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    Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr

    90-Jähriger macht einen auf 9-Euro-Ticket extrem!

    Von Lars-Christian Daniels
    Dass man mit eisernem Durchhaltevermögen und ausreichend Zeit im öffentlichen Nahverkehr nicht nur kurze Strecken zurücklegen, sondern auch viele hundert Kilometer weit reisen kann, zeigte sich hierzulande vor allem in den Tagen nach Einführung des vieldiskutierten 9-Euro-Tickets der Deutschen Bundesbahn: Kaum waren die billigen Fahrscheine zu haben, machten sich etwa im Juni 2022 viele hundert Punks aus allen 16 Bundesländern nach Sylt auf – jene deutsche Urlaubsinsel also, auf der sich ansonsten vor allem die Reichen und Schönen der Republik die Sonne ins Gesicht scheinen lassen.

    In Gillies MacKinnons gefühlvoller Tragikomödie „Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr“ liegt der Fall durchaus ähnlich: Auch hier reichen der titelgebenden Hauptfigur ein Dutzend Überlandbuslinien, um sich mit eisernem Willen und einem kostenfreien Seniorenticket aus dem Norden Schottlands bis in den südwestlichsten Zipfel des britischen Königreichs vorzuarbeiten. Dass diese Reise nicht nur weitsichtige Planung erfordert, sondern auch noch so manche weitere Herausforderung mit sich bringt, versteht sich von selbst: Der Engländer, um den sich in diesem Film alles dreht, hat nämlich nicht nur ein hohes Alter erreicht, sondern ist auch noch schwer krank.

    Der 90-jährige Tom Harper (Timothy Spall) lässt sich auch von kleineren Verletzungen nicht aufhalten.


    Der 90-jährige Tom Harper (Timothy Spall, in jungen Jahren: Ben Ewing) muss einen schmerzlichen Verlust verkraften: Seine Ehefrau Mary (Phyllis Logan, als junge Frau: Natalie Mitson) ist verstorben. Da auch Tom wegen seiner Krebserkrankung dem Lebensende entgegenblickt und seiner geliebten Mary posthum einen letzten Wunsch erfüllen möchte, reist er nur mit einem kleinen Koffer unter dem Arm aus seiner Wahlheimat, dem 300-Seelen-Dorf John O'Groats im nordöstlichsten Teil Schottlands, an den südwestlichsten Punkt Englands. In dem abgelegenen Örtchen Land’s End hatten sich Mary und Tom in der Nachkriegszeit kennengelernt.

    Hierhin soll im regnerischen Herbst Großbritanniens die letzte Reise seines langen und erfüllten Lebens führen. Unterwegs trifft Tom zahlreiche Menschen, die ihn für sein Durchhaltevermögen bewundern. Aber er steht auch vor logistischen Hürden: Er legt die über 1.300 Kilometer lange Reise nämlich nicht etwa mit dem Auto oder dem Schnellzug zurück, sondern im Bus. Weil er kein Handy hat und keine Nachrichten verfolgt, ahnt er nicht, dass sich seine Geschichte schon bald im ganzen Land herumspricht…

    Hier steigt niemand aus dem Fenster


    Der lange deutsche Filmtitel und das Alter der Hauptfigur legen es durchaus nahe, deshalb gilt es zunächst mit einem möglichen Irrglauben aufzuräumen: „Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr“ steht in keinem Zusammenhang zur populären Jonas-Jonasson-Verfilmung „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ oder der Fortsetzung „Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand“. Es handelt sich eher um einen Marketingtrick: Der in der britischen Originalfassung pragmatisch mit „The Last Bus“ betitelte richtet sich im Kinosommer 2022 zwar an eine ähnliche Zielgruppe, schlägt aber deutlich ernstere Töne an. Wer sich auf eine heitere britische Feel-Good-Komödie gefreut hat, sitzt hier im falschen Film.

    Unter Regie von Gillies MacKinnon („Marrakesch“) bleiben humorvolle Momente eher die Ausnahme – und doch macht das warmherzige und prachtvoll fotografierte Senioren-Roadmovie großen Spaß. Das liegt auch am einmal mehr überragenden Timothy Spall („Mr. Turner“), der unsere Herzen in seiner Hauptrolle in Rekordzeit erobert: Der kauzige Tom, der schon im zarten Alter von 15 Jahren im Zweiten Weltkrieg als Bahrenträger diente, ist nämlich keine dieser mürrischen Rentner-Figure, die sich die Sympathien im Verlauf eines Films erst hart erarbeiten müssen. Tom ist ein sensibler und einfühlsamer Witwer mit unerschütterlichen Prinzipien, der trotz seiner Gebrechlichkeit bei Autopannen mitanpackt, bei Rassismus den Mund aufmacht und mittellosen Diebinnen sogar noch Geld zusteckt, wenn die ihm gerade seinen Koffer klauen wollten.

    Tom lernt auf seiner langen Busfahrt nicht nur die verschiedensten Menschen kennen, sondern macht auch tierische Bekanntschaften...


    Liest sich fast kitschig, ist es auf der Leinwand aber selten – etwa dann, wenn Tom bei einem nächtlichen Zwischenstopp unverhofft zwischen alkoholisierten Fußballfans und aufgekratzten Junggesellinnen landet und im Eifer des Gesangsgefechts leise „Amazing Grace“ anstimmt. Ansonsten trifft MacKinnon die richtigen melancholischen Töne und sorgt trotz der überraschungsarmen Dramaturgie vor allem im Schlussdrittel für große Gefühle. Antriebsfeder der Geschichte aus der Feder von Drehbuchautor Joe Ainsworth sind die Fragen, ob Tom sein großes Ziel am „Ende der Welt“ wirklich erreicht und was sich wohl in seinem Koffer befindet. Sein Trip durch Schottland und England ist nicht nur eine Reise in den Südwesten, sondern auch eine von Aufbruch, Abschied und Erinnerungen geprägte Reise in die Vergangenheit.

    Einem Rentner bei einer ewig langen, nostalgisch angehauchten Busfahrt zuzusehen, trägt allein natürlich keinen Film – und doch schleicht sich in „Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr“ keine einzige Minute Leerlauf ein. Das liegt nicht nur an der angenehm knappen Spieldauer, sondern auch am emotionalen Unterbau, der durch das elegante Verschmelzen der Zeitebenen aus verschiedenen Jahrzehnten entsteht: Die Filmemacher*innen richten ihren Scheinwerfer oft auf Toms von Schicksalsschlägen geprägte, aber glückliche Ehe mit Mary. Und je länger der Senior unterwegs ist, desto mehr begreifen wir, wie unerschütterlich sein Wille sein muss, sein großes Ziel am Ende zu erreichen.

    Fazit: Einfühlsames Roadmovie mit einem starken Hauptdarsteller – dramaturgisch allerdings ausrechenbar und nicht ganz frei von Kitsch.

     

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