Wenn die Welt uns in etwas verwandelt, was wir nicht sein wollen!
Die französische Regisseurin Julia Ducournau machte mit ihrem Filmdebüt „Raw“ von 2016 auf sich aufmerksam. Fünf Jahre später kam ihr zweiter Film heraus: „Titane“. Und gleich vorweg: Selbst eine kurze Zusammenfassung des Plots könnte für manche als Spoiler gelten. Ich werde jedoch nur die Grundstory erläutern und ansonsten nicht spoilern. Dennoch empfehle ich den Film am besten ohne irgendeinen Trailer oder Ähnliches zu schauen!
„Titane“ ist kein gewöhnlicher Film, vor allem wenn man ihn mit dem Hollywood-Mainstream vergleicht. Ducournaus Werk ist ein blutiges, verstörendes, wirres und doch emotionales Erlebnis, das man nicht alle Tage findet. Wer teils absurde Kunstfilme hasst, der wird hier sicherlich auch nicht viel Spaß haben. Dennoch ist „Titane“ ein Film, den man einfach sehen muss, um ihn zu begreifen. Und selbst dann wird das einem sicherlich nicht gelingen. Doch schauen wir uns erst einmal den Plot an (wie gesagt ohne viel vorweg zu nehmen)…
Die junge Alexia bekommt nach einem Autounfall eine Titanplatte in den Kopf gesetzt. Damit wächst sie auf, bis sie erwachsen wird. Als junge Frau tanzt sie bei Testosteron-dominierten Auto-Shows. Generell ist ihre Welt Männer-dominiert. Sie hingegen fühlt sich eher zu Frauen hingezogen, aber vor allem… zu Autos.
Und hier will ich es belassen, denn der Rest des Films ist wie ein Fiebertraum. „Titane“ hat mich vor allem damit überrascht, dass es wenige Dialoge gibt. Dreiviertel des Films wird ohne ein gesprochenes Wort erzählt und das finde ich klasse. Und dennoch ist das Drehbuch (welches die Regisseurin selbst schrieb) sehr gut. Und auch die Darsteller sind extrem stark, vor allem die beiden Hauptdarsteller Agathe Rousselle (in ihrem Filmdebüt) und Vincent Lindon.
Der Film behandelt auf teils surreale und verstörende Weise sehr spannende Themen. Viele davon habe ich so noch nicht in einem Film oder dergleichen erlebt. Besonders die Geschichte, die sich in der zweiten Hälfte des Films entwickelt, ist faszinierend und hat mich manchmal vergessen lassen, dass der Film sehr übernatürliche und skurrile Body-Horror-Elemente hat. Ja, es ist nichts für schwache Nerven, was man hier ab und zu sieht. Stellenweise hat der Film aber auch eine gesunde Portion schwarzen Humor, was ich ebenfalls mochte.
Am spannendsten fand ich das Thema der Männlichkeit, die in diesem Film präsentiert wird. Alexa selbst wird als Frau in einer Männer-dominierten Welt quasi „umgeformt“ und das zwanghaft. Und dennoch ist da ein Teil von ihr, der sich das vielleicht sogar wünscht. Und dieser Aspekt ist wirklich grandios und emotional umgesetzt in diesem Kunstwerk.
Andere Dinge hingegen haben für mich nicht ganz so funktioniert. Da wäre zum einen die Logik, die an vielen Stellen etwas zu löchrig ist. Man könnte argumentieren, dass gewisse übernatürliche Dinge im Film Einbildung oder dergleichen sind, aber das wird leider nie so richtig klar. Auch sind mir die Hintergründe von Alexa als Figur zu schwammig. Einige ihrer radikalen Handlungen zu Beginn habe ich nicht verstanden und waren in meinen Augen überflüssig. Vielleicht ändert sich das aber auch bei einem zweiten Schauen…
Visuell ist „Titane“ ist stark und eindrucksvoll gefilmt (Kamera: Ruben Impens). Das Spiel mit den Farben Blau und Pink ist besonders interessant. Auch der Score von Jim Williams passt sehr gut zu den abgefahrenen Bildern.
Fazit: „Titane“ ist nicht perfekt, aber ein Film, der einen herausfordert und nicht einfach an der Hand nimmt. Und solche Werke braucht es in der heutigen Zeit Eine tragische und verstörende Geschichte, die zwischen Drama und Sci-Fi-Horror schwebt!