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    Bad Luck Banging Or Loony Porn
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Bad Luck Banging Or Loony Porn

    1. Blowjob 2. Empathie

    Von FILMSTARTS-Team
    Der meistgesuchte Suchbegriff in einer gängigen Online-Enzyklopädie ist, jedenfalls wenn man dem Goldener-Bär-Gewinner „Bad Luck Banging Or Loony Porn“ glauben mag, der Begriff „Blowjob“. Dahinter an zweiter Stelle folgt direkt „Empathie“. In seiner knallig-ätzenden Gesellschaftssatire attestiert der Filmemacher der rumänischen Gesellschaft nun akuten Nachholbedarf – und zwar in beidem, Blowjobs und Empathie!

    Eine gängige Faustregel des Sexploitation-Kinos besagt: Je mehr Porno im Titel vorkommt, desto weniger davon ist dann im Film für gewöhnlich zu sehen. Dieser Regel straft Regisseur Radu Jude jedoch bereits in den ersten Minuten von „Bad Luck Banging“ Lügen, wenn das private Sexvideo, um das sich in zwei der drei Kapitel des Filmes alles drehen wird, bildschirmfüllend und in aller Explizität zu sehen ist. Es geht also direkt in medias res – und von dieser Eröffnung an macht Jude ziemlich konsequent klar, dass er auch in den folgenden 105 Minuten keine Gefangenen machen und nicht mal die allerkleinsten Kompromisse eingehen wird.

    Emi Cilibiu (Katia Pascariu) versucht ihre Schulleiterin davon zu überzeugen, sie nicht wegen des Sexvideos rauszuschmeißen.


    In „One-Way Street“, dem ersten der drei Kapitel, lernen wir die Lehrerin Emi Cilibiu (Katia Pascariu) kennen, die das ominöse Video mit ihrem Mann aufgenommen und auf einer Members-Only-Website hochgeladen hat. So weit, so unspektakulär. Aber von dort fand der selbstgemachte Clip seinen Weg zu PornHub – und von dort wiederum auf die Handys der Schüler*innen und schließlich in die Whatsapp-Gruppe der empörten Eltern. Nun begleiten wir Emi, die auf dem Weg zu einer eigens einberufenen Elternkonferenz durch das vom ganz normalen Chaos der Pandemiezeit geplagte Bukarest eilt. Masken allüberall, mal vorschriftsmäßig, mal auf Halbmast. Menschen, die sich angiften, an der Supermarktkasse oder ganz nonchalant im Vorübergehen. Situationen im Straßenverkehr, die angesichts der pandemiebedingt überall hochkochenden Aggressionen immer ein wenig mehr zu eskalieren scheinen, als es eigentlich notwendig wäre.

    Dass der erste große Film über diese merkwürdige Coronazeit eine Komödie sein würde, war angesichts der zahllosen Absurditäten dieser Tage eigentlich immer klar. Bestimmt eine wütende oder eine traurige, aber das sind ja eigentlich alle großen Komödien. Dass es allerdings so schnell einen derart überzeugenden Vorschlag für eine filmische Antwort auf Corona geben würde, überrascht angesichts der unmittelbaren Befangen- und Betroffenheiten von Filmemacher*innen wie Zuschauer*innen dann aber doch. Radu Jude beweist hier eine wirklich beeindruckende künstlerische Furchtlosigkeit, indem er die absurde Komik, die wir als Beteiligte an den aktuell so erbittert geführten diskursiven wie sozialen Schlachten der Gegenwart oft selbst nicht zu sehen vermögen, kurzerhand zur künstlerischen Waffe der Wahl erklärt.

    Der Horror der Geschichte und Gegenwart – von A bis Z


    Die Verklärung einer ernsten Lage, so ein häufig gehörter Vorwurf gegen die humoristische Bearbeitung kontroverser Themen, wird dem ebenso militanten wie unversöhnlichen „Bad Luck Banging Or Loony Porn“ freilich kaum jemand vorwerfen können. Und überhaupt: Wo es ihm wichtig sei, die Wahrheit zu zeigen, da entscheide er sich stets für die Fiktion, so Jude in den von Untertiteln kommentierten Anekdoten des zweiten Kapitels. Unter dem Titel „A Short Dictionary Of Anecdotes, Signs and Wonders“ präsentiert der Regisseur in der Mitte seines Films genau das: ein enzyklopädisches Kompendium von A bis Z, das in oft zynischen Aphorismen Begriffe aus der rumänischen Geschichte mit Überlegungen zur Sexualität oder der Rolle des Kinos verknüpft. Die Kinoleinwand, so heißt es da etwa, sei vergleichbar mit dem polierten Schild der Athene, in dem gespiegelt man den Medusen plötzlich ins Gesicht schauen kann, obwohl deren grauenvoller Anblick einen ansonsten zu Stein erstarren ließe.

    In Acht nehmen müsste man sich freilich davor, dass das, was man zum Ausdruck bringen will, nicht zum bloßen Selbstgespräch gerinnt: Nicht ohne eine gewisse Hochachtung berichtet Jude gegen Ende des zweiten Teils von einem 1.500 Seiten umfassenden Buch mit Briefen an Albert Einstein und Papst Pius XII., das aus dem einfachen Grund lediglich die Briefe des Verfassers Giulio Ser Giacomi enthält, dass ihm keiner der beiden berühmten Männer jemals geantwortet hat. In Judes Hinwendung zu abstrakteren Formen des Kinos, zuletzt etwa mit den beiden im Rahmen der Berlinale 2020 gezeigten Arbeiten „The Exit Of The Trains“ und „Uppercase Print“, konnte man, so man Böses wollte, durchaus auch eine Form des künstlerischen Selbstgesprächs sehen.

    In der so grellen wie bissigen Komik von „Bad Luck Banging Or Looney Porn“, die eher an Judes formal gleichermaßen verspieltes Meisterwerk „Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen“ (ebenfalls 5 Sterne bei FILMSTARTS) erinnert, lässt sich keine bewusste konzeptuelle Unzugänglichkeit spüren – eher eine überbordende Lust, in alle Richtungen gleichermaßen auszuteilen, verbunden mit einer ungebändigten formalen Kreativität.

    In Corona-Zeiten brechen sich die Aggressionen besonders schnell Bahn - auch im Supermarkt und auch im Häschenkostüm.


    Im dritten Teil, „Praxis and Innuendos (Sitcom)“ wird „Bad Luck Banging Or Loony Porn“ dann zum immer schriller überzeichneten Schauprozess, in dem sich Emi vor den aufgebrachten Eltern rechtfertigen muss. Unter diesen können sich zwar einzelne daran erinnern, in den Achtzigern in den ungeheizten Apartmentblocks auch schon mal Oralsex ausgeübt zu haben. Aber der größere Teil, mitunter direkt in Militäruniform aufmarschierend, vermutet hinter der Praktik eher jüdische Propaganda. Sie habe sich auf Facebook gegen ein Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe ausgesprochen, so lautet ein weiterer Vorwurf. Das sei doch ihr gutes Recht, antwortet Emi. Ja, aber was hat das Recht damit zu tun, so die ernstlich verwirrte Entgegnung.

    Wenige Argumente und viele Vorwürfe werden ausgetauscht, irgendjemand schreit fortwährend obszöne Witze dazwischen, ein an die Cartoon-Maus Speedy Gonzales erinnerndes keckerndes Lachen wird gleich mehrmals eingespielt, und am Ende wird abgestimmt. Vom Ergebnis präsentiert uns der Film dann gleich mehrere Varianten, und wenn eine davon darauf hinausläuft, dass Wonder Woman mit einem Riesendildo die komplette bessere Gesellschaft Rumäniens fickt, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Radu Jude darin auch ein sehr reales und sehr persönliches Bedürfnis zum Ausdruck bringt.

    Fazit: Mit ätzendem Humor und beißender Kritik nimmt Radu Jude die rumänische Gesellschaft ziemlich restlos auseinander und inszeniert nebenbei auch noch den ersten großen Film über die Absurditäten der Coronazeit gleich mit.

    PS: Während des Sextapes hängt im Hintergrund an der Schlafzimmerwand ein Filmplakat von „Touch Me Not“, jenem eher verdruckst-esoterischen rumänischen Arthouse-Sexfilm, der 2018 den Goldenen Bären gewann und dessen Regisseurin Adina Pintilie in diesem Jahr als Mitglied der sechsköpfigen Berlinale-Jury über Judes Film mit zu befinden hat.

    Eine Filmkritik von Jochen Werner

    Wir haben „Bad Luck Banging Or Loony Porn“ im Rahmen der Berlinale 2021 gesehen, wo er in den offiziellen Wettbewerb eingeladen wurde.

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