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    Unruh
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Unruh

    Anarchy in Switzerland!

    Von Lucas Barwenczik

    Wer einmal das Innere einer Uhr gesehen hat, dem scheint die Welt nicht mehr ganz so kompliziert. Cyril Schäublins zweiter Spielfilm „Unruh“ wirkt wie eine Entsendung von einem fernen Maschinenplaneten, dabei spielt der Film einfach nur in der Schweiz. Die kuriose Geschichte um den russischen Anarchisten Pjotr Alexejewitsch Kropotkin besteht aus vielen kleinen Zahnrädchen, Federn und Spiralen, die auf kaum erklärliche Weise ineinandergreifen. Schraubt man das Gehäuse des Films auf, entdeckt man eine Romanze, ein Polit-Drama, eine biographische Spurensuche und eine technologische Dystopie. Außerdem eine Satire auf die Schweiz, eine „Dekonstruktion des nationalen Charakters“, wie es der Regisseur ausdrückt. Die Neutralität hat sich nicht ausgezahlt, denn von diesem Angriff werden sich die (L)Eidgenossen nicht so schnell erholen. „Unruh“ spielt im Jahr 1877 in der Berner Gemeinde Saint-Imier. Kropotkin (Alexei Evstratov) besucht in seiner Tätigkeit als Kartograph die Schweiz und findet eine Nation im Wandel vor. Eine Gruppe von Arbeiterenden, es sind vor allem Frauen, gründet eine anarchistische Gewerkschaft, um der Macht von reichen Fabrikbesitzern wie Direktor Roulet (Valentin Merz) und korrupten Politikern gegenüberzutreten, die nicht nur die Produktionsmittel beherrschen, sondern zunehmend auch die Zeit selbst. Die junge Uhrmacherin Josephine Gräbli (Clara Gostynski) arbeitet direkt am Herz der Uhren: Sie setzt die Unruh zusammen, ein kleinteiliges Feder-Schwingsystem, ohne dass kein Zeiger ticken würde. Langsam geraten die Dinge in Bewegung…

    Für die junge Uhrmacherin Josephine Gräbli (Clara Gostynski) geht es buchstäblich um jede Sekunde.

    Schäublin hat nicht Szenen geschaffen, die eine klar umrissene Handlung vorantreiben, sondern eine modellhafte Filmwelt. Die meisten Ereignisse werden behandelt, als wäre man zufällig über sie gestolpert. Man lauscht und schaut wie ein(e) Voyeur*in. Oder wie ein(e) Passant*in, im Vorübergehen hier und da ein paar Sätze aufschnappend. Die Kamera nimmt in „Unruh“ nie das Offensichtliche in den Blick. Sie hält Distanz und platziert Figuren winzig am untersten Bildrand. Die vielen Panorama-Aufnahmen heben selten hervor, welche der Figuren gerade spricht. Von den unzähligen Amateur*innen, die historische Arbeitsverhältnisse nachstellen, drängt selten jemand weit in den Vordergrund. Die Gespräche führen sich also selbst, sie liegen in der Luft und hängen nicht an Einzelpersonen. Es geht um Menschen, aber eben auch um Ideen. Um Individuen, aber eben auch um Massen und Bewegungen. Es sind demokratische Bilder, die das Publikum für sich selbst ordnen darf. Eine wichtige Quelle für den Film war Florian Eitels Buch „Anarchistische Uhrmacher in der Schweiz“. Schon der Titel klingt amüsant paradox, weil uns die Stereotypen Uhrmacher*innen als präzise Ingenieur*innen und die Anarchist*innen als wilde Chaot*innen vorstellen lassen. Dem Film geht es jedoch darum, diesen vermeintlichen Widerspruch aufzulösen. Die Freiheit einer anarchistischen Gesellschaft müsste genauso mühsam von Menschen gebaut werden wie eine Monarchie oder der industrielle Kapitalismus. Oder eben wie eine Uhr, die von außen magisch wirkt und von innen irgendwie auch, aber eben auf andere Art und Weise. Nichts davon ist natürlich gewachsen.

    Die Schweiz so wahnsinnig wie in einem Asterix-Comic

    Wer die Filmwelt beobachtet, merkt schnell, dass ein wenig Neukonstruktion hier gar nicht schaden könnte. Alle sprechen nur noch in Zahlen, Messergebnissen und Formeln, alles ist rationalisiert bis zum Irrsinn. Jede Interaktion wird zur Transaktion. Die Leistungen von Arbeiter*innen werden nach undurchsichtigen Parametern beurteilt, die dem heutigen Daten-Wahn um nichts nachstehen. Da verliert schon mal jemand den Job, weil er 4% unter den Erwartungen liegt. Gemeinde, Fabriken, Bahn und Post haben jeweils eigene Zeitmessungen, die miteinander konkurrieren. Plötzlich macht sich die Zeitverschiebung nicht nur zwischen fernen Nationen bemerkbar, sondern schon, wenn man in der Mittagspause ein Telegramm verschicken war. Und weil man mit zwei Minuten Verspätung gleich die volle Stunde Arbeitszeit verliert, hat das auch ganz konkrete Auswirkungen auf das eigene Leben. Wer seine Steuern nicht zahlt, wird sofort von den Wahlen ausgeschlossen. Wer sie zahlt, vermutlich auch, wenn er einmal zu laut das Falsche gesagt hat. Fans von „Asterix erobert Rom“ werden sich vielleicht an „das Haus, das Verrückte macht“ erinnert fühlen. Bei der großen Stadtfest-Tombola gibt es natürlich ein Gewehr zu gewinnen. Was auch sonst?

    In „Unruh“ werden die Figuren oft demokratisch im Raum angeordnet, statt wie üblich wenige Personen in den Vordergrund zu stellen.

    Diskussionen um Kartographie und Arbeitswerttheorie mögen trocken klingen, im Film sind sie immer in eine angenehme Grundschrulligkeit eingebettet. Der Rhythmus des Films ist ungewöhnlich – gleichzeitig beobachtend und nachdenklich, aber irgendwie auch nervös und flattrig. Zeit war schon immer ein zentrales Gestaltungselement des Kinos. Dauer hebt hervor, was wichtig ist. Filme können uns zwingen, etwas lange anzuschauen, was wir anderswo nie beachtet hätten. Etwa Arbeiter*innen bei der Arbeit. Die riesigen Hallen voller Uhrmacher*innen verbinden Fließband-Hektik mit spätmittelalterlicher Handwerkskunst. Endlose Tische voll von kleinteilig werkelnden Spezialist*innen sind für den Film ein Vorbote der Zukunft. So setzt der Film nach und nach aus vereinzelten Impressionen ein großes Sittengemälde zusammen, das eine vergangene Epoche greifbar macht, aber auch Fragen an die Gegenwart stellt. Was bedeuten Zeit und Geld, und warum ist von beidem immer zu wenig da? Das Publikum setzt die übergeordnete Erzählung für sich selbst zusammen, darf seine eigene Fähigkeit zur Konstruktion am Film erproben. Und zuletzt ist „Unruh“ noch von einer sanften Poesie beseelt. Spät im Film ist Josephine auf einem romantischen Waldspaziergang und beschreibt den Teil der Uhr, den sie täglich aufs Neue baut, als ginge es um ihre eigene Seele. Die vielen Dialoge des Films mögen theoretisch sein, aber die Stimmung, die von ihnen ausgeht, ist ganz und gar konkret. Verschwatzte Anarchisten-Treffen münden in himmlischen Chorälen. Fazit: Ein schillerndes, kluges Gesellschaftsporträt zwischen Spott und Empathie, Sanftmut und Zorn, Liebe und Revolution. Wir haben „Unruh“ beim Cologne Film Festival 2022 gesehen.

     

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