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    A Hero - Die verlorene Ehre des Herrn Soltani
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    A Hero - Die verlorene Ehre des Herrn Soltani

    Die moralischen Zwickmühlen des Asghar Farhadi

    Von Michael Meyns

    Kaum ein Land wird von außen so schwarz-weiß betrachtet wie der Iran – und kaum ein Land macht Filme, die sich derart ambivalent mit ethischen Fragen beschäftigen. Der Meister dieser Art von Moralische-Zwickmühle-Kino ist Asghar Farhadi, der vor zehn Jahren mit seinem Meisterwerk „Nader und Simin – Eine Trennung“ den Goldenen Bären der Berlinale gewann und nun mit „A Hero“ zum vierten Mal im Wettbewerb von Cannes vertreten ist. Die Geschichte eines Mannes, der alles richtig machen will und gerade deshalb lange Zeit fast alles falsch macht, ist eine seiner besten. Ein dicht konstruiertes ethisches Drama, genau beobachtet und voller Sympathie für allzu menschliche Schwächen.

    Rahim (Amir Jadidi) hat Schulden gemacht, die er nicht bezahlen kann. Deshalb musste er sogar ins Gefängnis. Als seine Freundin Nazanin (Sarina Farhadi) eine Tasche mit Goldmünzen findet, beschließt Rahim, damit nicht seine Schulden zu bezahlen, sondern stattdessen den Besitzer der Münzen ausfindig zu machen. Um seine Freundin nicht weiter damit zu belasten, gibt er sich selbst als Finder der Tasche aus. Begeistert von seiner Ehrlichkeit, wird Rahim plötzlich als moralisches Vorbild betrachtet – er wird von Zeitungen interviewt, tritt im Fernsehen auf und bekommt sogar ein Jobangebot. Aber dann soll er nachweisen, dass sich tatsächlich alles so abgespielt hat, wie er behauptet – und so wird das Lügengeflecht immer enger und enger…

    Nazanin, die sich zunächst noch freut, als sie die Tasche mit dem Gold findet, wird von Sarina Farhadi, der Tochter des Regisseurs, gespielt.

    Eine Besonderheit des iranischen Rechtssystems ist die Möglichkeit, sich mit Geld von einer Strafe freizukaufen. Das gilt sogar für Mörder*innen, sofern die Angehörigen des Opfers zustimmen. Die Ehre spielt in diesem System ebenfalls eine besondere Rolle, Vertrauen ist hier mit das wichtigste Gut und dementsprechend kostbar. In diesem Geflecht entspinnt sich „A Hero“ in einem Gefängnis außerhalb der Millionenstadt Schiras. Rahim hat Freigang, zwei Tage, er trifft seine Freundin, was im erzkonservativen Iran, wo eine unverheiratete Frau nur unter Gefahr für ihre Ehre einen Mann alleine treffen kann, schon als heikel gilt. Gemeinsam wollen sie seine Schulden loswerden, damit er endlich aus dem Gefängnis freikommt und sie heiraten können.

    Rahim ist nicht dumm, aber doch schon ein wenig naiv. Immer wieder hat er unvorsichtige Entscheidungen getroffen, die ihm und anderen Probleme bereitet haben. Und so geht es weiter: Eine kleine Unwahrheit, man mag hier gar nicht von Lüge sprechen, bedingt die nächste, eine kleine Täuschung verlangt nach einer weiteren. Dass Rahim nichts aus Böswilligkeit tut, er keinerlei fragwürdige Absichten verfolgt, macht ihn zu einer typischen Figur des iranischen Kinos und besonders von Asghar Farhadi.

    Kleiner Anlass, große Wirkung

    Oft behelfen sich die Menschen hier mit kleinen Notlügen, um andere zu schützen oder nicht bei den allzu rigiden Moralvorstellungen der Gesellschaft anzuecken, was dann aber schnell ungeahnte Konsequenzen entwickelt. In seinen besten Filmen wie „Elly...“ oder eben vor allem „Nader und Simin – Eine Trennung“ dreht Farhadi die Spirale auf fast unerträgliche Weise immer weiter, lässt seine Figuren immer wieder Entscheidungen treffen, die nicht so ganz falsch, aber auch nicht wirklich richtig sind. So graben sie sich ein immer tieferes Loch, aus dem zu entkommen irgendwann kaum noch möglich scheint.

    Und so geschieht es auch in „A Hero“, der seinen Helden Rahim fast wie einen Tor wirken lässt, der allzu lange das tut, von dem er glaubt, das andere es wollen. Ganz nebenbei zeigt Farhadi auch einen Iran, dessen Gesellschaft ebenso sehr von den unschönen Nebenwirkungen der sozialen Medien geprägt ist wie die westliche Welt. Es ist der Leiter des Gefängnis, der von Rahims scheinbar nobler Tat so begeistert ist, dass er ein TV-Team einlädt, nicht zuletzt auch deshalb, um den Ruf des Gefängnis zu verbessern. Rahim macht mit, wird zum Helden und dem Gesicht einer Wohltätigkeitsorganisation, die Geld für Inhaftierte sammelt.

    Rahim (Amir Jahidi) ist - gerade wegen all seiner Schwächen - einer der sympathischsten Kinohelden seit langem.

    Doch später, wenn sich die Probleme immer weiter auftürmen, ist auch diese Organisation mehr an ihrem eigenen Ruf interessiert als am Schicksal von Rahim. Und so schnell er durch die sozialen Medien zum Held hochgeschrieben wurde, so schnell zerstört ein gestreutes Gerücht, dass den Wahrheitsgehalt seiner Geschichte in Frage stellt, alle Hoffnungen. Wie Farhadi dieses dichte Geflecht spinnt, in dem Menschen immer wieder aus den an sich nachvollziehbaren Gründen doch das Falsche tun, macht die besondere Qualität seiner Filme aus – und „A Hero“ zählt mit zu seinen stärksten.

    Fazit: Asghar Farhadi findet nach dem spanischsprachigen Aussetzer „Offenes Geheimnis“ wieder zu alter Form zurück! Auf seine unnachahmliche Weise zeigt er in „A Hero“, wie ein Mann, der eigentlich immer nur das Richtige tun will, sich und seine Umgebung durch unvorsichtige Entscheidungen auf moralisches Glatteis führt.

    Wir haben „A Hero“ beim Filmfestival in Cannes gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.

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