Die mehrfach prämierte Regisseurin Valeska Grisebach hatte mit ihrem neuen Film „Western“ in Cannes Premiere. Nun ist er in den deutschen Kinos zu sehen.
In Bulgarien, nahe der Grenze zu Griechenland, soll ein Kraftwerk entstehen. Eine Gruppe deutscher Montagearbeiter erscheint, um die ersten Arbeiten zu verrichten. Vorarbeiter Vincent (Reinhard Wetrek) wartet vergeblich auf eine Kieslieferung, Wasser steht nur zeitweise zur Verfügung. Der einsame Meinhard (Meinhard Neumann) sucht Kontakt zu den Einheimischen.
Authentizität pur liefert Valeska Grisebach ihrem Publikum, das sich auf herausragende Beobachtungen einstellen und freuen darf. Die Regisseurin beweist ein kaum einschätzbar großes Gefühl bei der Anleitung ihrer Darsteller, welche sie mit Unbefangenheit agieren lässt. Der an Filme von Ulrich Seidl (Paradies-Trilogie) erinnernde Doku-ähnliche Style hat einen verblüffend gut gesetzten, durch viele Auslassungen geprägten Erzählrhythmus.
Mit intensiver Kameraarbeit sind die ständig nach Verbindung suchenden Gesichter eingefangenen. Ein Thema ist die Sprachbarriere; durch das untertitelte Bulgarisch nimmt der Zuschauer eine neutrale Position ein. Das Verhältnis zwischen dem umsichtigen Unternehmer Adrian (sehr markant: Syuleyman Alilov Letifov) und Meinhard sowie dessen anwachsende Opposition zu Vincent macht sich Grisebach zum Schwerpunkt. Sehr bald wird Meinhard zur zentralen Gestalt in dem titelgebenden Wildwest-Szenario. Mit dem kargen, ausdrucksstarken Gesicht, seiner Naturverbundenheit und der mit Bedacht abwartenden Haltung passt er in die überwiegend unberührte, sommersonnendurchflutete Landschaft. Dazu gehört auch die Dorfschönheit Vyara (Viara Borisova), um die geworben wird. Kurzum: Die Gewichtung der Figuren und Situationen im Gesamtwerk ist mehr als gelungen.
Die entstehenden Konflikte und Emotionen wirken in keinem Abschnitt aufgesetzt oder überdimensioniert und schaffen gerade dadurch ein permanentes auf- und abschwingendes Schwelen zwischen den Parteien, das sich vor die Leinwand überträgt.
Alles Leben und Streben auf dem Land erfordert eine gewisse Langsamkeit, die den Bulgaren besser liegt. Das ist vor der Leinwand auf 121 Minuten nicht leicht zu konsumieren. Doch in jeder Ausdehnung ist ein Kribbeln der Ungewissheit untergebracht, dass den Betrachter in der Geschichte hält. Und noch lange bevor der Bau des Kraftwerks abgeschlossen ist, erlangt Meinhard eine wichtige Erkenntnis.
„Western“ gebietet minimalen Materialeinsatz, fernab vom Hollywood-Hochglanz. So und nur so ist das Südosteuropa-Abenteuer mit den vielen expressiven Einstellungen, Szenen und Momentaufnahmen ganz großes Kino.