine Überraschung.
Annehmbar plus
Riecks-Filmkritiken
Riecks-Filmkritiken

34 Follower 212 Kritiken User folgen

3,5
Veröffentlicht am 9. Oktober 2021
Wenn Matt Damon und Ben Affleck zusammen den Stift ansetzen und Ridley Scott auch noch Regie führt, dann ist ein neugieriges Publikum vorprogrammiert. Doch tatsächlich scheint der Mäusekonzern Disney selbst nicht viel von der eigenen Produktion zu halten, denn eine offensive Bewerbung dieses zweieinhalb Stunden Films ist bisher noch ausgeblieben. Teilweise auch zurecht. Der Film bietet einen unterhaltsamen und mitreißenden Stoff, der zu keinem Zeitpunkt langweilig wird. Auch wenn ich selbst eine gewisse Antipathie zu mittelalterlichen Filmen wie diesem hege, war es doch leicht mich für das Geschehen zu begeistern, da immer wieder auch Vibes von Game of Thrones verströmt wurden, wenn auch lange nicht in dem Umfang und der Qualität.
Die Idee der narrativen Erzählung aus mehreren Perspektiven ist zudem wunderbar, wird jedoch nicht mal ansatzweise ausgekostet und angemessen verarbeitet. Hier wurden Unmengen an Potential liegen gelassen. Auch die Bildgestaltung lässt zu wünschen übrig, denn der immer wieder auftauchende Blaufilter ist sehr unangenehm und wird nur noch getoppt von den unzähligen Filmschnitten, die oftmals nicht nötig und sogar schädlich für die Atmosphäre waren. Gleichzeitig schafft es Ridley Scott aber auch beeindruckende Kampfsequenzen zu inszenieren, die kraftvoll daherkommen und nicht selten sehr blutig enden. Es ist wirklich schade, dass hier das Drehbuch so enorm geschwächelt hat, denn durch den tragischen Schleier der Einfallslosigkeit ist deutlich ein wirklich hochwertiger Film erkennbar. Dennoch ist ein Filmbesuch lohnenswert und sollte unbedingt im Kino stattfinden.

Die gesamte Kritik gibt es auf https://riecks-filmkritiken.de/the-last-duel
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