Eindringliche und intensive psychologische Studie, die gerade wegen ihrer unterkühlt-authentische Darstellung beim Anschauen ziemlich weh tut. Im Gegensatz zu den meisten anderen Genrefilmen steht hier nicht die Entführung und die schließliche Befreiung im Zentrum, sondern es geht viel mehr um die beiden Entführer und ihre Beziehung zueinander.
So eine destruktiv und dysfunktional abhängige Beziehung ist dabei gar nicht so ungewöhnlich, das Neue an diesem Film ist aber die rauhe und aggressive Darstellung, die ich zumindest noch in keinem anderen Film so gesehen habe. Und dadurch dass das Alles mitten ein einer ruhigen freundlichen Vorstadtsiedlung praktisch am hellichten Tage und unter den Augen aller Nachbarn passiert, macht es nochmal doppelt unangenehm und nur schwer aushaltbar.
Der Film wird im Wesentlichen von zwei Säulen getragen: Die überragenden schauspielerischen Leistungen und die gekonnte dramaturgische Inszenierung. Bei den Schauspielern müssen wir ganz Besonders Emma Booth erwähnen, die ein bisschen das Zentrum ist, um den sich der Film herumdrapiert. Die Kamera widmet ihr bzw. ihrem Gesicht außerordentlich viel Screentime, wodurch sie vielfach Gelegenheit bekommt, ihre großartiges Talent unter Beweis zu stellen. Ihre Ambivalenz und ihre Zerrissenheit, ihr ständiges Wechseln zwischen lustvoller Unterdrückung durch ihren Ehemann und der zwanghaften Unterdrückung ihrer eigenen Bedürfnisse, die sich regelmäßig in aggressiven Ausbrüchen äußert, ist schlichtweg brillant. Mit ihrer Präsenz und Emotionalität spielt sie den restlichen Cast locker an die Wand. Aber auch die übrigen Rollen sind gut besetzt, . Stephen Curry als Super-Arschloch, das drinnen seine perversen Allmachtsfantasien auslebt, draußen aber nix gebacken bekommt, ist ebenfalls eine starke Perormance.
Zweite tragende Säule ist die sehr stylische Inszenierung von Regisseur Ben Young. Allein die allererste Szene in Super-SloMo ist so klasse, dass sich schon hier ein großes Unbehagen breitmacht, ohne dass direkt irgendwas Besonderes gezeigt wird. Diese SloMo-Aufnahmen werden später nochmal wiederholt, als Vicki gefangenhalten wird und man im Kontrast dazu zunächst zwei Vögel auf einer Stromleitung (Was könnte mehr "Freiheit" darstellen??) sitzen sieht und danach fröhlich spielende Kinder und sorglose Nachbarn. Gruselig!
Die Kamera ist oft sehr distanziert, bietet immer mal wieder eine entfernte Totale, um dann aber auch immer wieder ganz nah bei Vicki dabei zu sein. Spannend ist, dass eigentlich niemals explizite Gewalt oder Missbrauch gezeigt wird. Wir sehen nur die Folgen (blutige Taschentücher am Boden) oder die Begleitumstände (wenn . ein Loch im Waldboden gegraben wird). Immer schließt sich rechtzeitig die Tür, wir hören nur noch die Schreie, was das Ganze nur um so schlimmer macht! Wir können nur erahnen, was die beiden ihren Opfern antun ("Lass uns jetzt etwas Spaß haben und Montag töten wir sie dann") und sind eigentlich auch froh, das nicht mitansehen zu müssen. Und sind das am Ende nicht die besten Horrorfilme, wo sich der Grusel nur in unserem Kopf abspielt?
FAZIT: Eindringliches Psychogramm einer kaputten Beziehung zweier Psychopathen, die sich zum Lustgewinn Teenager halten und missbrauchen. Ästhetisch-authentisch in der Darstellung mit einer überragenden Emma Booth. Gerade wegen all dem, was nicht gezeigt wird, nur schwer auszuhalten und auf jeden Fall eine intensive Erfahrung. Wer sich das zutraut, wird mit einem wahrlich starken und intensivem Drama belohnt, für diese Menschen unter euch gibt's von mir eine ganz klare Empfehlung!