Katharina Thalbach begeistert als 101-Jährige!
Von Susanne GietlDie schönsten Geschichten schreibt bekanntlich das Leben. So auch bei der wahren Story von Agnes und Amir, die mit einem Altersunterschied von 73 Jahren die wohl ungewöhnlichste WG Berlins gebildet haben. Regisseurin Helena Hufnagel („Generation Beziehungsunfähig“) hat die berührende Freundschaft nun verfilmt: „Lieblingsmenschen – Die außergewöhnliche Freundschaft von Agnes und Amir“ ist eine Feel-Good-Komödie mit glaubhaften Charakteren, die zeigt, wie gelebte Integration funktioniert.
Zwar kommt der Film nicht ganz ohne Berlin-Klischees aus – lange Schlangen bei der Wohnungssuche und hedonistisches Partyvolk inklusive –, aber alles in allem folgt man dem gegensätzlichen Duo sehr gerne. Amir macht seine neue WG-Partnerin mobiler und unternimmt mit ihr Ausflüge; Agnes läuft unterdessen als Kupplerin für Amir zur Höchstform auf. Dabei hat alles so trostlos angefangen …
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Die 101-jährige Agnes (Katharina Thalbach) führt ein einsames Leben mit einem Goldfisch in ihrer Wohnung in Berlin-Schöneberg, in die sie vor über 60 Jahren eingezogen ist. Kinder hat sie keine. Ein paar Fotos und ein Grammophon am Fenster erzählen von längst vergangenen Zeiten – als Agnes noch fröhlich war und tanzte. Alte Filmrollen bewahren die Erinnerung an ihren ersten Mann. Sie hatte ihn zum Bahnsteig gebracht, aber er ist nie aus dem Krieg zurückgekehrt. Das alte Bahnsteigticket hebt Agnes sorgsam in ihrem Nachttisch auf. So soll es sich auch bei der wahren Agnes zugetragen haben.
„Lieblingsmenschen“ fabuliert zugleich aber natürlich auch. Bedeutsam ist im Film etwa die erdachte Parkbank vor der Wohnung mit der Plakette „Für Agnes für immer – Georg 1992“, ein Andenken an ihren zweiten Mann. Tagein, tagaus bewacht Agnes die Sitzgelegenheit mit dem Fernglas. Erspäht sie jemanden, der sich auf „ihrer“ Bank niederlassen möchte, dann rauscht Agnes mit wütend quietschendem Rollator aus ihrer Wohnung. Es sind Bilder wie diese, die unterhalten, aber auch nachdenklich stimmen. Es ist Agnes‘ ganzer Lebensinhalt, über diese Bank zu wachen.
Umso schöner ist es, dass sie Amir (Bardo Böhlefeld) begegnet, als sie den frisch wohnungslosen Iraner von ihrer Parkbank verjagen möchte. Als Amir sie mit seiner zuvorkommenden Art überrascht, darf er ein Weilchen sitzen bleiben. Agnes ist eine pointensichere Zynikerin und macht auch vor Amirs Deutschkenntnissen nicht halt. Amir solle nicht alles glauben, was man ihm sage: „Alle sagen, ich bin rüstig. Rüstig heißt im Grunde, tot, aber zuckt noch.“ So sei das auch mit seinen Deutschkenntnissen, die seien gar nicht sooo gut.
Die Film-Agnes erscheint wesentlich schroffer als das lebenslustige, gesellige Berliner Original, bildet aber einen schönen Kontrast zu dem eher stillen Amir, der als Notlösung bei der Pflegeheim-Verweigerin einzieht. Katharina Thalbach verkörpert die hunderteinjährige Agnes – mit beeindruckender Altersmaske und riesigen Gläsern auf der Nase – absolut glaubhaft. Im Bett liegend ist sie so blass, dass sie farblich mit dem Inventar verschwimmt – doch ihre wachen Augen sprechen Bände.
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Als Amir einzieht, bringt er zunächst ein wenig Unruhe rein – ein typisches WG-Leben also, wo alle ihren Platz erstmal finden müssen, im Bad wie auch im Herzen. Aber Amir kocht sich mit leckerem Safranreis langsam in die Welt der Altberlinerin und schmeichelt ihr, wenn er erklärt, dass woanders die Alten die Chefs sind. Musikalisch ist „Lieblingsmenschen“ ebenfalls vielfältig, changiert von den 1920ern bis hin zur Jetztzeit. Der älteste Song ist Alice Babs & Paul Kuhns schwungvoller Tanzcafé-Schlager „Fräulein, Pardon“ (1929), passend dazu erklingt Max Raabes Cover-Version des französischen Chansons „La Mer“ (2023).
Aber auch Queens „Who Wants To Live Forever“ (1986), klassische Musik, Elektro und Stücke von einem sehr bekannten persischen Label finden sich in der Playlist. Den Song „Lullaby For Bunnies“ singt der Hauptdarsteller Bardo Böhlefeld, dessen Mutter Iranerin und dessen Vater Deutscher ist, sogar selbst. Der Einsatz der Songs ist clever, da die menschlichen Kontraste so auch musikalisch nachempfunden werden. Das Drehbuch von Malte Welding („Eine Million Minuten“) gibt dabei auch Amirs Geschichte genügend Raum. Bislang lebte er im Containerdorf, wo der Raum sehr eng war. Da ist auch die Kamera von Aline László recht aufdringlich, was sich später ändert.
Gerne zeigt sie ihn am Fenster von Agnes‘ Wohnung sitzend mit Blick zum Himmel. Greift Amir zum Handy, dann, um Kontakt zu seiner Familie im Iran aufzunehmen, die er zurücklassen musste. Immer wieder ruft er dasselbe Foto seines Freundes auf, als wäre die Zeit stehen geblieben. Amir ist schwul und sucht politisches Asyl in Berlin. Erst später erfährt man die ganze, traurige Dimension seiner Geschichte. Auch die Asyl-Gespräche mit seinem Anwalt werden immer wieder in den Plot eingeflochten. Man versteht, wie schwer es für Amir ist, seine Homosexualität gegenüber den Behörden zu beweisen, weshalb sein Aufenthalt auf der Kippe steht. Agnes hingegen führt Diskussionen mit ihrem Hausarzt (Rainer Bock) über ihre Heimunterbringung. Es sind solche Parallelen, die dem Film eine Tiefe verleihen, denn sowohl Agnes als auch Amir bangen um ihr Zuhause und finden es schließlich in ihrer Freundschaft.
Durch Amirs Plan, Agnes bei einem Tanzwettbewerb anzumelden, weil er noch immer einen jugendlichen Funken in ihr sieht, kommt die Geschichte ins Rollen. So verwandelt sich Agnes von einer schrulligen Alten mit müdem Blick hin zur abenteuerlustigen Seniorin mit schnellem Elektromobil und blitzenden, knallblauen Augen. Düst sie los, füllt Agnes die ganze Leinwand im großzügigen Cinemascope-Format aus. Wer dann nicht lächelt, hat kein Herz für verrückte Omas. „Wir verstehen uns wie zwei linke Latschen“, beschrieb die echte Agnes Jeschke ihre Freundschaft. Und wer genau hinsieht, entdeckt den echten Amir im Film, der Agnes Jeschke bis zu ihrem Tod mit 104 Jahren wunderschöne letzte Lebensjahre schenkte.
Fazit: Trotz einiger Klischees das schrullig-sympathischste Paar mit Rekord-Altersunterschied seit „Harold und Maude“, das zeigt, wie viel Liebe in Freundschaft stecken kann!
Wir haben „Lieblingsmenschen“ auf dem Filmfest München gesehen, wo er seine Weltpremiere gefeiert hat.